Die „Hauptstraße“ mutet an wie ein besserer Wirtschaftsweg. Kurz sind wir beim Abzweigen verunsichert: Dürfen hier überhaupt Autos fahren? Das Navi hat allerdings genau die Route gewählt, um von Kassel aus über hügeliges Gelände das Dorf Balhorn anzusteuern, den ältesten Ortsteil der Kur-Kleinstadt Bad Emstal im Landkreis Kassel. Und dann sieht man auch schon die Ortschaft im Tal liegen, eingebettet in die Ausläufer des Naturparks Habichtswald. Mittendrin: die Evangelische Kirche mit ihrer barocken Turmhaube. Wir fahren geradewegs in die Dorfmitte, wo an einer markanten Kurve der Dorfmittelpunkt und der Grund für unsere Reise Anfang April liegt: der Supermarkt Tante Enso. Er ist einer von bisher drei automatisierten Lebensmittelmärkten des Bremer IT-Start-ups Enso eCommerce GmbH in Hessen und hat, wie alle weiteren rund 90 Ensos in Deutschland, an sieben Tagen rund um die Uhr geöffnet. Das Besondere: Mehrere Stunden am Tag sind die Märkte mit Personal besetzt. Dann kommen Kunden auch ohne Enso-Karte herein, können mit Bargeld an der Kasse bezahlen und auch mal ein Wort mit der Kassiererin wechseln – diese soziale Komponente ist den Betreibern aus Bremen wichtig. 600 Teilhaber und ein gutes Gemeinschaftsgefühl Tante Enso in Balhorn ist im Erdgeschoss einer versetzten Doppelhaushälfte mit Klinkersockel untergebracht – ein Haus vermutlich aus den Siebzigern, zweckmäßig eingerichtet und größer als erwartet, mit einem großzügigen Parkplatz davor. 40 Jahre, bis Anfang 2025, war an der Stelle ein Edeka-Markt. Die Kaufleute hätten das viele Jahre gemacht, für eine neue Generation jedoch keine Zukunft mehr gesehen, erzählt Florian Degenhardt, der für die „Balhorner Liste“ im Ortsbeirat sitzt und zu den Bewohnern gehört, die gern „selbst mit anpacken“. Noch bevor überhaupt publik wurde, dass Edeka schließt, wurde der Ortsbeirat aktiv. „Uns war klar, wir müssen einen Ersatz finden“, sagt Degenhardt. Die nächsten Einkaufsmöglichkeiten sind gute fünf Kilometer von Balhorn entfernt, in Sand, dem Hauptort von Bad Emstal. Also bewarb sich der Ortsbeirat bei Enso für das Dorfladen-Konzept und trommelte für den Kauf von Mitgliedschaften. Tante Enso kommt erst dann an einen Ort, wenn sich eine festgelegte Anzahl an Bürgern als Teilhaber registriert und einen Mindestanteil von je 100 Euro gezeichnet hat. In Balhorn waren es vom Stand weg 600, sagt Degenhardt, mehr als genug. Den gemeinschaftlichen Spirit, den die Bremer Supermarktbetreiber mit ihrem Genossenschaftsmodell auf dem Land suchen – in Balhorn mussten sie ihn nicht lange suchen. Das Vereinsleben ist rege. Ein Förderverein kümmert sich um den Betrieb eines Waldschwimmbads. Seit 20 Jahren stellt der Ort regelmäßig einen Weihnachtsmarkt mit vielen Ständen auf die Beine. Es gibt zwei Allgemeinmediziner, ein großes Fahrradgeschäft, ein orthopädisches Schuhgeschäft. Das ist erstaunlich viel Infrastruktur für einen Ort mit gerade einmal 1700 Einwohnern. „Jeder verbindet etwas mit dem Laden“ „Hier passiert sehr viel“, sagt Degenhardt. Dazu passt, dass bei der Eröffnung von Tante Enso im vergangenen Sommer, nach vier Monaten Lebensmittelpause und Ladenumbau, die Grundschulkinder vor dem Geschäft standen, ein Klatschspiel vorführten und ein Lied sangen. Auch der Bürgermeister schaute vorbei: „Ich freue mich, dass ich nach unseren langen Gemeinderatssitzungen endlich noch einkaufen kann.“ Ein Jahr später ist noch viel vom Einkaufsglück zu spüren, das mit Tante Enso jetzt sieben Tage in der Woche eingezogen ist. „Jeder verbindet etwas mit dem Laden“, sagt Degenhardt. „Jeder fühlt sich auch ein bisschen verantwortlich.“ Ein Renter erzählt: „Meine Tochter, meine Enkeltochter – alle in meiner Familie haben eine Karte.