In Windeseile gelangen wir vom Bozner Hauptbahnhof nach Oberbozen, keine zwölf Minuten dauert die Fahrt mit der Seilbahn hinauf zum 1200 Meter hoch gelegenen Sonnenplateau Ritten, einer gebirgigen Etappe zwischen dem Eisacktal und den Dolomiten – schneller und schöner kommt man kaum irgendwo von einer Innenstadt ins Gebirge. Unter uns liegen jetzt auf Steilhängen, Geländestufen und malerisch angelegten Plattformen die winterlich kahlen Rebgärten, in denen Bozens Hauswein, der St. Magdalener Classico, heranwächst. Rund um die Bergstation warten schon einige Hotels auf die Gäste, und die historische Schmalspurbahn steht für uns bereit, um uns in aller Gemütsruhe über die Hochebene zu bringen. Die Bahn ist die letzte ihrer Art in Südtirol, ursprünglich 1907 nach Schweizer Vorbild eröffnet. Per Zahnradbetrieb wurden ab Bozen die 1000 Höhenmeter überwunden, und von Maria Himmelfahrt ging es bis Oberbozen und Klobenstein auf der Schmalspur weiter. Damals, noch im Habsburger Reich, sollte die Sommerfrische Ritten durch einen bequemen Anschluss von Wien aus erschlossen werden. Dann kam der Erste Weltkrieg, der Ritten wurde italienisch, und ein abermaliger Aufschwung gelang nur zäh. Erst als König Viktor Emanuel und Kardinal Pacelli, der spätere Papst Pius XII., sich hier sehen ließen, wurde das Plateau in ganz Italien populär. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dann die Deutschen, und heute halten sich Besucher aus Deutschland und Italien die Waage. Seit 1966 existiert die Schwebebahn aus der Innenstadt auf den Ritten, für Touristen wie für Einheimische ein praktisches öffentliches Verkehrsmittel mit spektakulären Aussichten. Die Bozner Patrizier hatten die Vorzüge der 16 Dörfer auf dem Ritten schon viel früher entdeckt. Seit dem 17. Jahrhundert gehörte zu den sogenannten acht Bozner Seligkeiten neben einem Weinberg und einer Loge im Stadttheater auch der Besitz eines Ferienhauses auf dem Hochplateau. „Ganz unerlässlich ist zum dritten, ein Sommerfrischhaus am lustigen Ritten“, heißt es in einem lokalen Vers. Die vornehmen und wohlhabenden Bürger machten sich Ende Juni mit der gesamten Familie und ihrem Hausrat auf den Weg in die Berge, um der Hitze im Eisacktal zu entfliehen. Nun fand das gesellschaftliche Leben für zwei, drei Monate in der Höhe statt. Lokalpatrioten behaupten deshalb gern, dass die Sommerfrische auf dem Ritten erfunden worden sei. Die Häuser jedenfalls, über Generationen vererbt und sorgfältig erhalten, gehören zu Südtirols bedeutenden Kulturgütern. Sie sind angelehnt an eine bäuerliche Architektur, jedoch ausgeschmückt mit Erkern und Wintergärten, verzierten Fensterläden, geschnitzten Balkonbrüstungen und manchmal auch großflächigen Wandmalereien. Und das schönste erhaltene Ensemble dieser Sommersitze, die längst auch im Winter genutzt werden, entdecken wir rund um die drei malerischen Kapellen im Dörfchen Maria Himmelfahrt. Dort beginnt einer der vier Promenadenwege, die quer über den Ritten angelegt wurden und mit fabelhaften Aussichtspunkten auf die Dolomiten gespickt sind. Hier lässt sich auch im Winter gemütlich von Ort zu Ort spazieren, denn alle Wege werden vom Schnee geräumt. Und im Dorf Lengmoos bietet die letzte der zahlreichen Aussichtsplattformen einen Blick auf ein bizarres geologisches Phänomen: die Rittner Erdpyramiden. Ein eigenartiger Wald aus lehmigen Pfeilern, jeweils gekrönt von einem dicken Wackerstein, ragt dort aus dem Boden. Im Anschluss an die Eiszeit ist ein Fundament aus Moränenlehm zurückgeblieben, das in trockenem Zustand steinhart ist, während es bei Feuchtigkeit aufweicht. Starke Regenfälle schürfen tiefe Rillen in den Hang, die in Trockenphasen wieder aushärten. Nach und nach kann sich der Boden auf diese Weise lockern und abrutschen, wodurch bis zu 15 Meter hohe Steilhänge entstehen. Bleiben jedoch in diesen Lehmschichten Steine oder Felsbrocken zurück, wird der Boden darunter vor dem Regen