Es gibt in der Kulturszene wenige, die wir so sympathisch finden wie Matthias Lilienthal. Der neue Intendant der Berliner Volksbühne gilt als volksnah im besten Sinne. In bunten T-Shirts, weiten Jeans und Kapuzenjacken duzt er alle, ob Ministerin oder Reinigungskraft. Was wir außerdem an ihm schätzen, sind seine originellen Ideen. So begann sein Debüt als Intendant der Münchner Kammerspiele 2015 mit einem provisorischen Sozialwohnprojekt in Münchens Luxusvierteln. Zum Ärger der Schickeria lud er die Bürger ein, eine Nacht in Hütten aus Recyclingmaterialien wie Europaletten und Plastikplanen zu verbringen, um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Typisch Lilienthal: Das Theater verlässt die Bühne, mischt sich ins Leben ein, macht gesellschaftliche Probleme sinnlich erfahrbar. Als wir erfuhren, dass er im August die Leitung der Berliner Volksbühne übernimmt, ahnten wir: Da kommt noch eine Überraschung. Und so war es. Am 7. August eröffnete er das temporäre „Volksbad“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Der stilechte Pool mit Pommesbude und Umkleidekabinen war als Protestaktion gegen den Verfall der städtischen Infrastruktur und die Schließung öffentlicher Bäder gedacht. Ein Coup. Auch wenn sich der Bund der Steuerzahler über die Verschwendung von Theatersubventionen – immerhin 300.000 Euro – beklagte, kam das Projekt beim Publikum gut an. Die Tickets für die kostenlosen Badeslots waren innerhalb weniger Minuten vergriffen. Auch wir waren nicht schnell genug, als wir unseren Berlinbesuch planten. Rassismus gegen Weiße? Etwa eine Woche nach der Eröffnung drehte sich die Debatte jedoch um etwas anderes als die Sanierung öffentlicher Gebäude. Stattdessen ging es um Rassismus, „Safe Spaces“ und Diskriminierung. Losgetreten wurde das durch einen Instagram-Post einer jungen CDU-Kommunalpolitikerin, die sich beklagte, am Freitag vom Eintritt ausgeschlossen zu sein. Der Grund: Auf der Website der Volksbühne stand, dass das Bad an diesem Freitag von 12 bis 18 Uhr „exklusiv für Schwarze Communities geöffnet“ sei. „Ich darf nicht ins Freibad, weil ich weiß bin“, klagte sie in einem selbstgedrehten Video, das viral ging. Was folgte, entsprach dem klassischen Drehbuch der Skandalisierung. Rechte und konservative Influencer wetterten gegen die „Diskriminierung von Weißen“ und eine „staatlich finanzierte Rassentrennung“. Schnell sprang die AfD auf das Thema auf. Alice Weidel fragte in einem Post, ob es dabei um „Apartheid als Vorbild für Deutschland“ gehe. Irgendwann schaltete sich die Volksbühne ein und änderte die Formulierung auf der Website: Fortan war nicht mehr von „exklusiv für Schwarze“ die Rede, sondern lediglich davon, dass der sechsstündige Slot für den Verein EOTO („Each One Teach One“) reserviert sei, der sich für die Interessen schwarzer Menschen einsetzt. Doch da war es bereits zu spät. Der Verein erhielt zahlreiche rassistische Drohungen, woraufhin die Veranstalter das Schwimmen „aus Sicherheitsbedenken“ absagten. Statt plantschender Kinder war am Freitag auf dem Rosa-Luxemburg-Platz nur ein Banner mit der Aufschrift „Fickt euch!“ zu sehen. Ob es von Lilienthal, dessen Höflichkeit sonst zu seinen Markenzeichen gehört, als Teil der Kunstaktion gedacht war oder bloß Ausdruck schierer Verzweiflung, wissen wir nicht. Der Webfehler in der ursprünglichen Idee Die Absage erinnert daran, wie aggressiv es in öffentlichen Debatten zugeht und wie soziale Medien als Brandbeschleuniger fungieren. Es ist erschreckend, dass eine öffentliche Institution eine Veranstaltung aus Angst vor rechten Angriffen absagen muss. Dass die Volksbühne zur Zielscheibe einer rechten Kampagne geworden ist, bedeutet dabei nicht zwangsläufig, dass die ursprüngliche Idee – ein Badeslot exklusiv für die schwarze Community – richtig war. Wir finden, es braucht eine aufgeklärte Debatte darüber, wo Safe Spaces für Minderheiten geschaffen werden sollen – und wo sie fehl am Platz sind. Wenn wir Demokraten nicht in der Lage sind, darüber kontrovers und ohne Skandalisierung zu diskutieren, überlassen wir das Feld der AfD, die keine Gelegenheit verpasst, solche Vorfälle für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Diskriminierung von Weißen ist in dieser Diskussion gerade nicht das Problem. Es geht um unser Zusammenleben. Und die Vorstellung, dass mit einer gut gemeinten Segregation – also Safe Spaces im öffentlichen Raum – der Rassismus in unserer Gesellschaft bekämpft werden kann, ist irreführend. Streit anlässlich der Ausstellung „Das ist kolonial“ Für uns ist zum Beispiel unsere Familie ein Safe