FAZ 17.08.2026
12:00 Uhr

Sozialanthropologie des Ferienorts: Die Authentischen und ihr Publikum


Feriengäste suchen in ihren Ferienzielen gerne das Echte, das sie aber gerade dadurch erst erzeugen.

Sozialanthropologie des Ferienorts: Die Authentischen und ihr Publikum

Einen Urlaubsort kennenzulernen ist ­– wenn man es überhaupt darauf anlegt ­– gar nicht so einfach. Meist fehlt die Zeit, um sich mit religiösen Traditionen, kulinarischen Finessen oder exotischen Tonskalen vertraut zu machen. Kulturelle Darbietungen lösen dieses Problem durch Verdichtung: Zielgruppengerechte Konzerte, traditionelle Tänze und historische Bühnenspiele vermitteln Kultur im Schnelldurchlauf. Was sich über Jahrhunderte herausgebildet hat, soll vor dem Abendessen verständlich werden. Von einer interessanten Variante dieser touristischen Praxis berichtet die Sozialanthropologin Danaé Leitenberg aus einem Dorf im Berner Oberland, in dem sie mehrere Jahre lang geforscht hat. Seit zwei Jahrhunderten prägt der „Fremdenverkehr“ das Leben im Tal: Rund viertausend Menschen leben dort dauerhaft, in der Hochsaison kommen mindestens fünfmal so viele zu Besuch. Im Sommer 2019 führte eine Gruppe von rund hundert Bewohnern das Freilichtstück „Alpenglühen“ auf, das die Geschichte des Tals vom Beginn des Alpentourismus bis hin zu einer düsteren Zukunft erzählte. Einheimische spielen Bauern und Bergführer ebenso wie englische, deutsche oder amerikanische Gäste. Die vierzehn überwiegend ausverkauften Vorstellungen richteten sich an Gäste und Einheimische. Während die Gäste die authentische Dorfgeschichte besichtigten, spielten und beobachteten die Bewohner sich selbst in der Rolle des authentischen Bergdorfes. Authentizität als Produkt wirkt auf die Produzenten zurück Das Stück kritisierte das Wachstum und den Verlust lokaler Lebensformen. Es sollte dem Dorf etwas von seiner Geschichte zurückgeben, die hinter neuen Seilbahnen, Ferienwohnungen und Besucherströmen verschwindet. Die nostalgische Rückbesinnung zielte vor allem auf Schweizer und europäische Individualreisende. Tourismuskritik, das Bedauern darüber, dass die schöne Landschaft alles andere als unberührt ist, fungierte als touristische Attraktion – aber auch als Fluchtpunkt der lokalen Selbstbeschreibung. Gewöhnlich stellt man sich den Tourismus als Begegnung zwischen zwei klaren Rollen vor: auf der einen Seite die Gäste, die das Außergewöhnliche und Authentische suchen, auf der anderen die Einheimischen, die es bereitstellen. Doch nach zwei Jahrhunderten touristischer Beobachtung hat der Blick die Seiten gewechselt. Die Bewohner führen das alpine Leben nicht lediglich für andere auf. Sie haben gelernt, sich selbst in den Bildern zu erkennen, die Reisende, Maler, Schriftsteller und Reiseveranstalter von ihnen entworfen haben: naturverbunden, bodenständig, traditionsbewusst und von der modernen Welt auf angenehme Weise unberührt. Gäste und Servicemitarbeiter, die das Bild stören Diese Tradition wird nicht dadurch wirksam, dass jemand eine Kuhglocke trägt. Sie muss erzählt und dargestellt werden, und noch wirksamer als in Geschichts- und Reisehandbüchern gelingt dies auf einer eigens dafür eingerichteten Bühne. Authentizität bezeichnet keinen ursprünglichen Zustand, sondern eine erfolgreiche soziale Zuschreibung. Die Reisenden liefern dafür das Publikum, die Einheimischen das Personal – und beide bestätigen einander, dass sie dem gewöhnlichen Tourismus und seinen Folgeproblemen etwas entgegensetzen. Diese Wechselseitigkeit funktioniert jedoch nicht mit allen Reisenden gleichermaßen gut. Bewohner und Hoteliers unterscheiden zwischen den vertrauten Stammgästen und dem neuen „Massentourismus“. Als erwünscht gelten europäische oder nordamerikanische Individualreisende, die länger bleiben, aber zurückhaltend fotografieren, die lokale Geschichte schätzen und sich angemessen beeindruckt zeigen. Gäste aus Asien oder dem Nahen Osten werden dagegen als massenhaft und „maßlos“ wahrgenommen, selbst wenn sie als Familie oder allein reisen. Der gute Tourist ist offenbar nicht derjenige, der wenig stört, sondern derjenige, dessen Blick das gewünschte Selbstbild zurückspiegelt. Das folkloristische Selbstbild beruht auf einer dazu komplementären Selektivität. Wer das Dorf als zeitlose Gemeinschaft vorführt, muss festlegen, wer diese Gemeinschaft verkörpert. Die migrantischen Beschäftigten, die Zimmer reinigen, Mahlzeiten zubereiten und einen erheblichen Teil der touristischen Arbeit leisten, kommen in der nostalgischen Selbstdarstellung kaum vor. Sie gehören wirtschaftlich zum Tal, aber nicht zu seiner Geschichte. Die Bühne spiegelt die Realität des Tourismusbetriebs wider: Vorne erscheint das authentische Dorf, hinten arbeiten jene, deren Anwesenheit die Inszenierung irritieren könnte. Touristische Inszenierung bedeutet hier dennoch mehr als geschickte Vermarktung. Der touristische Blick wird zu einer lokalen Institution: Er ordnet Vergangenheit und Zukunft, unterscheidet passende von unpassenden Gästen und entscheidet mit darüber, wer als wirklich einheimisch gelten darf. Die Fremden bringen dem Dorf nicht nur Geld, sondern auch einen Spiegel, in dem es sich den eigenen Vorstellungen entsprechend zurechtmachen und wiedererkennen kann. D. Leitenberg (2026): Nothing Without Tourism. Local Dependency, Time and Nativism in the Swiss Alps. New York, Oxford: Berghahn.