Da sitzt er vor dem Haus in der Sonne, ein junger Kerl, schreibend, in Gedanken vertieft. Dass in der guten Stube schon das Essen auf dem Tisch steht, interessiert ihn nicht. „Ich habe keinen Hunger, Mutter!“, ätzt der junge Goethe. Weder den Pferdewagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite noch die Frau, die dort hockt und Karotten schält, würdigt er eines Blickes. Die Welt um ihn herum ist dem jungen Schreiber egal. Denn er bringt gerade zu Papier, was in der Stadt in diesem Jahr 1764 für große Aufregung und Jubel sorgt: In Frankfurt wird ein neuer Kaiser von den Kurfürsten gewählt, Joseph II., mal wieder ein Habsburger. Und obwohl das Heilige Römische Reich massiv an Einfluss verloren und ein Epochenwechsel sich längst angekündigt hat, wird die Kaiserwahl, zwischen Frankfurter Dom und Römerberg, doch wieder mit großem Pomp zelebriert. Und der Junge, der wenige Jahre später als Schriftsteller für Furore sorgen soll, notiert in seiner Kladde, was er dort gesehen hat. Aus Asphalt wird wieder Kopfsteinpflaster Die Szene spielt im Großen Hirschgraben, wo die Goethe-Familie bis 1795 lebte. Und genau dort wird sie nun auch verfolgt – mithilfe von Virtual-Reality-Brillen. Die Technik macht es möglich, dass Touristen und Einheimische in der Frankfurter Altstadt auf Zeitreise gehen können. Aus Asphalt wird dann wieder Kopfsteinpflaster. Die Figuren, die an Charaktere eines Computerspiels erinnern, tragen historische Tracht. Und der 3D-Rundumblick sorgt dafür, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Nebenbei erfährt man – in Schlaglichtern – auch einiges über die Frankfurter Geschichte. Zum Beispiel, wie der Große Hirschgraben zu seinem Namen kam. „Hier wurden früher tatsächlich Wildtiere gehalten“, erklärt Rouven Dackermann, der die Gruppe durch die Altstadt führt. Zehn Stationen hat die Tour, die Karten kosten zwischen 29 und 32 Euro. Der Rundgang beginnt an der um 860 erbauten Kaiserpfalz Franconofurd und endet auf dem im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zerstörten Römerberg. Messehändler und Schmuggler tauchen in den 3D-Szenen auf, es geht um die Frankfurter Kaiserkrönungen, das Paulskirchenparlament, den Aufstieg der NSDAP. 90 Minuten für beinahe 1200 Jahre Frankfurter Geschichte: Das ist ein straffes Programm. „Wir wurden überrannt, das hat richtig gezogen“ Time Ride heißt das Unternehmen, das die Virtual-Reality-Geschichtsstunde im alten Frankfurter Stadtkern anbietet. Seit Ende April gibt es die neue Tour. Was solche virtuellen Zeitreisen angeht, ist das 2016 gegründete Unternehmen, das seinen Sitz mittlerweile in Frankfurt hat, ein Pionier. 2017 wurde der erste Time-Ride-Laden in Köln eröffnet. Dort gab es ein Programm, mit dem man entdecken konnte, wie Köln aussah, bevor es im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. „Wir wurden überrannt, das hat richtig gezogen“, erinnert sich Jonas Rothe, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens. Bis heute sei das Kölner Geschäft „der am besten besuchte Standort“ von Time Ride. In Frankfurt lief es weniger gut. Im Juni 2020 war der Time-Ride-Laden an der Berliner Straße, gegenüber der Paulskirche, fertig eingerichtet, und das Personal war gefunden. Die ersten Touren, in einer virtuellen Kutschfahrt geht es dabei durch das Frankfurt am Ende des 19. Jahrhunderts, waren gebucht. Die Corona-Pandemie aber setzte dem Unternehmen heftig zu. Ein normaler Betrieb war nicht möglich, mehr als eineinhalb Jahre lief alles auf Sparflamme. Die Folgen spüre das Unternehmen noch immer, sagt Time-Ride-Gründer Rothe: „Die gute Nachricht ist, dass es uns noch gibt.