Space. Doch das gilt nicht für jeden. Es ist nachvollziehbar, dass andere Angehörige einer Minderheit geschlossene Räume suchen, in denen sie unter sich bleiben und sich ohne die Anwesenheit Außenstehender sicher und vertraut fühlen können. Deshalb sind Vereine wie EOTO wichtig. Im aktuellen Fall wäre es nicht abwegig gewesen, den Badeslot als geschlossene Veranstaltung für die Mitglieder des Vereins von Anbeginn zu kommunizieren. Mit der Ankündigung eines exklusiven Eintritts für die schwarze Community wurde jedoch – bewusst oder unbewusst – eine andere Vorstellung geweckt. Man stellt sich vor, wie am Eingang des Schwimmbads geprüft wird, ob jemand „schwarz genug“ ist, um hineinzukommen. Das ist nicht die erste Debatte über Safe Spaces in öffentlichen Räumen. 2023 entbrannte sie anlässlich der Ausstellung „Das ist kolonial“ im Dortmunder LWL-Museum Zeche Zollern. Dort wurde samstags zu bestimmten Zeiten der Zutritt für Schwarze und andere von Rassismus betroffene Menschen empfohlen. Sie wollten ihnen „einen geschützten Raum geben, in den sie sich zurückziehen und offen austauschen können“, lautete die Begründung. In der Debatte kamen nur zwei Positionen zur Sprache: Entweder die der AfD und rechter Aktivisten, die dem Museum Rassismus gegen Weiße vorwarfen. Oder die Rechtfertigung der Entscheidung, die Fraktionen von CDU, SPD und Grüne in NRW bei einer gemeinsamen Erklärung formulierten. Auch hier blieb die Frage auf der Strecke, welchen Einfluss ein solches Konzept auf unser Zusammenleben hat. Alter und Geschlecht ist etwas anderes als Rasse Auch Schwimmbad-Diskussionen über Safe Spaces gab es schon: In Frankfurt schlug vor einiger Zeit eine islamische Gemeinde vor, ein eigenes Bad ausschließlich für Muslime einzurichten. Gerade muslimische Frauen, die einen Burkini tragen, also einen Ganzkörperbadeanzug, erfahren regelmäßig Anfeindungen. Eine Freundin erzählte uns einmal, dass sie das Schwimmen aufgeben wolle, weil sie als „dreckig“ und „stinkend“ beschimpft werde. Von muslimischen Männern hörte man, dass sie aus religiösen Gründen nicht neben leicht bekleideten Frauen schwimmen möchten. Für viele schien die Idee einen Moment lang nachvollziehbar: Ein geschützter Raum für Muslime, frei von Diskriminierung und anderen Konflikten. Gut gemeint. Letztlich aber werden die Filterblasen und Echokammern, die den digitalen Raum dominieren, in öffentliche Räume transferiert – obwohl es eben Räume sind, die eigentlich allen gehören. Gehen wir das einmal konkret durch: Wer entscheidet an der Tür, wer als Muslim gilt? Muss man am Eingang die Schahada aufsagen, also das islamische Glaubensbekenntnis? Wenn die gelobte Selbstbestimmung das Prinzip ist – à la „Ich entscheide, wer ich bin“ –, kann ja letztlich jeder wieder hinein. Also, wer legt fest, wer dazugehört und wer nicht? In einem öffentlichen Schwimmbad treffen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen aufeinander. Die beste Übung in Toleranz besteht darin, den Anblick schwimmender Menschen in jedweder Badebekleidung zu ertragen. Für die einen ist es gewöhnungsbedürftig, Frauen im Bikini zu sehen, für die anderen Frauen im Burkini. Nicht die Segregation, sondern die alltägliche Begegnung mit dem bislang vermutlich Unbekannten ist für ein gelingendes Zusammenleben unabdingbar. Wenn für jede Gruppe anhand eines Identitätsmerkmals ein eigener, abgesicherter Raum geschaffen wird – hier Schwarze, dort Juden oder Muslime, hier Roma, dort Menschen mit Behinderung, an anderer Stelle Transfrauen –, zerfällt die Idee einer gemeinsamen Öffentlichkeit in lauter Enklaven. Der Versuch, öffentliche Räume nach einem politisierten Prinzip von Identität zu organisieren, setzt die Grundprinzipien der Demokratie unter Druck. Was als Schutz vor Diskriminierung erst einmal plausibel klingt, mündet in eine paradoxe Bewegung: Ausgerechnet im Namen der Vielfalt wird diese räumlich getrennt. Man kann natürlich darauf hinweisen, dass auch öffentliche Räume teilweise oder ganz exklusiv für bestimmte Gruppen reserviert werden. So führt „Die Zeit“ an, dass in Freiburg ein reines Damenbad betrieben wird. Oder dass im hessischen Schwalmstadt der Eintritt in diesem Sommer für alle unter 16 Jahren kostenlos sei. Alle anderen müssen bezahlen. Doch der „Zeit“-Autorin ist dabei eine wesentliche Unterscheidung abhandengekommen. Die Kategorien Geschlecht und Alter werden vom Staat anerkannt. Nicht umsonst werden sie in jedem amtlichen Ausweis angegeben. Die Kategorie „Rasse“ hingegen wird von unserem Staat bewusst nicht – beziehungsweise nicht mehr – erfasst. Zum Glück!
