Es sollte ein Fest der Versöhnung werden. Zum ersten Mal will die Sudetendeutsche Landsmannschaft an diesem Pfingstwochenende ihren Jahrestag auf tschechischem Boden abhalten, auf Einladung einer Gruppe von Intellektuellen und des Brünner Dialogfestivals „Meeting Brno“. Doch nun nutzt vor allem die rechtsextreme SPD, einer der Koalitionspartner von Ministerpräsident Andrej Babiš, das Thema, um die eigene Wählerschaft zu mobilisieren. Am Dienstag hatte SPD- und Parlamentschef Tomio Okamura kurzfristig einen Resolutionsentwurf gegen das Treffen zur Debatte gestellt. Dort wird behauptet, die Sudetendeutschen wollten die Nachkriegsordnung infrage stellen und die historische Verantwortung Deutschlands relativieren. Die Veranstalter werden darin aufgefordert, von dem Treffen in Brünn abzusehen. Babiš: „Wirklich keine gute Idee“ Die Abgeordneten diskutierten in der Nacht über Stunden ohne Ergebnis. Am Mittwochabend beschloss die Mehrheit schließlich, die Sitzung noch vor der Abstimmung über den Entwurf zu beenden. Oppositionspolitiker betonten anschließend, dass es sich um eine lagerübergreifende Vereinbarung handele, gegen die nur die Abgeordneten der SPD gestimmt hätten. Der Fraktionsvorsitzende der oppositionellen ODS-Fraktion, Marek Benda, sprach von einem „verzweifelten Versuch“ der SPD, „einen äußeren Feind zu finden“. Der tschechische Ministerpräsident Babiš hatte in den vergangenen Monaten versucht, das für seine Regierung heikle Thema zu umgehen. Auch sein zweiter Koalitionspartner, die Motoristen von Außenminister Petr Macinka, sprechen sich gegen den Sudetentag in Brünn aus. Im Februar hatte Babiš während eines Besuches bei Bayerns Ministerpräsident Markus Söder das Treffen noch als private „Bürgerinitiative“ bezeichnet, die für die Regierung kein Thema sei. Nun nannte er einen sudetendeutschen Tag „irgendwo auf tschechischem Gebiet wirklich keine gute Idee“, da das Thema vor allem bei älteren Bürgern große Emotionen hervorrufe. Rund drei Millionen Vertriebene Rund drei Millionen Sudetendeutsche waren nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch die sogenannten „Beneš-Dekrete“ aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben worden, da man ihnen eine kollektive Mitschuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten zur Last legte. Vor allem von Bayern aus kämpfen die Sudetendeutschen seither für die Anerkennung des von ihnen empfundenen Unrechts, wobei in den letzten Jahrzehnten vor allem die Versöhnung im Mittelpunkt stand. Dennoch sieht der oberste Vertreter der Sudetendeutschen, der frühere CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, etwas Positives an der aktuellen Diskussion in der Tschechischen Republik. „Durch die Anfeindungen der extremen Rechten ist eine breite Debatte entstanden und wir bekommen Zuspruch von vielen Seiten“, sagte Posselt der F.A.Z. Auch immer mehr tschechische Politiker würden sich nun offen zum Treffen in Brünn bekennen. So komme der Verständigungsprozess weiter in Gang.