“ In Berlin und München mussten dagegen Filialen geschlossen werden. Heute gibt es Time-Ride-Läden in Köln, Frankfurt, Dresden und im bayerischen Kloster Andechs. Daneben setzt der Betrieb auf „Partnerschaften“ und entwickelt Virtual-Reality-Anwendungen immer häufiger auch für andere – etwa für das Frankfurter Eintracht-Museum oder für einen Anbieter von Stadttouren in Venedig. Historiker entwickeln die Stoffe für die Touren Wie entstehen die virtuellen Geschichtstouren wie die Frankfurter Altstadtführungen? Zunächst würden Ideen gesammelt, berichtet Rothe: Welche Orte sind spannend? Welche historischen Umbrüche haben die Stadt geprägt, was gehört zu ihrer Identität? Welche Ereignisse dürfen auf keinen Fall bei einer Tour fehlen? Sobald ein grobes Gerüst steht, beginnen die Rechercheure von Time Ride mit der Arbeit, suchen nach historischen Dokumenten, beschäftigen sich mit Stadtplänen, Schnittmustern von Kleidung, suchen nach historischen Zeichnungen oder Fotografien. Vier Historiker und ein Archäologe arbeiten für das Unternehmen. Sie recherchieren die Fakten, schreiben aber auch die Texte für die Szenen. Sogenannte 3D-Artists entwickeln daraufhin die virtuellen Zeitreisen. Sie modellieren die Figuren, erschaffen Stadtmauern, Kirchen, Fachwerkhäuser, Marktplätze, Landschaften. Dabei komme mehr und mehr auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz, berichtet Rothe. Sie helfe, dass die Charaktere realistischer wirkten, dass die Bewegungen fließend erscheinen, auch wenn für die Produktion „kein Disney-Budget“ parat stehe. Daneben braucht es Personal in den Geschäften und Tourguides. Rund 90 Menschen arbeiteten derzeit für Time Ride, Minijobber und Teilzeitkräfte inklusive, erzählt Rothe. Die ersten Ideen für sein Unternehmen hat er schon zum Ende seines Studiums entwickelt. In Freiburg und München hat der in Dresden geborene Rothe Musik- und Kulturmanagement studiert. 2012 schrieb er seine Masterarbeit über „Kulturhistorische Museen der Zukunft“. Projektionen und „das Eintauchen in Szenen“ hätten schon damals eine wichtige Rolle gespielt, sagt Rothe – das also, was heute unter dem Begriff „Immersion“ zusammengefasst wird. „Nur Virtual Reality gab es noch nicht.“ Immersive Ausstellungen liegen im Trend 2015 änderte sich das: Auf einer Messe konnte Rothe zum ersten Mal den Prototyp einer Virtual-Reality-Brille ausprobieren – und war „sofort angefixt“. Die neue Technik faszinierte ihn. Rothe arbeitete damals als Berater für die Kulturbranche in dem Unternehmen seines früheren Professors in München – und konnte auch ihn für die Möglichkeiten der neuen Technik begeistern. Gemeinsam gründeten die beiden Time Ride. Immersive Ausstellungen und Erlebnisse sind heute ein Trendthema, der Markt ist hart umkämpft. In Großstädten wie Frankfurt sind solche Ausstellungen schon länger regelmäßig zu Gast, gerade kann man neben den Time-Ride-Angeboten auch eine Schau über den Untergang der Titanic und die von einer hiesigen Designagentur konzipierte Frankfurt-Ausstellung „City of Wow!