geschützt, während das benachbarte Erdreich weiter wegschwemmt. So erscheint es am Ende, als seien die Kegel aus dem Boden herausgewachsen. Fällt der schützende Fels eines Tages herunter, löst sich die Pyramide nach vielen weiteren Regenfällen auf. Dafür wird weiter oben sicher schon die nächste aus dem Hang herausgewaschen. Und nach Schneefällen tragen die Pyramiden ein weißes Kleid und die Dachsteine eine dekorative Haube. Der Promenadenweg ist eine beschauliche Variante, spektakulär dagegen wird das Winterwandern zum 2260 Meter hohen Rittner Horn. Italiens erster Winter-Premiumweg führt dort über sieben Kilometer von der Bergstation der Gondel rund um das Skigebiet bis zum Gipfel und auf der anderen Hangseite wieder zurück zum Ausgangspunkt. Das Panorama ist kaum zu übertreffen: Ortler und Ötztaler Alpen im Westen, Dolomiten im Osten, dazu die Stubaier und Zillertaler Alpen im Norden. Auch für viele Skifahrer dürfte dies zweifellos der landschaftliche Höhepunkt sein, denn die übersichtlich angelegten Pisten am Horn, oben im freien Gelände und weiter unten durch den Wald, sind schnell abgefahren und eher für Familien und Genussskifahrer geeignet als für ambitionierte Wintersportler. Wer vollen Hängen und dem alpinen Skitrubel entkommen will, ist hier jedenfalls gut aufgehoben. Die Einheimischen sind ohnehin genügsam und fragen sich völlig zu Recht, wozu sie ein großes Skigebiet brauchen, wenn sie doch so phänomenale Eis-Arenen haben. Die Rittner sind nicht nur leidenschaftliche Eisliebhaber, sondern auch wahre Eishockey-Fanatiker. Der erste Eishockeyverein entstand schon 1928. Gespielt wurde zunächst auf dem Wolfsgrubensee und anderen zugefrorenen Teichen entlang der Hochebene. Später hat man zusätzlich Wiesen und Tennisplätze geflutet, und die Schüler sind sogar mit Schlittschuhen auf festgewalztem Schnee in die Schule gelaufen. Schon bald kamen Mannschaften aus Mailand und Cortina d’Ampezzo zu Wettkämpfen. Heute haben die Rittner Eishockeyspieler einen legendären Ruf. Vorwiegend Einheimische spielen als Halbprofis in der ersten Mannschaft, dazu einige Legionäre aus Kanada. Irgendwann kam in den Medien scherzhaft das Wort von den „Rittner Buam“ auf, und das haben die Menschen auf dem Hochplateau dann gern übernommen und den ganzen Verein nicht ohne Stolz so genannt. Die Buam spielen in der Alp Hockey League gegen Mannschaften aus Italien, Österreich, Kroatien und Slowenien. Zweimal haben sie in den vergangenen zehn Jahren die Meisterschaft dieser Liga gewonnen. In jeder Familie spielt Eishockey eine wichtige Rolle, manche haben seit Generationen Spieler in der ersten Mannschaft. Da ist es kein Wunder, dass bis zu 1000 Zuschauer zu den Wettkämpfen der Buam kommen – bei nur 8000 Einwohnern in den Dörfern auf der Hochebene ein enormer Prozentsatz. Meistens sind auch Touristen darunter, denn die Gästekarte ermöglicht den freien Eintritt zu den Spielen. Nicht nur das Spitzenhockey wird gefördert. Für Freizeitsportler gibt es auf dem Ritten auch eine eigene kleine Liga mit acht Mannschaften. Beliebt ist außerdem die Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln des Eishockeys, das Pond Hockey, das früher auf gefrorenen Seen und Teichen gespielt wurde. Es ist der Sport in seiner ursprünglichen Form mit nur drei Spielern pro Mannschaft, niedrigen Banden, kleinem Spielfeld und kleinen Toren ohne Torwart, Bodychecks und Schlagschüsse. Mitte Februar findet in Klobenstein sogar eine Art inoffizielle Europameisterschaft statt, an der mehr als 40 Mannschaften aus zahlreichen Ländern teilnehmen. Neben dem Eishockey haben sich die Rittner seit 1986 ein zweites eisiges Standbein geschaffen: den Eisschnelllauf. Der Eisring in Klobenstein gilt wegen der Höhenlage als schnellste Freilufteisbahn der Welt. Die erstklassigen Bedingungen locken zahlreiche Nationalmannschaften an, die hier regelmäßig trainieren. Hobbygruppen aus den Niederlanden ersetzen mit Runden auf dem Ritten