So eine Promenade haben nicht viele Städte am Mittelmeer, und die Menschen in Thessaloniki genießen sie so oder so: in der Sonne flanierend oder joggend, die sieben Kilometer zwischen dem Hafen und der Konzerthalle. In der Ferne flimmert über dem Meer der Olymp. Den Menschen am Fuße seines gewaltigen Bergs war Zeus wohlgesonnen. Denn mit der unübertrefflich schönen Alkmene zeugte er Herakles, und der wurde der Vorfahr von Makedoniens mächtigen Königen, von Philipp II. und Alexander dem Großen, dessen Halbschwester einstmals der Stadt ihren Namen gab: Thessaloniki. Später brachte der Apostel Paulus das Christentum, danach war im Byzantinischen Reich lediglich Byzanz größer und prächtiger. Im Osmanischen Reich ließen sich aus Spanien vertriebene Juden nieder, bald stellten sie fast jeden zweiten Einwohner der prosperierenden Stadt. 1881 wurde der Gründer der Republik Türkei, Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, als Sohn eines osmanischen Beamten in Thessaloniki geboren. Trotz der großen Geschichte steht Thessaloniki heute im Schatten seiner prominenten Nachbarn Athen und Istanbul. Damit geschieht ihm Unrecht. Denn Thessaloniki hat, was Athen fehlt. Athen war nach der Brandschatzung durch römische Truppen zu einem unbedeutenden Dorf herabgesunken, und der Dornröschenschlaf endete erst 1834, als es Hauptstadt des jungen Staats Griechenland wurde. In den langen Jahrhunderten dazwischen jedoch war Thessaloniki eine reiche und pulsierende Metropole. 15 Objekte mit dem Prädikat Weltkulturerbe Mit 15 Objekten, die das Prädikat Weltkulturerbe tragen, geizt die Stadt nicht an Sehenswürdigkeiten. Einzigartig ist das Ensemble byzantinischer Kirchen und Klöster. Das älteste Bauwerk auf der Liste ist die im Jahr 305 von Galerius, der Thessaloniki zur Kaiserresidenz erhoben hatte, errichtete Rotunde. Mutmaßlich ließ er den überwältigenden Kuppelbau zu Ehren des Zeus errichten. In ihm trotzten frühchristliche Mosaiken, die zu den ältesten ihrer Art gehören, allen Umwidmungen des imposanten Gebäudes. Den Unterschied zwischen Athen und Thessaloniki in der Antike macht das Archäologische Museum sichtbar. Während in Athen die Bürger, die über zwei Jahrhunderte keinen König und keinen Herrscher über sich duldeten, Reichtum nicht zur Schau trugen, taten das die makedonischen Könige und ihre Angehörigen exzessiv. Und so zeigt das Museum eine einzigartige Sammlung von Goldfunden aus jener Zeit – Gold, gewonnen aus vier Flüssen und in einer Mine, in allen Arten von Schmuck, repräsentativen Objekten, in Form von Eichenlaub- und Lorbeerkränzen. Aufsehenerregend der erst 2006 entzifferte Derveni-Papyrus, Europas erstes literarisches Schriftstück und seit 2015 Weltdokumentenerbe. In den 266 erhaltenen Fragmenten beschreibt um 340 vor Christus ein Autor, der in der Tradition des mythischen Sängers Orpheus steht, die Entstehung der Götterwelt. So begann Europas schriftliche Literatur. Thessaloniki spiegelt in vielem Byzanz. Was in der Hauptstadt am Bosporus gebaut wurde, sollte es auch in der zweitgrößten Stadt des Reichs geben: eine, wenn auch kleinere, Hagia Sophia, eine mächtige Stadtmauer von König Theodosius, eine Festung mit sieben Türmen (Eftapyrgion, Yedikule). Wie Istanbul war Thessaloniki eine lebendige multikulturelle Stadt. Die Juden lebten nahe am Wasser, die Muslime oben am Hang, die Christen im Zentrum um die zahlreichen Kirchen. Noch immer lebt in den engen Gassen des ehemaligen türkischen Viertels mit seinen Fachwerkhäusern und überhängenden Erkern das Flair der Geschichte, unten im Zentrum locken die Marktgassen mit orientalischem Charme. Im 20. Jahrhundert änderte sich alles schlagartig. Zunächst mit dem Bevölkerungsaustausch von 1922. Muslime galten nun als Türken und hatten zu gehen; aus der Türkei kamen im Gegenzug Christen, denn sie galten nun als Griechen. Dann trieben im Juli 1943 die nationalsozialistischen Besatzer die Juden auf der Plateia Eleftheria, heute ein Parkplatz, zusammen. Von dort wurden sie nach Auschwitz deportiert, keiner überlebte. Thessaloniki war nun