FAZ 14.09.2026
16:24 Uhr

Studie zu Wertpapieren: Warum Zertifikate oft günstiger sind als Fonds


Zertifikate sind oft günstiger als gedacht. Das zeigt eine neue Studie, für die über 130.000 Anlagezertifikate ausgewertet wurden. Was das für Anleger bedeutet.

Studie zu Wertpapieren: Warum Zertifikate oft günstiger sind als Fonds

Chancen, Risiken und Kosten sind der Dreiklang der Finanzmärkte. Jeder Anleger kann sich daraus stets den für ihn wohlklingendsten Mix auswählen. Die nötige Grundlage für eine Beurteilung ist Transparenz. Der Gesetzgeber zwingt die Anbieter dazu in Produktinformationsblättern. Die liest jedoch kaum jemand. Christian Vollmuth, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes für strukturierte Wertpapiere (BSW) hat seinen wissenschaftlichen Beirat daher darum gebeten, die vorhandenen Daten zu aggregieren und auszuwerten. Herausgekommen ist die erste umfassende Kostenstudie des Zertifikatemarktes mit einem Anlagevolumen von mehr als 100 Milliarden Euro. Sie liegt der F.A.Z. vorab vor. Ausgewertet wurden alle ausstehenden gut 130.000 Anlagezertifikate. Grundlage sind die regulatorisch vorgeschriebenen Kostenausweise nach der Mifid-II-Regulierung, die Ausgabeaufschlag, Emittentenmarge, Vertriebsprovision, Strukturierungs- und Absicherungskosten umfasst. Kurzum: sämtliche Kosten, die anfallen, außer den individuell je nach Anleger unterschiedlichen Kosten für Depotführung und Wertpapierhandel. Zertifikate: Kosten für die gesamte Laufzeit Im Ergebnis ergeben sich volumengewichtet 0,72 Prozent Kosten je Zertifikat – und zwar über die gesamte Laufzeit. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den Kostenausweisen für Fonds. Dort ist der Ausgabeaufschlag abhängig von Produkt und Vertriebsweg, er beträgt zwischen null und fünf Prozent und ist nicht Teil der auszuweisenden Gesamtkostenquote. Zudem fallen die ausgewiesenen Verwaltungsgebühren an. Sie liegen zwischen rund 0,05 Prozent für die günstigsten ETF bis hin zu rund 1,8 Prozent für aktiv gemanagte Fonds. Hinzu kommen eventuell Performance-Gebühren in Abhängigkeit vom Anlageerfolg der Fonds. Eingedenk der unterschiedlichen Kostendefinitionen lässt sich gleichwohl festhalten: ETF sind meistens günstiger als Zertifikate, aktiv gemanagte Fonds oft teurer. Für die Anlageentscheidung ist dieser Aspekt wichtig. Für einen gelungenen Dreiklang aus Chance, Risiko und Kosten aber nicht alleine entscheidend. Es gibt zehn unterschiedliche Kategorien von Anlagezertifikaten. Der Großteil des angelegten Vermögens im Zertifikatemarkt befindet sich in der Risikoklasse eins, dem niedrigstmöglichen Risiko. Die Renditechancen liegen dort nahe des EZB-Anlagezinses von derzeit 2,5 Prozent, die Risiken begrenzen sich auf die Insolvenz der emittierenden Bank. Die Kosten betragen 0,4 bis 0,5 Prozent. Zertifikate sind Geldanlage mit Risikopuffern Auch die weiteren rege genutzten Zertifikatekategorien befinden sich in den Risikoklassen zwei, drei und vier – also meist einem moderateren Risiko als in einer reinen Aktienanlage. Die Wertentwicklung der Zertifikate ist zwar oft von einer Aktienindexentwicklung abhängig, aber mit Risikopuffern ausgestattet. Die Kosten liegen hier für Discount-Zertifikate im Schnitt auf knapp 0,4 Prozent, für Express-Zertifikate auf knapp 0,9 Prozent und für Aktienanleihen auf 1,4 Prozent. Aktienindex-ETF weisen in der Regel Risikoklasse fünf auf, aktiv gemanagte Aktienfonds ebenso, während Mischfonds und Anleihefonds geringere Risiken aufweisen. Einzelaktien, die auch in Risikoklasse sechs oder selten sieben (der höchsten Stufe) fallen, haben keine inhärenten Kosten. Die Chancen sind in aller Regel höher als bei ETF, Fonds und Zertifikaten, die Risiken aber auch. Mit Blick auf das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot, das 2027 eingeführt werden soll, hält der Gesetzgeber Fonds und ETF für förderungswürdig, Einzelaktien und Zertifikate indes nicht. Es gibt keine Begründung für diese Auswahl. Zertifikate sind jedoch – mit Ausnahme von Index-Zertifikaten – mit einer Endfälligkeit ausgestattet. Anders als Fonds und ETF können sie also nicht für die Altersvorsorge über Jahrzehnte gehalten werden, sondern es bedarf immer wieder einer neuen Anlageentscheidung. Fonds und ETF sind als Sondervermögen zudem stets abseits der Bilanz des Emittenten im Eigentum des Anlegers. Zertifikate unterliegen indes dem Risiko der Insolvenz des Emittenten. Mit der BSW-Kostenstudie will Vollmuth die Transparenz seiner Branche erhöhen und Vorurteile entkräften: „In Berlin wird viel über Kosten diskutiert, wir haben sie gemessen und die Kosten, die Anleger tatsächlich tragen, sind geringer, als viele vermuten.“