ihre Elfstedentocht, jenes klassische Langstreckenrennen auf den zugefrorenen Kanälen, das seit 1997 Jahr für Jahr der Klimaerwärmung zum Opfer fällt. Dazu gibt es regelmäßig Publikumsläufe mit Musik in der Halle und auf dem Eisring, an denen man mit der Gästekarte kostenlos teilnehmen kann. Wer nicht nur auf Schnelligkeit aus ist, kann nebenbei das fabelhafte Gebirgspanorama genießen, das sich hinter der Arena auftürmt. Die Landschaft beherrscht der Felskoloss des Schlern, der westliche Eckpfeiler der Dolomiten, wegen seiner klotzigen Umrisse mit den markanten Felsspitzen am Rand ein geographisches Wahrzeichen Südtirols. Und wer es noch entspannter mag, kann die Natureisbahn in Oberbozen nutzen oder sich zusammen mit einheimischen Kindern und Eisstockschützen auf dem Wolfsgrubener See tummeln. Die Nähe zur Stadt ist nicht nur wegen der bequemen Anreise ein feiner Zug des Rittner Plateaus. Fuhren die Bozner im Sommer einst bergauf, können Winterurlauber jetzt spontan und mühelos hinunter in die Stadt schweben. Und diese Gelegenheit nutzen wir natürlich. Nicht immer scheint auf dem Sonnenplateau die Sonne, deshalb sind wir am ersten grauen Tag sogleich im Tal und lassen uns durch die Altstadt treiben. Ihr Herzstück ist die 300 Meter lange Laubengasse aus dem 12. Jahrhundert. Unter den Arkaden brauchen wir weder Regen noch Schneefall zu fürchten, und klugerweise haben die Bozner sie in Ost-West-Richtung angelegt, sodass wir auch vor dem kalten Nordwind geschützt sind. Die historischen Rokokofassaden der Patrizierhäuser sind erhalten, während sich in den Geschäften unter den Lauben das Einerlei der italienischen und internationalen Nobelmarken eingenistet hat. Wir entkommen ihnen durch einen der schmalen Durchgänge in die parallel verlaufende Gasse, die sich schon authentischer präsentiert. In der Passage selbst bekommen wir einen Eindruck von der enormen Tiefe der historischen Häuser, die bis zu 70 Meter betragen kann. Dank geschickt angelegter Treppenhäuser und Lichthöfe gelangt dennoch ausreichend Helligkeit in die Gebäude. Und im Getümmel der rustikalen „Osteria dai Carrettai“ bekommen wir eine Ahnung vom echten Bozen. Schon am Vormittag gibt es hier nur noch Stehplätze, jedermann bedient sich selbst am Tresen mit kleinen Imbissen und zapft seinen Wein aus Holzfässern. Hier gehört Bozen zumindest in dieser Jahreszeit noch den Boznern. Gleich um die Ecke treffen sich ebenfalls die Einheimischen auf dem Obstplatz, auf dem täglich ein lebendiger Lebensmittelmarkt stattfindet. Wir können nicht widerstehen und decken uns mit Tiroler Hausspeck, Kräuterschinken, kalt geräucherter Kaminwurz und Bergkäsen ein, die später eingeschweißt die Heimfahrt überstehen sollen. Den weltberühmten Ötzi, der im Archäologischen Museum nicht nur ausgestellt, sondern ausgiebig in seinem historischen und ethnologischen Zusammenhang präsentiert wird, lassen wir an diesem Tag in Ruhe. Stattdessen absolvieren wir ein kleines Kulturprogramm in der Johanneskapelle der Dominikanerkirche. Dort findet sich eine ebenso kuriose wie kunsthistorisch bedeutsame Gemäldesammlung: ein hervorragend erhaltener Freskenzyklus aus dem 14. Jahrhundert, geschaffen von mehreren Künstlern aus der Schule von Giotto. Deutlich sind die unterschiedlichen Stile und Fertigkeiten der Maler zu erkennen, die sich in ihren Bildern der Marienlegende sowie Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers und des Apostels Johannes gewidmet haben. Vor der Rückfahrt zum Ritten kehren wir noch kurz im „Knödel Bistro“ an der Silbergasse ein. Hier wird der Südtiroler Knödel auf eine neue Ebene gehoben: Frisch hergestellte Käse-, Speck-, Spinat-, Bohnen-, Buchweizen- und Leberknödel lassen sich mit Salat, Sauerkraut oder Gulasch kombinieren. Es ist der richtige Imbiss für diesen eiskalten Wintertag, der nach einer kurzen Seilbahnfahrt wieder in der Sonne des Ritten endet – in einer ganz anderen Welt, die doch so nah ist.
