FAZ 12.08.2026
12:07 Uhr

Streetart: „Ich habe immer ein paar Monster in der Tasche“


Wem gehört der öffentliche Raum? Mit kleinen Monstern stellt der Wiesbadener Künstler Hopeundsosachen genau diese Frage. Wer den Kreaturen begegnet, sieht die Straße danach womöglich mit anderen Augen.

Streetart: „Ich habe immer ein paar Monster in der Tasche“

Neubaugebiete machen ihn nervös. Besonders dann, wenn längst Leben eingezogen ist, es aber noch nicht nach Leben aussieht. Wenn sich noch keine Blume durch mikrokleine Lücken im Beton gedrückt hat, wenn den Stromkasten am Straßenrand noch keine „Fck Nzs“-Sticker schmücken, wenn es ein bisschen zu ordentlich ist, um Unordnung entstehen zu lassen. Hope, der auch einen bürgerlichen Namen trägt, aber lieber anonym bleiben möchte, kann nichts weniger leiden als Orte, die die Phantasie begraben. Ist er an einem solchen, greift er in seine Tasche, kramt ein bisschen, fährt mit den Fingern die Konturen der kleinen Holzplättchen ab, wählt aus, ohne hinzuschauen. „Ich habe immer ein paar Monster in der Tasche“, sagt er. Gemeint sind kleine, aus Holz gesägte Figuren, die er bunt bemalt hat: mal mit glupschigen Augen und scharfen Zähnen, mal mit einem frechen Grinsen und Zottelfrisur. Kein Monster gleicht dem anderen. Und das, obwohl die selbst entworfenen Schablonen, die er verwendet, immer dieselben sind. Jedes für sich ein daumengroßer Gruß aus einer etwas bunteren, etwas wilderen Welt. Hope, der auf der Plattform Instagram unter „hopeundsosachen“ seine Alltagskunst zeigt, will Menschen ermutigen, manchmal etwas genauer hinzuschauen. Seine kleinen Holzmonster bringt er meist etwas versteckt an. Wer sie nicht sucht, wird sie nicht finden. Längst zieht er nicht mehr ausschließlich nachts los, um seinen Taschenmonstern ein neues Zuhause an Abwasserrinnen, Mülleimern oder Stromkästen zu suchen. Das habe er nur während der Corona-Zeit getan, als sein Sohn, damals noch ein Baby, nicht schlafen konnte und er ohnehin mit dem Kleinkind in der Trage unterwegs war.  Eine perfekte Tarnung. Inzwischen klebt er aber auch am Tage. „Wenn man etwas mit Überzeugung macht, denken die Leute, dass es seine Richtigkeit hat“, sagt Hope. Und das hat es. Zumindest in den Augen des Vierzigjährigen, der hauptberuflich als Sozialarbeiter tätig ist. „Es ist eine Frage der Mitgestaltung des urbanen Raums“, sagt er. „Es geht darum, auf eine positive Weise mitzuwirken.“ Aber wer bestimmt, was positiv ist und was nicht? Kleine Monster, Aufkleber, Graffiti – ist das der Ausdruck individueller Kreativität oder schon Vandalismus? „Sicher, nicht alles ist schön. Aber erst einmal ist es gut, dass Menschen sich den urbanen Raum mit aneignen“, sagt er. „Würde man um Erlaubnis fragen, würde es durch 1000 Ämter gehen. Es ist das ungefragte Mitmachen.“ Auf seinen Monstern sucht man Hinweise auf ihren Schöpfer vergeblich – und doch finden die Menschen seinen Account in den sozialen Medien, schicken ihm Fotos der Fundstücke, die sich meist im Wiesbadener Westend, mittlerweile aber auch im ganzen Rhein-Main-Gebiet verstecken. Längst hat es sich für Fans der Straßenkunst zu einer Art Schnitzeljagd entwickelt, neue Monster, ein bisschen Hope, also Hoffnung, zwischen all dem Alltagsgrau zu entdecken. Hope bezeichnet sich selbst nicht als Künstler. Eher als Mitgestalter. Als jemand, der sein Umfeld genau beobachtet und es manchmal - ein ganz kleines bisschen - durch sein Eingreifen verändert. Hin und wieder möchte er Straßenkunst auch konservieren. Eben weil der urbane Raum sich schnell wandelt. Dann sucht er sich eine Straßenszene, einen besonders markanten Stromkasten beispielsweise, der mit Graffiti besprüht und mit Stickern beklebt ist, und baut ihn im Miniaturformat nach – mit all seinen Aufklebern und Schmierereien. Oft platziert er das fertige Modell auf heruntergefallenen Putzstücken, die er bei seinen Streifzügen durch die Stadt findet. „Wenn ein Stück Putz von der Wand fällt, kann man sich darüber ärgern oder etwas Neues daraus machen“, sagt er. Manchmal erschafft er auch neue Miniaturszenen. Eine Betonwand, auf der sich ein Banksy befindet, davor ein Minikaugummiautomat, beklebt mit Stickern, getaggt vom Frankfurter Straßenkünstler Peng. Es sind kleine Ausschnitte einer Welt, die andere gar nicht wahrnehmen. Ein buntes Beton-Stillleben. Die Materialien, die er dafür verwendet, findet er meist auf der Straße oder im Haushalt. Die Rückwand eines auf dem Sperrmüll aussortierten Kleiderschranks kann zum Material für die kleinen Monster werden, mit Bügelperlen aus dem Bastelset seiner Kinder befüllt er die Kaugummiautomaten in seiner Miniaturwelt. Eine Bastelanleitung dafür stellt er im Netz gegen eine geringe Geldsumme zur Verfügung. „Das, was ich mache, ist eine Dokumentation der Straße. Es ist meine Liebeserklärung an den urbanen Raum.“