FAZ 07.05.2026
19:56 Uhr

Steinmeier in Helsinki: Mehr Bunker als Einwohner


Finnland hat dem Frieden mit Russland nie getraut. Allein in Helsinki gibt es heute Schutzraum für 900.000 Menschen. Bundespräsident Steinmeier hat sich das 25 Meter in der Tiefe angeschaut.

Steinmeier in Helsinki: Mehr Bunker als Einwohner

Finnlands Präsident Alexander Stubb führt den deutschen Bundespräsidenten über den Sportplatz und vorbei an dem Fitnessstudio, wo auch um diese Mittagszeit ein paar Leute Gewichte stemmen. Alles ist in grelles Licht getaucht, die felsige Decke niedrig. Frank-Walter Steinmeier und Stubb sind im Merihaka Schutzraum, 25 Meter tief im Granit unter der finnischen Hauptstadt. Es ist einer der größten Schutzräume Finnlands, mit Platz für bis zu 6000 Menschen, sogar ein Hallenbad gibt es hier. Der Schutzraum ist atom- und giftgassicher, im Ernstfall wird das Wasser aus dem Schwimmbad gepumpt. Innerhalb von drei Tagen sei alles einsatzbereit, sagt eine Mitarbeiterin. Rund 55.000 Schutzräume gibt es in Finnland, rund ein Zehntel davon in Helsinki. Allein in der Hauptstadt gibt es Schutzraum für 900.000 Menschen, dabei leben in der Stadt nur etwa 700.000. Anders als in Deutschland hat man die Schutzräume auch nach dem Ende des Kalten Kriegs nie stillgelegt. Viele werden täglich genutzt, es gibt sogar Schulen darin. Finnland setzt auf Gesamtverteidigung In Finnland, das eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze mit Russland teilt, hat man auch in den guten Jahren dem Nachbarn nie getraut. Die Erinnerung an den Winterkrieg, in dem die Sowjetunion das junge, auf sich gestellte kleine Land überfiel, ist allgegenwärtig. Deswegen wurden die Verteidigungsausgaben stets hoch und an der Wehrpflicht festgehalten. Auch den Ansatz der Gesamtverteidigung behielt man bei. Zivile Resilienz ist aus dieser Perspektive genauso wichtig wie militärische Stärke. Zivilisten belegen hier Verteidigungskurse; für viele ist es selbstverständlich, auch zu Hause für den Notfall gewappnet zu sein. Zugleich verfügt das Land über eine der schlagkräftigsten Armeen Europas. Im Ernstfall können rund 280.000 Soldaten mobilisiert werden, die Artillerie ist mit jener in Polen die größte in Europa. Steinmeier ist an diesem Tag zusammen mit seiner Frau Elke Büdenbender sowie dem Generalinspekteur Carsten Breuer und dem Präsidenten des Roten Kreuzes, Hermann Gröhe, nach Helsinki gekommen, um vom finnischen Beispiel zu lernen. Am Nachmittag besucht er noch eine finnische Militärbasis und wird über den „Nationalen Verteidigungskurs“ informiert, mit dem die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Kultur auf den Ernstfall vorbereitet werden. Militärisches Wissen tief in der Gesellschaft verankert Am Vortag war die Delegation zu Besuch in Schweden. Auch dort hatte man im Kalten Krieg ähnlich wie in Finnland die Gesamtverteidigung hochgehalten. Später wurde sie vernachlässigt, aber früher als in Deutschland wachte man wieder auf, legte den Hebel wieder um. Heute sind Schweden und vor allem Finnland Vorbild für Deutschland bei Zivilschutz und Resilienz. Doch was in der Bundesrepublik dabei nicht immer Beachtung findet: Grundlage dieser Wehrhaftigkeit ist der Wehrdienst, der in Finnland für alle Männer gilt. Dadurch ist militärisches Wissen tief in der Gesellschaft verankert. Die Wehrpflicht sei nicht nur in militärischer Hinsicht nützlich, sagt Stubb, sondern auch als „sozialer Kleber“ für die Gesellschaft. Schließlich lebe man in Baracken zusammen mit Männern, mit denen man sonst nie etwas zu tun habe. Das schweiße zusammen. Steinmeier wirbt bei der Gelegenheit für seinen Vorschlag einer „sozialen Pflichtzeit“, die bei der Bundeswehr wie in sozialen Einrichtungen verbracht werden könnte. Stubb und Steinmeier kennen sich gut, beide hatten schon verschiedene  Regierungsämter inne. „Wir waren beide Außenminister in einer Welt, die ganz anders war“, sagt Stubb. Heute hingegen seien sie Präsidenten einer „Welt in Unordnung“. Stubb: Deutsche Führung im Interesse Europas Was die Bedrohung durch Russland angeht, sieht man in Helsinki mit Erleichterung, welche enormen Summen Deutschland nun in die Rüstung investiert. Er wünsche sich ein großes deutsches Militär, und er wünsche sich deutsche Führung, sagt Stubb. Das sei im Interesse ganz Europas. Die frühere deutsche Russlandpolitik, die Hoffnung auf Wandel durch Handel, hatte man in Helsinki angesichts der eigenen Erfahrungen mit dem gefährlichen Nachbarn stets für naiv gehalten. Steinmeier gilt als einer der Architekten dieser Russlandpolitik, er hielt auch lange nach der Krim-Annexion noch an dem Kurs fest. Nur einmal kommt an diesem Tag die Sprache auf diese alten Zeiten, als es um die Frage geht, wann es Zeit sei, wieder in Kontakt mit Russland zu treten, Diplomatie zu betreiben. Noch sei dafür nicht die Zeit, sagt Stubb. Aber Finnland bleibe Nachbar Russlands, irgendwann würden sich die Beziehungen wieder öffnen. Steinmeier weist darauf hin, dass aus den Erfahrungen, die die frühere deutsche Regierung gemacht habe, „keine Ermutigung“ für Versuche des Dialogs erwüchsen. Infolge des russischen Angriffskriegs war Finnland 2023 der NATO beigetreten. Hauptgrund war die Hoffnung auf Schutz durch Amerikas Atomschirm. Doch am Beistand durch Amerika gibt es große Zweifel. Zwar gilt das Verhältnis Stubbs zum amerikanischen Präsidenten als hervorragend. Zwischenzeitlich schien eine Art Golf-Freundschaft entstanden zu sein. Aber in Helsinki hat man sehr genau am Beispiel von Friedrich Merz beobachtet, dass vermeintlich gute Beziehungen rasch vorbei sein können. Diese Woche legte die Regierung in Helsinki dem Parlament einen aktualisierten Bericht zur Außenpolitik vor. In dem heißt es, das transatlantische Umfeld sei derzeit von „Unvorhersehbarkeit“ geprägt, die NATO müsse sich in eine europäische Richtung entwickeln. Die Verantwortung im Bündnis müsse besser aufgeteilt werden, sagt Stubb, derzeit übernehme Amerika 60 Prozent der Lasten. Ziel müsse ein ausgewogenes Verhältnis sein. Stubb zeigt sich aber sicher, dass es „absolut keine Frage“ sei, dass im Ernstfall die Amerikaner Europa zu Hilfe kommen würden. Die amerikanischen Sicherheitsgarantien blieben bestehen. Steinmeier wiederum ruft dazu auf, nicht zu lamentieren und zu klagen „über jeden Satz, der frühmorgens aus Amerika zuflattert“. Die einzige richtige Reaktion sei, Europa so stark wie möglich zu machen. Und das so schnell wie möglich.