“ Er selbst komme vor allem wegen der günstigen „Ja“-Produkte, der Einstiegspreis-Marke von Rewe. Rewe bestückt etwa 70 Prozent des Gesamtsortiments, der Rest kommt von regionalen Lieferanten. In Balhorn sind das etwa Kartoffeln, Eier und Eierlikör vom Erzeugerhof Bott oder Ahlewurst und Currywurst im Glas vom Sälzerhof Istha, beide aus der Region. Blumensträuße und Gestecke liefert eine Floristikmeisterin, die unweit von Tante Enso, in einem alten Fachwerkhaus, einen Blumenladen betreibt. Die Platten mit gefülltem Streuselkuchen liefert der Dorfbäcker, einer von zwei Bäckereibetrieben am Ort – zu einem gehört ein Café. Beide profitieren wie der Dorfladen vom Tourismus in der Region. Am Rand eines ausgedehnten Buchenwalds liegt ein Fünf-Sterne-Campingplatz mit 80 Dauerplätzen. Urlaub machen kann man auch im Ort. 15 Euro pro Person kostet laut Internet eine Übernachtung bei Else Klein im Doppelzimmer, mit Frühstück. Touristen sieht man bei schönstem Wanderwetter am Gründonnerstag vor Ostern auch mit Rucksack an der Kasse stehen. Es ist ein herausfordernder Morgen für die Mitarbeiterinnen, neue Tiefkühlware ist angekommen, und sie sind „nur zu zweit“. Frische Ware will eingeräumt, die Kasse nebenbei bedient werden. Die Kühltheken brummen, das Neonlicht ist hart. Die Räder der Palettenwagen scheppern laut über den gefliesten Fußboden, wenn sie mit den leeren Kartons zurück ins Lager geschoben werden. Kondome und Julia-Heftchen Die Kunden lassen sich von der Hektik nicht aus der Ruhe bringen. Viele kennen sich. „Dich sieht man ja überhaupt nicht mehr!“, heißt es dann. „Aber jetzt wird es ja wieder wärmer, dann sehen wir uns öfter.“ Ein Mann in Bäckerhose kommt vorbei. „Na, Feierabend?“ Eine ältere Dame zu einer anderen: „Ich gratuliere auch zur Oma. Wie soll es denn heißen?“ Eine kleine Person, die kaum über den Einkaufswagen herausragt, fährt jeden Gang ein paar Mal auf und ab. Andere steuern gezielt die Regale an, in denen Mehl in Demeter-Qualität ebenso zu finden ist wie Bio-Hafermilch oder das Sylter Salatdressing von „Zum Dorfkrug“. Die Obst- und Gemüsetheke ist vor Ostern gut bestückt. Kondome, Julia-Groschenromane und Trauerkarten – auch das findet der Kunde im Laden. Zum Teil zu den gleichen Preisen wie in einem Rewe-Supermarkt in Frankfurt, teilweise aber auch zehn bis 20 Cent teurer. Teilhaber bekommen einen kleinen Rabatt, bis zu vier Prozent sind möglich. Geld verdient das IT-Start-up, das zuletzt schnell gewachsen ist, noch nicht. In diesem Jahr sollen 40 Filialen hinzukommen. Gerade hat das Unternehmen, bei dem der frühere Tegut-Chef Thomas Gutberlet inzwischen das Expansionsgeschäft verantwortet, bekannt gegeben, bis zu 36 Tegut-Standorte in Hessen, Bayern und Thüringen übernehmen zu wollen. Die Vereinbarung mit der Tegut-Muttergesellschaft Migros Zürich steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch das Bundeskartellamt. Florian Degenhardt ist sogenannter Tegut-Pate und als solcher Ansprechpartner für Kunden. Beim Sortiment habe sich vieles erst einspielen müssen, auch bei den Mengen, die gebraucht würden, sagt er. Vor allem am Wochenende. Der Sonntag ist der stärkste Verkaufstag in den Enso-Märkten. Das Konzept sieht vor, dass Kunden ihre Wünsche zu Artikeln, die ihnen fehlen, anmelden können. Die Küche in Nordhessen ist derb. Schmalz, zum Beispiel, habe anfangs gefehlt, sagt ein Rentner. Vor einem halben Jahr wurde im Enso in Balhorn eine Sitzecke mit einem Kaffeeautomaten eingerichtet. Bunte Schalenstühle stehen um einen runden Tisch. Hier kann der Besucher in Ruhe sitzen und die „Wolfhagener Allgemeine“ studieren. In der Gründonnerstag-Ausgabe ist zu lesen, dass die Deutsche Telekom eine Fläche für einen neuen Mobilfunkmast im Dorf sucht. Beschwerden über den schlechten Netzempfang häuften sich im Rathaus. Um zwölf Uhr mittags ist die Öffnungszeit mit Personal beendet. Dann geht die Schiebetür nur noch auf, wenn die Enso-Karte in ein Lesegerät gesteckt wird. Der Kunde bezahlt seine Einkäufe an der Selbstbedienungskasse mit Guthaben auf der Enso- oder mit der EC-Karte. Unpersönlicher wird es deswegen nicht, wie Degenhardt erzählt. Egal um welche Uhrzeit, es sei immer jemand im Laden. „Und den grüßt man dann auch. Das passiert ganz automatisch.“
