FAZ 08.05.2026
09:53 Uhr

TV-Kritik Maybrit Illner: Wer hat Angst vor der KI-Revolution?


Viel Zuversicht herrschte bei Maybrit Illner zu Deutschlands Chancen im globalen Wettlauf um die Künstliche Intelligenz. Doch ein Gast spielte die Rolle des Spielverderbers.

TV-Kritik Maybrit Illner: Wer hat Angst vor der KI-Revolution?

Nein, dieser Text ist nicht mithilfe von Künstlicher Intelligenz entstanden. Und Digitalminister Karsten Wildberger saß auch nicht als mit KI erzeugter Avatar als Talkshowgast bei „Maybrit Illner“. Da geht es ihm besser als seinem Chef Friedrich Merz, der in zahllosen KI-generierten Videos in den sozialen Netzwerken als digitale Witzfigur so viel Häme ertragen muss wie kein Kanzler zuvor. Was vor wenigen Jahren noch für die meisten Menschen wie Science-Fiction klang, ist als KI-Revolution inzwischen im privaten Alltag, in Wirtschaft, der Unterhaltungsbranche, Medien, aber auch in der Rüstungsindustrie nicht mehr wegzudenken. Wie zur Jahrtausendwende das Internet und in den Zehnerjahren das darauf aufbauende Smartphone ist die Anwendung von Künstlicher Intelligenz die bisher gravierendste technische Umwälzung in der Geschichte der Menschheit – mit bisher kaum absehbaren Risiken und Nebenwirkungen. KI setzt viele Branchen unter Druck und droht schon jetzt, ganze Berufszweige überflüssig oder zumindest für Studienabgänger deutlich unsicherer zu machen. Ausgerechnet die Mittelschicht mit ihren vielen Bürojobs bis hin zu Analysten oder Juristen könnte zu den großen Verlierern der KI-Revolution werden, vermutet etwa der Wirtschaftssoziologe Daniel Oesch im Gespräch mit der F.A.Z. Europa hinkt hinter USA und China her Weltweit wird der Wettlauf um den Vorsprung bei Künstlicher Intelligenz inzwischen mit Billionenbeträgen und harten Bandagen geführt. Open-AI-Chef Sam Altman liefert sich nicht nur vor Gericht eine epische Schlacht mit Elon Musk um die illegale Anwendung seiner Trainingsmodelle. Die amerikanischen Techriesen Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft konkurrieren um die Marktführerschaft und investieren rund 725 Milliarden Dollar in den Bau gigantischer KI-Rechenzentren. Auch die Supermächte USA und China wissen um die nicht nur wirtschaftliche Macht von Künstlicher Intelligenz. Der Krieg in der Ukraine zeigt schon jetzt, dass KI-gestützte Drohnenschwärme und Roboterheere den entscheidenden Unterschied auf dem Schlachtfeld bedeuten. Doch während Amerika und China aufs Tempo drücken, hinkt Europa weit hinterher. Auch Deutschland strebt nach digitaler Unabhängigkeit, ist aber bei Plattformen, Rechenleistung und Programmen auf amerikanische Unternehmen angewiesen. Die Runde bei „Illner“ kreiste deshalb vor allem um die zentrale Frage: „Globaler Machtkampf um KI – hat Deutschland noch eine Chance?“ Eine Frage, die gleich vier der Gäste geradezu überschwänglich mit Ja beantworteten. Der seit Jahrzehnten als Digitalisierungs- und Internetexperte und nun auch als KI-Fachmann in solche Runden eingeladene Sascha Lobo schwärmte von der „phantastischen Basis“ hierzulande für eine auch wirtschaftlich erfolgreiche Entwicklung – mit deutschen KI-Forschern, die zur Weltspitze gehörten. Aber wie so oft in Deutschland mangele es an der Transformierung dieses Wissens in ein tragfähiges Geschäftsmodell. Der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar griff ebenfalls zum Adjektiv „phantastisch“, um Deutschlands Chancen mit Hinweis auf den Fachkräftemangel in der Frühzeit der immer noch schleppenden Digitalisierung Deutschlands zu beschreiben: „Wir brauchen klar denkende Menschen und keine Programmierer mehr.“ Staatsmodernisierungsminister Wildberger, der von Merz als Digitalisierungsbeschleuniger in sein Kabinett geholte frühere Manager bei Eon, Vodafone, T-Mobile und Media Markt/Saturn, ist nach einem Jahr im Amt mit „absoluter Überzeugung“ der Meinung: „Wir können aufholen!