Die Flaute der Autoindustrie trifft längst nicht mehr nur die großen Hersteller. Auch ihre Entwicklungsdienstleister geraten seit Jahren zunehmend unter Druck. Was lange als Wachstumsgeschäft galt, wird zum Sanierungsfall. Denn die Hersteller vergeben weniger Entwicklungsaufträge an externe Partner. Gleichzeitig drücken sie die Preise und holen Aufgaben zurück ins eigene Haus. „Erst gab es die Globalisierung in der Beschaffung der Autoindustrie, dann in der Produktion, und nun sehen wir zunehmend auch eine Globalisierung des Engineerings“, sagte der Chef der Volkswagentochtergesellschaft IAV GmbH, Jörg Astalosch, dieser Zeitung: „Für Entwicklungsdienstleister bedeutet das, dass sie sich international wettbewerbsfähig aufstellen müssen.“ Das ist seit Jahren gleichfalls für die Bertrandt AG mit Sitz in Ehningen südwestlich von Stuttgart ein Thema. Die Geschäfte unter anderem mit Volkswagen, Mercedes-Benz oder Porsche laufen zäh. Es ist keine Besserung in Sicht. „Das Marktumfeld bleibt insbesondere in der Automobilindustrie anspruchsvoll und von hoher Volatilität geprägt“, sagte Bertrandt-Finanzvorstand Markus Ruf anlässlich der Veröffentlichung der Quartalszahlen. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025/26 (30. September) betrug der Verlust beim Ergebnis vor Steuern 28,9 Millionen Euro nach 38,9 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Größter Einzelaktionär ist Porsche. Die Corona-Pandemie sorgte für ein Umdenken Bertrandt hat in den vergangenen Jahren schon fleißig Stellen abgebaut. Im März 2024 hatte die Zahl der Beschäftigten mit damals 14.500 einen Höhepunkt erreicht. Anschließend wurden an weiteren verschiedenen Standorten zahlreiche Arbeitsplätze gestrichen, so etwa in Tappenbeck nahe Wolfsburg. Geschlossen wurde auch das Fahrzeugtestzentrum in Nufringen bei Böblingen. Ende Juni waren bei dem Dienstleister noch 11.537 Männer und Frauen beschäftigt. IAV-Manager Astalosch sagte dieser Zeitung zur Situation der Branche weiter: „Der Aha-Effekt kam mit Corona. Damals haben viele erstmals gesehen, dass auch andere Arbeits- und Entwicklungsmodelle funktionieren und Engineering über Standorte und Länder hinweg organisiert werden kann.“ Viele Entwicklungsdienstleister kämpften um die gleichen Aufträge: „Diese werden zunehmend softwaregetrieben und stehen unter hohem Kosten- und Automatisierungsdruck. Entsprechend müssen Entwicklungsleistungen heute stärker in internationalen Wertschöpfungsketten organisiert werden.“ Auch IAV, an der Volkswagen 50 Prozent der Anteile hält, streicht aktuell Stellen. Bis zum Jahresende 2027 solle die Belegschaft über alle deutschen Standorte hinweg von derzeit 5000 auf 2970 Beschäftigte reduziert werden, hieß es von IAV. Der Stellenabbau soll sozialverträglich erfolgen. Kürzlich einigten sich das Unternehmen und die IG Metall auf eine entsprechende Vereinbarung. Astalosch betonte: „Was wir jetzt machen, ist im Prinzip eine Strukturkorrektur. Wir möchten sicherstellen, dass wir auch in zehn Jahren noch in Deutschland entwickeln können.“ Ziel sei es, diese Kompetenzen so aufzustellen und mit den internationalen Standorten zu verbinden, dass man dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben und rund 3000 hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Deutschland erhalten könne. Der Umsatz lag 2024 auf 888 Millionen Euro. Für 2025 wird ein deutlicher Umsatzrückgang erwartet. Tesla und Hersteller aus China kommen mit weniger Varianten aus Solange deutsche Autos auf der Welt gefragt waren, lief es für die Dienstleister im Hintergrund rund. Doch seit Jahren müssen die Autobauer die Kosten senken. Sie bauten Arbeitsplätze ab und reduzierten als eine Maßnahme die Modell- und Variantenvielfalt, wie Harald Wimmer, Autofachmann und Partner von PWC Deutschland sagte: „Tesla und auch chinesische Marken zeigen uns, dass Variantenvielfalt nicht unbedingt sein muss.“ Damit seien entsprechend weniger Entwicklungsdienstleistungen notwendig als früher. Ein weiterer Grund für die gesunkene Nachfrage: „Der elektrische Antriebsstrang ist deutlich weniger komplex. Somit verschwindet auch hier sehr viel mechanischer Entwicklungsaufwand.“ Der Branchenbeauftragte für Entwicklungsdienstleister im IG Metall-Vorstand, Herbert Rehm, sagte, durch die hohe Abhängigkeit insbesondere von der Automobilindustrie sei die Lage bei Entwicklungsdienstleistern hochgradig kritisch: „Vielerorts rächt sich eine mangelhafte strategische Ausrichtung des Geschäftsmodells.“ Die Auftraggeber rufen Rahmenverträge weniger ab, vergeben weniger Entwicklungsaufgaben und verlagern Entwicklungen in „Best Cost“-Länder, berichtet Rehm. Das kann Marokko oder auch Indien sein: „Die Billigstrategie wird sogar oft vertraglich vereinbart, womit den Auftraggebern die Arbeit nicht einmal der deutsche Mindestlohn wert ist.“ Sie riskierten damit gleichzeitig die Qualität der Arbeit, und dass Probleme mit den Produkten wieder in Deutschland gelöst werden müssten. Zur Verlagerung der Entwicklung dahin, wo es billiger ist, erklärte PWC-Autofachmann Wimmer, typisch seien Vorgaben, dass mindestens 30 bis 50 Prozent der Entwicklungsaufgaben aus dem Ausland erbracht werden müssten. Der Dienstleister müsse diesen Anteil im Angebot abbilden, liefere am Ende jedoch häufig Ressourcen aus der EU. Da in Europa erhebliche Überkapazitäten bestünden, verschärfe sich der Preiswettbewerb zusätzlich. Bald jedes Unternehmen ist mit dem Thema Personalabbau konfrontiert. Bei der börsennotierten Edag Engineering Group AG wurden in den vergangenen beiden Jahren 1300 Stellen in Deutschland gestrichen. „Weitere Maßnahmen dieser Art sind derzeit nicht geplant“, sagte eine Sprecherin. Ende Juni beschäftigte das Unternehmen auf der Welt 7800 Mitarbeiter, und davon rund 4600 in Deutschland. Im ersten Quartal war der Umsatz um 10,8 Prozent auf 171,8 Millionen Euro zurückgegangen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuer lag auf 1,9 nach 1,6 Millionen im Vorjahreszeitraum. Die Dienstleister versuchen infolge der Krise, von der Autoindustrie unabhängiger zu werden. Egal ob Bertrandt, IAV oder Edag. Neue Geschäftsfelder seien zum Beispiel der Verteidigungsbereich, sagte eine Edag-Sprecherin. Hier sei man schon seit mehr als 20 Jahren aktiv. Die Umsatzzahlen seien in den vergangenen Jahren überproportional gewachsen. Genauere Angaben dazu wurden nicht gemacht. Auch der Bereich Medizintechnik gewinne an Bedeutung. Diese Entwicklung zeigt sich gleichfalls bei den anderen Entwicklungsdienstleistern.
