FAZ 12.05.2026
07:15 Uhr

Staatsbesuch in Peking: Trumps Werk und Chinas Beitrag


Beide Länder sind systemische Rivalen – und doch profitiert China strategisch von Trumps Politik. Damit das so bleibt, muss Peking vorsichtig vorgehen.

Staatsbesuch in Peking: Trumps Werk und Chinas Beitrag

„Das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten“ – so lautet ein bis heute bekanntes Strategem aus dem China des dritten Jahrhunderts. Das andere Ufer steht für den Gegner in der Krise, das „Beobachten“ gilt dem scheinbar unbeteiligten Dritten, der abwartet und aus der Lage seinen Vorteil zieht. Ein passendes Bild für Pekings Blick auf Donald Trump. China und die USA sind und bleiben systemische Rivalen. Seit Jahren buhlt Peking um die Vorherrschaft in der Weltwirtschaft, zunehmend auch in der Geopolitik. Die aktuelle, chaotische Phase des alten Angstgegners unter Trump nutzt Peking nun, indem es geduldig beobachtet, wie das Verhalten der USA die Weltordnung zugunsten Chinas verschiebt. Gleichzeitig stellt China sich an anderen Ufern breiter auf. Außenpolitisch kann Peking beobachten, wie Trump im Westen Allianzen beschädigt und alte Verbündete schwächt. Mit seinem Annexionsplan Grönlands stellte er die NATO infrage, deren Zerschlagung ein alter Traum Chinas ist. Trumps Verachtung für die Ukraine stärkt Russland und damit indirekt Peking. Trump belegt die EU mit drastischen Zöllen und fördert zugleich Kräfte, die Brüssel schwächen. Eine gemeinsame westliche Strategie gegen China macht er damit unmöglich. Seit Jahren treibt Peking die Spaltung zwischen Europa und Amerika voran. Nun kann es vom anderen Ufer aus zusehen, wie Trump den Graben selbst vertieft. Trump verzettelt sich im Nahen Osten Dieses Muster zeigt sich auch in Asien. Auf Chinas diplomatische Angriffe gegen Japan reagiert Trump nicht. Bei Autokraten wie Wladimir Putin und Xi Jinping setzt er dagegen auf Schmeichelei und Beschwichtigung. Auch den Krieg in Iran kann Peking zunächst aus der Distanz verfolgen. Trump verzettelt sich im Nahen Osten, Amerika verbraucht die eigentlich zur Abschreckung Chinas und Russlands vorgesehenen Vorräte an hochwertiger Munition. Doch Peking muss vorsichtig vorgehen. Wirtschaftlich ist die Volksrepublik stark abhängig von Exporten und gleichzeitig verwundbar durch Zölle und die amerikanische Dominanz auf den globalen Finanzmärkten. So bemüht es sich um alternative Absatzmärkte, um die Abhängigkeit vom bis auf Weiteres größten Handelspartner USA zu verringern. Wirtschaftliches Kalkül beeinflusst Chinas außenpolitisches Auftreten. Würde China Iran deutlicher unterstützen, geriete es in einen offenen Konflikt mit den Golfstaaten, mit denen Peking engere Wirtschaftsbeziehungen pflegt. Peking will am Golf seine eigenen Hightech-Ökosysteme etablieren anstelle der amerikanischen. Öffentlich weitgehend unbemerkt blieb der hoch präzise iranische Angriff auf das Serverzentrum von Amazon in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das jetzt auf Monate ausfällt. Auch da folgte Peking seinem alten Strategem: Es beobachtete, aber war nur scheinbar unbeteiligt. So könnte der Irankrieg zum Wendepunkt in den Beziehungen zwischen den USA und China werden, wenn Trump nach Peking reist. Chinas Unterstützung der Iraner ist Washington zunehmend ein Dorn im Auge. Aber auch für Peking hat das Abwarten Grenzen. Alles, was der mit der weltweit mächtigsten Armee ausgestattete Trump anfasst, kann jederzeit zerbrechen. Also zeigt China gelegentlich die Krallen – bislang aber nur, um Trump auf seinem Beschwichtigungskurs zu halten. So wie vor Kurzem, als Peking es chinesischen Firmen untersagte, sich amerikanischen Sanktionen zu beugen. Gelenkte Handelsbeziehungen Seit die Vereinigten Staaten unter Trump als Absatzmarkt für China ebenfalls unberechenbarer geworden sind, sucht es stärker nach Alternativen. Hier rückt Deutschland als wichtigster Handelspartner in Europa wieder mehr in den Fokus. Sichtbar wird dies auch durch die immer häufigeren Besuche deutscher Politiker in Peking. China bietet der konjunkturschwachen Bundesrepublik (strategische) Investitionen an. Demnächst kommt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nach Peking. Die Volksrepublik wird die Pilger aus Europa zurückgelehnt empfangen. Das gilt auch für Washington. Je näher die amerikanischen Zwischenwahlen kommen, desto größer wird der Druck, der auf Trump lastet – und desto günstiger die Gelegenheit für Peking, ihm Zugeständnisse abzutrotzen. Trump selbst will, anders als die meisten Sicherheitspolitiker in Washington, jetzt „Deals“ und gelenkte Handelsbeziehungen mit China. Er lockerte die Technologiekontrollen und erlaubte die Ausfuhr strategischer KI-Chips. Noch kann Xi zusehen, wie der amerikanische Präsident sein eigenes Land und dessen Verbündete erniedrigt, Allianzen untergräbt und ihre Mitglieder alleinlässt. Solange China sein Wirtschaftswachstum aufrechterhalten kann, profitiert es von der politischen Chaoslage in Amerika. Dafür muss es umso mehr in andere Märkte exportieren – nach Europa und insbesondere nach Deutschland, das sich genau überlegen sollte, wie es seine Beziehungen zu China gestaltet. Denn Peking behält nicht nur ein Ufer im Blick. Um sich warm zu halten, hat man besser mehrere Eisen im Feuer.