“ besuchen. Immersionsprojekte gibt es häufig aber auch über Künstler wie Jan Vermeer, Vincent van Gogh und Frida Kahlo. Nicht jedem gefallen diese Schauen. Kritiker sprechen von einer „Eventisierung“ von Historie und Kunstgeschichte. Die Ausstellungen und Videos seien oft oberflächlich und effekthascherisch, im Mittelpunkt stünden Technik, Inszenierung und Spektakel, nicht Wissen und Auseinandersetzung, wird bemängelt. Was sagt der Time-Ride-Unternehmer dazu? „Dass es wirklich immer nur an der Oberfläche bleibt, daran habe ich Zweifel“, antwortet er. Das Erlebnis steht im Vordergrund Seine virtuellen Zeitreisen begreift Rothe als „Türöffner“, die zwar kein Proseminar und wohl auch keinen Museumsbesuch ersetzen können, aber doch dazu anregen sollen, sich intensiver mit Geschichte auseinanderzusetzen. Natürlich gehe es den Besuchern „vor allem um ein Erlebnis“ und „Entertainment“. Das sei aber häufig auch ein Anstoß, sich in ein Thema zu vertiefen, meint Rothe. „Wir merken das auch in den Läden: Am besten werden bei uns Sachbücher verkauft.“ Die Technik werde sich schon bald weiterentwickeln, glaubt der Time-Ride-Gründer. „Die Brillen werden kleiner und komfortabler.“ Virtual Reality werde außerdem immer mehr mit sogenannter Augmented Reality verschmelzen: Dabei wird die reale Welt ebenfalls um virtuelle Elemente „erweitert“, man taucht aber nicht in eine komplett virtuelle Welt ein. „Dann wird man mit der Brille auch umherlaufen können“, hofft Rothe. Für virtuelle Stadtführungen wäre das ein enormer Sprung. Gerade in der Tourismusbranche werde die Bedeutung von Virtual-Reality-Anwendungen noch wachsen, vermutet Rothe. „Wenn das Reisen immer teurer wird, wird das virtuelle Bereisen von unbekannten Gegenden zunehmen.“ Wer sich den Trip nach Australien, Fernost oder Südamerika nicht mehr leisten kann (oder möchte), kann die Ferne dann eben mithilfe von Virtual Reality erkunden. Sirenen und der Lärm von Flugzeugen sind zu hören Dass die Technik das tatsächliche Reisen irgendwann sogar komplett verdrängen wird, hält Rothe allerdings für ein Hirngespinst. „Das wird nicht passieren“, sagt er. „Eher wird man Virtual Reality nutzen, um noch besser auswählen zu können, wofür man sein Reisebudget ausgibt. Dann probiert man einfach schon mal vorher aus, was man erleben will: Geht es in die Wüste? Will ich in den Dschungel? Oder lieber an den Strand?“ Jetzt aber geht es erst einmal zum Frankfurter Römerberg. Der große, von Fachwerkhäusern umrahmte Platz ist die letzte Station bei der Altstadtführung von Time Ride. Wieder gibt Tourguide Rouven Dackermann ein paar Hinweise, sagt, wo die Besucher sich aufstellen und wo sie hinschauen sollen, dann werden die Brillen aufgesetzt. Plötzlich sieht man Hakenkreuz-Fahnen, die vor dem Rathaus im Wind wehen, eine Stimme berichtet von der Vertreibung der Frankfurter Juden, dann hört man Sirenen, den Lärm der Flugzeuge, die die Stadt angreifen. Die Pracht des Ortes ist zerstört, Schutthaufen türmen sich auf. 13 Millionen Kubikmeter Trümmer mussten aus Frankfurt abtransportiert werden, erklärt die Stimme. Sie erzählt von der Rückkehr des Rabbiners Leopold Neuhaus aus dem Ghetto Theresienstadt, vom Wiederentstehen einer jüdischen Gemeinschaft, vom Wirtschaftswunder und vom Finanzwesen, das der Stadt neuen Wohlstand bringt. Auch die trüben Bilder verschwinden nun nach und nach. Am Ende des Virtual-Reality-Videos findet man sich inmitten der Frankfurter Wolkenkratzer wieder. Es ist Nacht, die Stadt leuchtet. „Wandel gehört zur Geschichte und zur Identität dieser Stadt“, sagt die Stimme. Das kann man pathetisch empfinden, kitschig sogar – zum Nachdenken regt es trotzdem an.