eine christlich-griechische Stadt. Noch heute pflegt sie jedoch die Musik ihrer sephardischen Juden, und in den Gassen, etwa um die Plateia Athonos, ist der klagende Rembetiko der griechischen Flüchtlinge aus Kleinasien zu hören. Niemand bleibe ohne Heimat, solange es Thessaloniki gebe, hat einmal ein Dichter geschrieben. An die verlorene Multikulturalität der Stadt knüpft heute das Staatliche Symphonieorchester Thessaloniki an. Seine mehr als hundert Instrumentalisten um Konzertmeister Simos Papanas sind der kulturellen Vielfalt Thessalonikis verpflichtet, mit ihrer Musik machen sie Furore. Neben dem üblichen Repertoire bringen sie unbekannte Komponisten in die Konzerthäuser, zuletzt in die Hamburger Elbphilharmonie und in den Wiener Musikverein, und verschaffen auch der griechischen Musik einen gebührenden Platz. Förderung griechischer Komponisten Ein Schwerpunkt ist die Pflege jüdischer Komponisten. Im Februar kam eine CD mit den Violinkonzerten von Erich Korngold und Joseph Achron auf den Markt, gespielt vom Münchener Jungstar Tassilo Probst. Pionierarbeit leistete das Orchester unter Leitung des deutschen Dirigenten Daniel Geiss beim litauisch-deutschen Komponisten Achron, der sich wie Korngold vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten hatte retten können. Noch nie war sein Violinkonzert, das nur in handgeschriebenen Noten vorgelegen hatte, gespielt worden. Ungewöhnlich war das Programm am orthodoxen Palmsonntag unter dem Motto „Konzert für den Frieden“. Das Orchester wurde von der iranischen Dirigentin Yalda Zamani geleitet, es begleitete die jüdische Violinistin Liv Migdal, und auf dem Programm standen, neben Richard Strauss, Kompositionen aus Libanon, Israel und Iran. Ein Schwerpunkt ist die Förderung griechischer Komponisten, ein anderer die Pflege der Beziehungen zur Türkei, insbesondere zum Pianisten Fazil Say. Sein vom Orchester in Auftrag gegebenes Konzert für Lyra wurde im September 2025 in Wien uraufgeführt. Die Lyra ist mittlerweile ein Markenzeichen des Orchesters. Das siebensaitige antike Zupfinstrument war in Vergessenheit geraten, als sich vor zwanzig Jahren Nikos Xanthoulis, der damalige Solotrompeter der Athener Oper, für die Lyra zu interessieren begann. Er studierte auf Tausenden antiken Keramiken die Darstellung von Lyraspielern, wie sich die Hände und Finger zueinander verhalten. Dem Instrument entlockt er faszinierende Klänge, die über drei Oktaven reichen. Auch Bach lässt sich auf der Lyra spielen. Komponisten wie Fazil Say und Lowell Liebermann schrieben für Xanthoulis Konzerte. Der wichtigste Komponist für das Instrument ist Xanthoulis selbst, der früher Theatermusik komponiert hatte. Nach Vorbildern in Museen wurde die Lyra, die Xanthoulis spielt, nachgebaut. Ebenso eine 8000 Jahre alte Flöte aus einem Ziegenknochen, der der Flötist Dimitris Kountouras wundersame Töne entlockt. In einem neuen Projekt des Orchesters erklingen diese Instrumente – zusammen mit anderen Flöten, etwa einer zweistimmigen Doppelflöte, Geigen und einer Singstimme – in der Tropfsteinhöhle Petralonas nahe Thessaloniki. Ein öffentlich zugänglicher Rundgang führt durch die Höhle, in der ein Schädel und Knochen gefunden worden sind, deren Alter auf 290.000 Jahre geschätzt wird. Hier haben Vorfahren des Neandertalers gelebt. Nirgendwo sonst dürfte es bislang Konzerte mit Musik aus acht Jahrtausenden gegeben haben. Der Bogen reicht von der Jungsteinzeit über die Antike, das Mittelalter und den Barock bis zur Moderne, Letztere mit Stücken wie „Sequenza“ für Flöte oder Singstimme von Luciano Berio. So werde erfahrbar, dass Musik untrennbar zur Existenz des Menschen gehöre, sagt der Konzertmeister und Komponist Simos Papanas. Thessaloniki tritt aus dem Schatten, den seine großen Nachbarn Athen und Istanbul werfen. Anreise Es gibt ab Berlin, Memmingen, München, Düsseldorf und Frankfurt am Main täglich Direktflüge nach Thessaloniki. Weitere Infos zu Reisen nach Griechenland unter www.visitgreece.gr, mehr zum Programm des Staatlichen Symphonieorchesters unter www.tsso.gr
