FAZ 06.10.2026
14:54 Uhr

Tennis-Weltrangliste: Was Alexander Zverev zur verdienten Nummer eins macht


Durch das Saison-Aus von Jannik Sinner wird Alexander Zverev bald zur zweiten deutschen Nummer eins der Tennis-Welt. Der beste Spieler des Planeten ist er trotzdem nicht. Aber er ist etwas anderes.

Tennis-Weltrangliste: Was Alexander Zverev zur verdienten Nummer eins macht

Es gilt als kleiner Makel, wenn Fußballmannschaften „auf der Couch“ zum Meister werden. Wenn ihr Vorsprung durch die Ergebnisse ihrer Verfolger uneinholbar groß wird, während sie selbst gar nicht auf dem Platz stehen. Folgt man dieser Logik, wäre es demnach auch für Alexander Zverev lediglich ein Triumph mit Fußnote, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als zweiter Deutscher nach Boris Becker zur Nummer eins der Tennis-Weltrangliste wird. Die Nachricht, dass der bislang Führende Jannik Sinner seine Saison wegen einer Knieverletzung vorzeitig beenden muss, kam schließlich am Dienstagnachmittag, zwei Tage nachdem Zverev beim Turnier in Peking gegen Novak Djokovic ausgeschieden war. Die Rechnung geht nun so: Zverev hat derzeit 9720 Punkte zu Buche stehen, würde aber, selbst wenn er von nun an kein Match mehr gewinnt, am Saisonende bei 8740 stehen. Sinner wiederum liegt derzeit bei 11.000 Punkten verliert aber noch 3500 davon. Der zurzeit drittplatzierte Carlos Alcaraz wiederum, der in dieser Saison ebenfalls fünf Monate verletzt pausieren musste, könnte höchstens noch auf knapp mehr als 9000 Punkte kommen, würde er von nun an in jeder verbleibenden Woche ein Turnier spielen und gewinnen. Realistischer ist deshalb, dass Zverev spätestens Anfang November offiziell die Spitze der Rangliste erreicht. Die Gunst der Stunde genutzt Es ist zweifellos ein wenig kurios, dass Zverev seinen lange gehegten Traum in einem Jahr erfüllt, das insgesamt betrachtet nicht einmal zu seinen besten gehört. Er hat in dieser Saison bislang noch kein Turnier der 1000er-, 500er- oder 250er-Kategorie gewonnen, was in der vergangenen Dekade nur im Jahr seiner schweren Bänderverletzung 2022 der Fall war. Er hat schon jetzt so viele Matches verloren wie beispielsweise 2021 in der gesamten Saison. Er gewann 2026 gerade einmal zwei seiner bisher zehn Duelle mit anderen Top-Ten-Spielern. Doch Zverev hat in diesem Jahr in einem anderen Punkt brilliert: Er hat es geschafft, die außerordentliche Gunst der Stunde zu nutzen. Bei den French Open und den US Open gewann er seine ersten beiden Grand-Slam-Titel, weil er als „best of the rest“ zur Stelle war, als Sinner und Alcaraz entweder verletzt nicht am Start waren oder ausschieden, weil sie nicht topfit waren. Es ist zwar falsch, das als deren eigenes Verschulden darzustellen, wie Zverevs Bruder und Manager Mischa das jüngst in einem Interview mit Sport1 tat. Es ist aber richtig, das als Verdienst Zverevs zu begreifen, der seit Jahren zu den fittesten Profis auf der Tour gehört und gelernt hat, die Belastung klug zu steuern. Zverev ist weiterhin nicht der derzeit beste Tennisspieler des Planeten. So sagte er das nach dem Sieg bei den US Open selbst und verwies auf seine Bilanz in direkten Duellen mit den beiden wahren Dominatoren. Gegen Sinner hat er in den vergangenen zwei Jahren alle zehn Duelle verloren, gegen Alcaraz vier von sechs. Die Weltrangliste ist aber kein Ausweis davon, wer zurzeit der beste Tennisspieler der Welt ist, sondern wer im Zeitraum von zwölf Monaten der konstanteste war. Und das war seit Jahresbeginn mit großem Abstand Alexander Zverev. Dass ihn dies nun sogar „auf der Couch“ zur Nummer eins machen könnte, ist kein Makel, sondern der verdiente Lohn.