Die Liebe der Deutschen zur italienischen Küche ist unübertroffen. Aber es ist eine unbeholfene Liebe, die Leidenschaft eines unerfahrenen Jünglings, der noch nicht gelernt hat, Delikatessen zu schätzen – jedenfalls, wenn man den sozialen Medien glauben will. Die Originalität ist das Lieblingsthema einer resoluten Italienerin auf Instagram, die sich in jedem Video aufs Neue darüber echauffiert, was man mit italienischem Essen alles falsch machen kann – und viele kochende Männer sekundieren dabei. Besonders schlimm, so wird im Netz immer wieder gepredigt, ist die Verhunzung eines Klassikers der römischen Küche, der Spaghetti Carbonara. So wie die Deutschen sie essen, mit Sahne und Kochschinken, ist es ein einziger Frevel. Und darum ist in Videos zu sehen, wie es richtig geht: Es wird Guanciale, fetter Wangenspeck vom Schwein, in dicke Streifen geschnitten und in der Pfanne angebraten. Und statt Sahne kommt eine Mischung aus verquirltem Eidotter und geriebenem Käse ins Spiel. Und: Dieser Käse muss natürlich der Schafskäse Pecorino sein. Alles andere ist inakzeptabel. In den Videos wird das ausgetretene Fett des Guanciale – die Italiener sprechen auf Englisch gerne von „Juice“ – in die Ei-Mischung gerührt, die dann wie von selbst zu einer wunderbar cremigen Pastasauce wird, wenn sie mit einer Kelle des stärkehaltigen Nudelkochwassers ergänzt wird. Auch die Pizza Hawaii ist natürlich nichts weiter als ein Verbrechen an Italiens reichem kulinarischen Erbe. Und die Deutschen bekommen mit pingeligem Übereifer auch regelmäßig um die Ohren gehauen, dass Bolognese keinesfalls mit Spaghetti, sondern mit Tagliatelle serviert wird. Manches Video ist dabei geradezu satirisch übertrieben, aber wie jeder Spaß hat das alles auch einen wahren Kern. Denn tatsächlich schmeckt die Originalversion zumindest bei der Carbonara um Längen besser als jede verdeutschte Version des Klassikers. Und so gelingt die perfekte Carbonara Und die erfordert gar nicht mal mehr Aufwand und lässt sich auch umstandslos als Singleportion zubereiten: Je Person etwa 60 bis 80 Gramm Guanciale in einer Kasserolle in etwas Butter nicht zu kräftig anbraten und derweil 30 bis 50 Gramm geriebenen Pecorino mit einem Eigelb oder einem ganzen Ei sowie schwarzem Pfeffer verquirlen. 120 Gramm Spaghetti bissfest kochen und nach dem Abgießen in die Kasserolle zu dem Speck geben, die Eimasse darüber gießen und rühren, bis der Käse schmilzt, schließlich etwas Nudelkochwasser dazugeben. Das Ei muss abbinden, also dickflüssig werden. Bleibt die Soße dünnflüssig, noch einmal sanft erwärmen. Wer die Carbonara so auf den Teller bringt, kann auch vor den Traditionalisten bestehen.
