Etwas Wehmut hat den langjährigen Dortmunder Klubchef und heutigen Präsidenten des eingetragenen Vereins dann doch erfasst, als der Abschied von einer Klubikone beschlossen war. Gemeinsam mit Sebastian Kehl habe er „in mehr als 20 Jahren große Erfolge gefeiert und einige schmerzliche Enttäuschungen durchlitten“, teilte Hans-Joachim Watzke mit. Kehl habe „bereits heute einen festen Platz in den Annalen von Borussia Dortmund“. Und dennoch räumt der 46 Jahre alte Sportdirektor sein Büro in Dortmund. Lars Ricken, der für den Sport zuständige Geschäftsführer, sagte: „In einem sehr offenen Gespräch“ sei man „zu der gemeinsamen Überzeugung gelangt, dass im Sommer der richtige Zeitpunkt für Veränderungen gekommen ist“. Damit sich beide Seiten darauf vorbereiten können, ist eine „sofortige Beendigung von Sebastians Tätigkeit“ beschlossen worden. Kehl war von 2002 bis 2015 als Spieler für den BVB aktiv, begann 2018 als Leiter der Lizenzspielerabteilung als Funktionär im Klub und beerbte 2022 Michael Zorc als Sportdirektor. „Borussia Dortmund hat mich mein halbes Leben begleitet, und ich habe eine extreme Verbundenheit zu diesem großartigen Klub“, sagte Kehl. „Trotzdem haben wir nun gemeinsam das Gefühl entwickelt, dass es an der Zeit ist, neue Wege zu gehen – sowohl für den BVB als auch für mich.“ Vorausgegangen ist ein Prozess der Entfremdung, in dessen Verlauf Kehls Arbeit immer wieder Gegenstand kritischer Betrachtungen war. Es mangele dem ehemaligen Nationalspieler an Entschlusskraft auf dem Transfermarkt, hieß es. Mit dem vor einem Jahr entlassenen Technischen Direktor Sven Mislintat hat er sich nie gut verstanden, bis heute wird der Kader intern in Mislintat-Spieler und in Kehl-Spieler unterteilt. Und Matthias Sammer, der Berater der Geschäftsführung, gilt als besonders glühender Kehl-Kritiker. Der BVB sei „harmoniesüchtig“, hatte Sammer neulich erklärt. Wenn der BVB „den nächsten Schritt“ gehen wolle, sei eine andere Streitkultur innerhalb des Klubs erforderlich. Es war immer klar, wer der Hauptadressat dieser Worte ist: Kehl. Wirkliche Spielerperlen hat Kehl schon lange nicht mehr gefunden Inhaltlich wird dem ehemaligen Kapitän des BVB zudem vorgeworfen, nicht besonders kreativ beim Aufspüren neuer Spieler gewesen zu sein und sich zu viele Fehlgriffe zu leisten. Yan Couto von Manchester City zum Beispiel oder Carney Chukwuemeka, der vom FC Chelsea kam, die beide als typische Kehl-Transfers gelten müssen. Spieler, die der Sportdirektor zum BVB transferierte, haben fast immer entweder schon sehr gut in der Bundesliga funktioniert (Maxi Beier, Ramy Bensebaini, Julian Ryerson, Nico Schlotterbeck) oder weisen ein Qualitätsmerkmal auf, das auch dann noch einen gewissen Werterhalt garantiert, wenn es beim BVB nicht so gut passt: Länderspiele für eine Topnation, ein paar Einsätze bei einem sehr großen Champions-League-Klub oder zumindest eine Ausbildung bei einem der Giganten aus England. Das verschafft Sicherheit. Perlen von kaum bekannten Klubs, wie sie Markus Krösche von Eintracht Frankfurt (Hugo Ekitiké, Omar Marmoush) oder die Leipziger (Yan Diomande) in der jüngeren Vergangenheit entdeckt haben, hat Kehl schon lange nicht mehr gefunden. Dass die Trennung gerade jetzt mitten in der Saison erfolgt, ergibt im Übrigen Sinn. Die Kaderplanung für die kommende Saison läuft längst. Für Kehl, der womöglich schon einen neuen Job in Aussicht hat, erscheint eine weitere Zusammenarbeit vor diesem Hintergrund nicht sehr sinnvoll. Der Hamburger SV, der sich im Dezember von Stefan Kuntz trennte, soll Kehl als Nachfolger ins Auge gefasst haben, während umgekehrt seit Jahren darüber spekuliert wird, dass der BVB einen ernsthaften Versuch unternehmen könnte, Markus Krösche aus Frankfurt ins Revier zu holen. Die Kehl-Trennung ist aber noch kein Durchbruch in diesem Projekt, denn Krösche wird eher nicht zu einem Verein wechseln, wo er mit Lars Ricken, dem Geschäftsführer Sport, und mit Carsten Cramer, dem Sprecher der Geschäftsführung, zwei Personen über sich im Organigramm stehen hat, die seine Transfers abnicken müssen und im Zweifel das letzte Wort haben. Allerdings ist auch Ricken nicht über jeden Zweifel erhaben. Sein Vertrag läuft 2027 aus, Schritte zu einer Verlängerung sind dem Vernehmen nach noch nicht unternommen worden. Wer nun kurzfristig Kehls Arbeit übernimmt, ist unklar, aber alles deutet darauf hin, dass der BVB schon bald einen neuen Sportdirektor präsentiert, der gemeinsam mit Ricken und Trainer Niko Kovač das Team für die kommende Saison plant. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Umbauarbeiten in der sportlichen Leitung damit abgeschlossen sind.
