Als Steve Reich mit seinem Ensemble 1972 erstmals in Europa auftauchte, stieß er in den Kreisen der Avantgarde zunächst auf Unverständnis. Das Insiderpublikum hatte noch die Klänge der postseriellen Komponisten in den Ohren, und jetzt kam dieser Amerikaner mit seiner radikal vereinfachten Musik. Eine stromlinienförmige Oberfläche und nichts dahinter, lautete das Verdikt. Reichs Minimalismus negierte tatsächlich alles, was mit komplexen Strukturen, Geräuschklängen und anderen europäischen Errungenschaften zu tun hatte. Der Fortschritt kam jetzt nicht mehr aus Darmstadt, sondern aus New York. Die publikumsnahe, gleichsam alltagspraktische Ästhetik vermittelte auch dem Laien das Gefühl: Diese Musik verstehe ich. Reichs Schlagzeugstück „Drumming“ für zwölf Mitwirkende avancierte in den Siebzigerjahren zu einer Ikone der Minimal Music. Ihr Drive war unwiderstehlich. Ein Spieler beginnt mit einem repetierten rhythmischen Muster, die anderen fallen nach und nach ein und beschleunigen ihm gegenüber das Tempo, sodass es zu einer Phasenverschiebung und einer zunehmenden Verdichtung kommt. Dieses „Phasing“ ist konstitutiv für die prozesshaft angelegten Kompositionen jener Jahre. Vom Möbelpacker zum Musik-Star Höhepunkt von Reichs minimalistischer Phase war die „Music for 18 Musicians“ von 1976. Mit dem pulsierenden rhythmischen Raster, das eine Stunde lang immer wieder anders eingefärbt wird, entsteht eine Art akustischer Stroboskopeffekt mit psychedelischer Wirkung. Solche Klänge lockten ein neues, jüngeres Publikum in die Konzerte; die Grenze zwischen traditioneller Avantgarde und Pop wurde durchlässig. Der Weg bis dahin war lang, verlief aber zielgerichtet. Reich, 1936 in New York geboren, hatte zunächst Komposition bei Darius Milhaud und Luciano Berio studiert, begann aber dann mittels Tonbandschlaufen mit verschiedenen Zeitverläufen, dem „Phasing“, zu experimentieren. Finanziell hielt er sich eine Zeitlang als Möbelpacker über Wasser. 1970 reiste er nach Ghana, um die afrikanische Trommelmusik zu studieren, später folgte ein Aufenthalt auf Bali. Eine charakteristische Stimme Schließlich erwachte sein Interesse an der jüdischen Kultur. Er ging nach Jerusalem, um dort Tonbandaufnahmen von Psalmgesängen jemenitischer Juden zu machen. Daraus entstand 1981 seine Komposition „Tehillim“ (Psalmen, Lobgesänge). Mit vier Frauenstimmen über dem von hohen Bläsern dominierten Orchester entsteht ein strahlend heller, lebhaft bewegter Klang. Das Stück wurde in Köln uraufgeführt, ebenso 1984 die Orchesterfassung von „Desert Music“ mit Texten von William Carlos Williams. Die Bundesrepublik wurde Reichs Ankerplatz in Europa, er wurde Stipendiat des DAAD und begann eine langjährige fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Ensemble Modern. Die Komposition „Different Trains“ von 1988 ist eine Reise in die Vergangenheit mit Blick in die Abgründe des Jahrhunderts. Als Kind war Reich von New York nach Los Angeles gereist, um dort seine Mutter zu besuchen. Die Geräusche blieben ihm im Gedächtnis. „Als ich älter wurde, dachte ich mir, wie glücklich ich war, dass ich in dieser Zeit in Amerika sein konnte, denn wäre ich in Europa gewesen, wäre ich als Jude auf anderen Zügen gefahren.“ Er verarbeitete Stimmen von Schoa-Überlebenden mit Eisenbahngeräuschen und den Klängen eines Streichquartetts zu einer Sprachkomposition. Reichs Musik, die sich vom Minimalismus der frühen Jahre längst verabschiedet hat, ist zu einer charakteristischen Stimme der amerikanischen Moderne geworden. Ihr Schöpfer feiert an diesem Samstag seinen 90. Geburtstag.
