FAZ 15.05.2026
11:44 Uhr

Synthetische Steine: Wann ist ein Diamant ein Diamant?


Diamonds are forever? Im Labor erzeugte Edelsteine müssen so bezeichnet werden, so hat die britische Werbeaufsichtsbehörde entschieden. Die Preise für „echte“ Diamanten haben sich derweil fast halbiert.

Synthetische Steine: Wann ist ein Diamant ein Diamant?

Einst sang Marilyn Monroe „Diamonds are the girl’s best friend“, ein James-Bond-Film hieß „Diamonds are forever“. In den meisten Verlobungsringen sind die glitzernden Steine bis heute obligatorisch. Allerdings steht die Diamantenbranche seit Jahren unter Druck. Die Preise für die Edelsteine fallen stetig. Eine zunehmende Zahl von Kunden greift inzwischen zu sehr viel billigeren, synthetisch erzeugten Steinen aus dem Labor. In den USA stammen schon mehr als die Hälfte der verkauften Diamanten aus der Fabrik, meist aus China, nicht aus der Erde. Doch es stellt sich die Frage: Wann ist ein Diamant ein Diamant? Die britische Werbeaufsichtsbehörde hat nun eine Entscheidung getroffen, die für die Juwelier- und Schmuckbranche, die synthetische Steine verkauft, einen Rückschlag bedeutet. In einem Beschwerdeverfahren gegen zwei Juwelierunternehmen hat die Advertising Standards Authority entschieden, dass die Onlinehändler das Wort „Diamant“ in Verkaufsanzeigen nicht ohne Zusatz verwenden dürfen. Dies sei eine irreführende Werbung. So hat die Werbeaufsichtsbehörde in zwei Beschwerdeverfahren entschieden. Das Unternehmen Novita Diamonds hatte bei Meta (Facebook) Anzeigen für „den Traum-Verlobungsring“ geschaltet, der Online-Juwelier Linjer warb mit Google-Ads für „brillante Diamanten“. Novita Diamonds verteidigte sich, dass sie nirgendwo behaupteten, die Steine seien natürlich, selten oder aus der Erde gewonnen. Ferner erklärte das Unternehmen, dass im Labor gezüchtete Diamanten der wissenschaftlichen und gemmologischen (edelsteinkundlichen) Definition des Begriffs „Diamant“ entsprächen und dieselbe chemische Zusammensetzung, Kristallstruktur sowie gleiche physikalische und optische Eigenschaften aufwiesen wie natürliche Diamanten. Die Werbeaufsicht entschied aber anders. Verbraucher würden bei laborgezüchteten Diamanten das Wort „Diamant“ für sich genommen als ein natürlich vorkommendes Mineral aus kristallisiertem Kohlenstoff verstehen. „Wir waren der Ansicht, dass zwar einige Verbraucher vielleicht wüssten, dass synthetische Diamanten in einem Labor hergestellt oder erzeugt werden können, viele dies jedoch nicht wüssten“, schreibt die Behörde. Es gebe zwischen natürlichen und synthetischen Steinen einen Wertunterschied. Synthetische Steine um 80 Prozent billiger Eingereicht hatten die Beschwerden der Lobbyverband Natural Diamond Council sowie die Edelsteinbörse London Diamond Bourse. Amber Pepper, die Chefin des Diamond Council, nannte das Urteil einen „Sieg für die Verbraucher“. Großbritannien und besonders die reiche Hauptstadt London sind wichtige Märkte für die Edelstein- und Schmuckbranche. De Beers, das größte Unternehmen der Diamantenindustrie, hat hier seinen Sitz. Seit etwa zehn Jahren erobern synthetische Diamanten einen immer größeren Marktanteil. Die im Labor gezüchteten Steine werden unter extrem hohem Druck und bei Temperaturen von mehr als 1000 Grad Celsius erzeugt. Optisch sind sie für Laien nicht zu unterscheiden von den mehr als eine Milliarde Jahre alten Diamanten aus dem Erdmantel. Mehr als 70 Prozent der Laborsteine werden in Fabriken in China erzeugt. Die Laborsteine sind im US-Einzelhandel um etwa 80 Prozent billiger als „echte“, natürliche Steine, zeigt die Statistik von Paul Zimnisky, einem der führenden Diamantmarktexperten. „Die Angebotsbedingungen für natürliche Diamanten und maschinell hergestellte Diamanten unterscheiden sich grundlegend, was sich deutlich im Preis widerspiegelt“, sagt der Fachmann aus New York. Er spricht von „skrupellosen Händlern, die versuchen, die Verbraucher irrezuführen, indem sie diese Produkte als gleichwertig vermarkten, obwohl sie sich chemisch eindeutig voneinander unterscheiden“, sagt Zimnisky. Laborsteine und natürliche Steine können durch spezialisierte gemmologische Geräte anhand mikroskopischer Einschlüsse, Wachstumsmuster und Fluoreszenzreaktionen unterschieden werden. Die Diamantenindustrie musste in den vergangenen Jahren einen starken Preisverfall verkraften. Der mittlere Verkaufspreis für einen Ein-Karat-Diamanten bei Juwelieren in den USA halbierte sich innerhalb von zehn Jahren und liegt jetzt bei knapp 3400 Dollar (2900 Euro). Einen künstlich hergestellten Stein gleicher Größe gibt es schon für gut 650 Dollar. In mehr als jedem zweiten Verlobungsring in den USA steckt inzwischen ein Laborstein. Wertmäßig liegt der Anteil der Laborsteine am gesamten Diamantschmuckumsatz bei 14 bis 20 Prozent, schätzt die Analystenfirma Tenoris. In Deutschland ist der Anteil deutlich geringer, aber er steigt auch hier. Die sinkenden Preise und die sinkende Nachfrage besonders aus China für die „echten Steine“ setzen der Diamantenbranche zu. Marktführer De Beers hat in den vergangenen Jahren stark an Wert verloren. Sein Mutterkonzern Anglo American, der das britisch-südafrikanische Unternehmen mit den größten Minen in Botswana verkaufen will, hat mehr als fünf Milliarden Dollar Abschreibungen vorgenommen. Zuletzt stand De Beers nur noch mit 2,3 Milliarden Dollar Buchwert in der Bilanz.