FAZ 07.05.2026
08:17 Uhr

Serie „Man on Fire“: Er kriegt die Schuldigen


Mit der Serie „Man on Fire“ legt Netflix das Remake eines legendären Actionsfilms mit Denzel Washington auf. Auch sein Nachfolger ist ein gebrochener Mann auf Rachefeldzug. Daraus könnte etwas werden.

Serie „Man on Fire“: Er kriegt die Schuldigen

Fünf Bücher hat Philip Nicholson alias A. J. Quinnell über den traumatisierten Söldner Marcus Creasy geschrieben, aber bekannt wurde vor allem die Kinofassung der ersten Geschichte. In der soll Creasy, nun mit dem Vornamen John, ein kleines Mädchen als Leibwächter beschützen. Nach ihrer Entführung startet er einen Rachefeldzug. „Man on Fire“ kam 2004 auf die Leinwand – ein Hollywoodspektakel mit Denzel Washington als gebrochenem Helden. Die Regie führte damals der bereits für Actionstreifen wie „Top Gun“, „Last Boy Scout“ oder „Spy Game“ bekannte jüngere Bruder von Ridley Scott, Tony. Er verlagerte das Abenteuer vom mafiageplagten Italien ins ungemütliche Mexiko-Stadt, heuerte Christopher Walken und Mickey Rourke als Nebendarsteller an, und die Kritiker murrten. Sie fanden „Man on Fire“ zu simpel und moralisch fragwürdig und kamen auch mit dem dynamischen „MTV-Stil“ von Scott nicht zurecht. Das Publikum indes war begeistert, wofür auch die neunjährige Schauspielerin Dakota Fanning sorgte. Ihr kindliches Wesen ergänzte Washingtons knallharten Auftritt. Nun versucht sich Netflix an einem Remake, was die Lizenz zu weitreichenden Veränderungen der Geschichte zu beinhalten scheint. Die Neuauflage erzählt von einem Mädchen, das bei einem Terroranschlag seine Familie verliert und als einzige Zeugin des Verbrechens in Sicherheit gebracht werden will. Poe heißt diese Teenagerin, gemimt von Billie Boullet, die eben erst in einer vollständig anders gelagerten Rolle, nämlich als Anne Frank in der Disney-Serie „Ein Funken Hoffnung“, zu sehen war. Sie ist die Tochter des selbstbewussten Ex-Soldaten Paul Rayburn (Bobby Cannavale), der einen lukrativen Auftrag in Brasilien ergattert hat. Rayburn verstärkt das Sicherheitsteam des Präsidenten Carmo (Billy Blanco Jr.) vor den Wahlen, und weil er ein Familienmensch ist, nahm er Frau und Kinder gleich mit in die Expat-Blase an der Copacabana. Die Zeiten, in denen er in irgendwelchen Helikoptern saß, weit von den Liebsten entfernt, sollen endlich vorbei sein. John Creasy ist ein psychisches Wrack Rayburn ist ein rührender Kerl. Engagiert kümmert er sich zum Beispiel um einen gestrauchelten Kameraden von einst, der seit einer missglückten Operation im Auftrag der CIA ein psychisches Wrack ist. John Creasy (wunderbar erdig: Yahya Abdul-Mateen II aus „Watchmen“) kann nicht mal mehr eine Glock-Pistole ohne Zittern zusammenbauen. Rayburn will das ändern. Er holt den alten Kumpel nach Rio und schafft es, ihn dort ebenfalls in das Präsidenten-Projekt zu ziehen. Für die standesgemäße Fahrt durch die Megametropole drückt er ihm die Visitenkarte der Chauffeurin Valeria Mélo (Alice Braga) in die Hand, einer alleinerziehenden Witwe, der die Serie zweifelsohne eine tragende Rolle als Vertrauensperson zugedacht hat. Just in der Nacht, als Creasy den Fahrdienst zum ersten Mal braucht, wird Rio von einem Anschlag erschüttert: Terroristen sprengen das Hochhaus, in dem Rayburns Familie lebt. Poe kommt gerade von einer Party zurück, als die Bombe hochgeht. Sie sieht, wie ihr Vater in einer Feuerwolke verschwindet, und wird beim Versuch, außer Landes zu reisen, als Zeugin der Tat von schießwütigen Dunkelmännern verfolgt. Der ausgebrannte Creasy entdeckt seine neue Berufung. Er will Poe schützen und die Mörder seines Freundes im Alleingang zur Strecke bringen. Die posttraumatische Belastungsstörung ist schlagartig weg, der Körper in Form, Schießeisen liegen ihm ebenso gut in der Hand wie der Knüppel eines Flugzeugs, das mit brennenden Triebwerken gestartet und wieder heil auf die Erde gebracht werden kann. Den Rest wird man sehen – im Rio der wohlhabenden, gut gekleideten und mit Schutzräumen gesegneten Menschen mit Einfluss und vor allem auch in jenem der Armen, die Familienangehörigen mit Maschinenpistolen vertrauen müssen. Die Hochglanzkamera (Alejandro Martínez) kann gar nicht genug bekommen von dem bunten Häusermeer, das die Hügel abseits der Pools und Strände bedeckt. Oder wie Poe das sagt, als sie das Gassengewirr durchstreift: „Es ist gar nicht so, wie ich dachte. Es ist irgendwie hübsch.“ Der gleichaltrige Livro (Jefferson Baptista), der auf sie achtgeben soll, bis Creasys Recherchen weiter gediehen sind, zeigt ihr als Erstes, dass man unter diesen Umständen sogar Netflix empfangen kann. Man darf bezweifeln, dass Poe in den Favelas die Ruhe zum Fernsehen bekommt, und eine Serie wie „Man on Fire“ würde sie wohl nicht einschalten. Das hier ist eher „Dad TV“, passabel zusammengeschraubt vom Serienschöpfer Kyle Killen, der kein großer Dialogautor ist, aber eine stimmungsvolle Grundlage für den Ausbau der Reihe legt. Das CIA-Logo vom Anfang kommt natürlich auch noch mal vor. Man on Fire läuft bei Netflix.