Julian Schuster hatte keine Stutzen mit braunen Flecken an. Auch kein rotes Trikot. Julian Schuster lief mit einem schwarzen Pulli und einer schwarzen Kappe vor die Freiburger Kurve. Dort aber sangen sie in der Abendsonne von Vigo das Lied, das sie auch schon gesungen hatten, als Schuster noch verschwitzt vor ihnen gestanden hatte. „Unser Capitano legt sich gern mal in den Dreck“, der erste Vers, Schuster lächelte. „Morgens isst er Müsli, abends geht er früh ins Bett“, die Augen des Trainers glänzten. „Oh, Julian Schuster, du alter Gauner, schieß noch ein Tor!“ Er zog seine Kappe und drehte sich um. Der SC stand im Halbfinale des Europapokals. Schuster war ewig Spieler der Freiburger. Dann Kapitän. Später betreute er die Talente des Klubs, die es in die Bundesliga schaffen wollten. Heute trainiert er alle, die jungen und die alten Spieler. Und das erst zwei Jahre nachdem er sich auf den Platz gesetzt hatte, der seinem großen Vorgänger Christian Streich gehört hatte. Wie hat es der Trainer des SC Freiburg ins Europapokalfinale geschafft? „Den Gauner interpretiere ich als positiv“ Schuster, 41 Jahre alt, 1,89 Meter groß, immer schon schmal gebaut, war nie der beste Fußballspieler. Er lernte das Spiel nicht in einem Internat, sondern beim Landesligaklub FV Löchgau. Später wechselte er in die Regionalliga zur zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart. Es dauerte Jahre, bis er in die Bundesliga kam. Zum SC, nach ganz oben. Dort angekommen, spielte er mit den Tricks aus der Landesliga. Den Tricks eines Gauners: Er stellte seinen schmalen Körper vor den Ball, er fing die gegnerischen Pässe ab. „Den Gauner interpretiere ich als positiv“, sagte er später mal, als jemand ihn nach dem Lied fragte: „Man versucht sich ja auch während der Spiele immer mal etwas zu ergaunern.“ Schuster stahl den anderen den Raum, und häufig genug auch den Ball. SC-Trainer Christian Streich machte ihn zum Kapitän. Er blieb es auch dann noch, als er kaum noch spielte. Schuster war der Kopf der Freiburger Müslibande. In den weiteren Rollen: Linksverteidiger Christian Günter, mit dem er 98-mal spielte. Innenverteidiger Matthias Ginter, 59 gemeinsame Spiele. Und Mittelfeldspieler Nicolas Höfler, 53 Partien mit Schuster auf dem Platz. Sie stahlen Punkte im ganzen Land mit dem vermeintlich schwächeren, weil günstigeren Team. Und sie dachten an das Freiburger Fußballethos: das Müsli, die Schlafenszeit, den Dreck. Jahre später steht ihr Anführer am Seitenrand und ist der Chef. Das kann gefährlich sein. „Mir war es wichtig, beides zu trennen – Cheftrainer und gemeinsame Vergangenheit“, sagte Schuster der „Sport Bild“. Günter, Schuster und Ginter stehen im Finalkader. Einmal, im Januar dieses Jahres, klagte Abwehrchef Ginter vor den Kameras: „Das Spiel mit dem Ball ist unser ganz großes Problem.“ Er traf damit einen wunden Punkt. Schuster war nicht beleidigt, schoss nicht zurück. Er sagte: Ich und das Team, wir müssen uns gemeinsam verbessern. Das taten sie in der Rückrunde. Schuster selbst ist in der Zwischenzeit aus Streichs Schatten getreten. Immer noch steht die Freiburger Trainerlegende über allem, fast jede Geschichte über den SC beginnt in Streichs kleinem Büro an der Dreisam. Schuster erzählte der „Süddeutschen Zeitung“ anfangs, er zeige seinen Spielern Texte, mit denen sie sich politisch bilden sollen. Das klang nach dem politischsten Trainer des Landes, Streich. Davon ist heute nicht mehr die Rede. Mit den Waffen eines Räubers Schusters Mannschaft ist selbstbewusster geworden, nachdem sie am letzten Spieltag der vergangenen Saison gegen Frankfurt die Champions League verspielt hatte. Der Schuster-SC hat nun etwas geschafft, was dem Streich-SC nicht gelungen ist. Er hat ein Spiel gewonnen, von dem die meisten in Freiburg davor sagten: Das vergeigen die wieder. Das Rückspiel im Halbfinale gegen Braga. Jetzt also das Finale, Istanbul, Beşiktaş-Stadion, gegen Aston Villa. Schuster, der alte Gauner, trifft auf den Professor des Fußballdiebstahls, Unai Emery. Schon viermal hat der spanische Trainer die Europa League gewonnen. Meistens war die andere Mannschaft besser besetzt, einmal kam sie aus Lissabon, einmal aus Liverpool, einmal aus Manchester. Jedes Mal ging Emerys Mannschaft als Sieger vom Feld. Emerys heutiges Team, ein Vorortklub aus Birmingham, zählt seit drei Jahren zu den Spitzenteams der Premier League. Im vergangenen Jahr scheiterten die Engländer im Viertelfinale der Champions League knapp am späteren Sieger aus Paris. Villas Team ist mehr als doppelt so viel wert wie das des Sportklubs. Als sich Ginter am Freitag Villas Spiel gegen Liverpool anschaute, schaltete er den Stream frühzeitig ab. Zu stark schien der Gegner. Emerys Team schoss den englischen Meister 4:2 aus dem Stadion. Die Freiburger schlugen einen Tag später Leipzig 4:1. Sie taten es mit den Waffen eines Räubers: Vincenzo Grifo flankte, in der Mitte köpften die großen Verteidiger oder Stürmer. Noch immer trainieren manche Bundesligateams Eckbälle oder Freistöße nicht. Der SC macht das schon seit Jahren. Auch am Wochenende fielen gegen Leipzig drei Tore nach Standardsituationen. Da waren sie wieder, Schusters Gauner.