“ Jeanette zu Fürstenberg, die als Managing Partner bei der Venture-Capital-Gesellschaft General Catalyst das Europageschäft führt, antwortete auf die giftige Frage Illners, ob Deutschland nicht immer noch die digitale Kolonie der USA sei, mit einem indirekt formulierten Jein. Zwar verfügten Amerika und China anders als Europa über riesige Rechenzentren und Clouds. Aber mit dem Aufkommen von KI sei es nun anders. Hier könne Deutschland seine Stärken bei der Anwendung ausspielen, die nun genutzt werden müssten. Was die Digitalunternehmerin damit genau meinte, blieb indes unklar, zumal auch die ansonsten stets gut vorbereitete Maybrit Illner nicht nachhakte. Berechtigte Warnungen oder „Weltuntergangs-PR“? Der ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke blieb es vorbehalten, die Rolle des für „die Gefahren zuständigen“ skeptischen Gastes einzunehmen, wie sie ironisch anmerkte: „Wir haben eine absolute Abhängigkeit von US-Konzernen.“ Die Macht dieser digitalen Unternehmen über „unser Leben“ sei massiv. Als Beispiel nannte sie den Fall eines französischen Richters am Internationalen Strafgerichtshof, der auf die Sanktionsliste Donald Trumps geriet und der mit der Sperrung seiner Kreditkarten amerikanischer Anbieter und dem Blockieren seiner Konten etwa bei Paypal oder Amazon nun digital isoliert ist. Lobo konstatierte eine große Angst der EU vor Trumps Strafzöllen. Dieser Erpressungsstrategie lasse sich aber nicht durch Regulierung von US-Techfirmen beikommen: „Wir brauchen erfolgreiche, eigenständige Digitalunternehmen.“ Der Kritik Lobos an der Regulierungsstrategie Brüssels gegenüber in Europa stark engagierten, aber sich nicht an Regeln haltenden US-Konzernen widersprach Tacke wenig später mit guten Argumenten. Was als Folge der Finanzkrise als Regeln nun für die Banken als systemrelevante Kräfte gelte, müsse auch für die ebenfalls systemrelevante Digitalwirtschaft gelten. Sie freue sich ja auch über die Chancen, die KI in Zukunft biete. Aber noch lebten wir in einer Realität, in der digitale Unternehmen „sehr viel Geld“ damit verdienten, um mit „unseren Daten“ und durch Urheberrechtsverletzungen bei geistigem Eigentum ihre KI-Sprachmodelle zu füttern und zu trainieren. Die von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zu Recht geforderte „Digitalabgabe“ sei deshalb auch eine „Gerechtigkeitsfrage“. Aber sie merke schon, dass der Ruf nach Regeln in dieser Runde nicht so gut ankomme, klang Tacke zum zweiten Mal ironisch. Das konnte für den Zuschauer wiederum als kleiner Seitenhieb auf Sascha Lobo verstanden werden, der sich mit voller Kraft auf die Zukunftschancen von KI statt der Risiken stürzte und „mal etwas Wasser in den Angst-Wein schütten“ wollte. Im Blick auf die von Anthropic-Chef Dario Amodei geschürte Furcht vor seinem angeblich alle IT-Sicherheitssysteme hackenden KI-Modell Claude Mythos spottete Lobo: „Wir sollten nicht auf Weltuntergangs-PR reinfallen.“ Zwar nicht Weltuntergangsszenarien, aber deutliche Warnungen vor dem potentiell gefährlichen Potential von KI für das menschliche Zusammenleben und eine demokratische Gesellschaft gab es dennoch am Ende der Sendung. Mit Hinweis auf in China nicht nur zur Verbrechensbekämpfung, sondern auch zur Überwachung seiner Bürger eingesetzte KI-Agenten, die eigenständige Entscheidungen treffen, versprach Wildberger den Schutz der Politik. So etwas dürfe in Deutschland nicht passieren. „Die Maschinen müssen dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.“ Ranga Yogeshwar ließ es jedoch nicht bei dieser Beschwörung menschlicher Macht über die Künstliche Intelligenz bewenden. Er erinnerte an die aus heutiger Sicht naiv optimistischen Hoffnungen, die mit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke wie Facebook verbunden waren, die sich bald zu Instrumenten der Polarisierung und Fakebotschaften entwickelten. KI sei ebenfalls ein „Tool“, das so mächtig sei, dass es in unsere Gefühlswelt wirke. Was mache das emotional mit Menschen, wenn KI-Agenten sie rund um die Uhr begleiten und coachen? Eine entscheidende Frage, für deren Beantwortung die Sendung noch eine weitere Stunde gebraucht hätte.