Es ging um geopolitische Signaturen einer Zukunft Europas an diesem Nachmittag, an dem das Goethe-Institut in Budapest seine neuen Räumlichkeiten einweihte und somit den ungarischen Wahlen vom 12. April einen eigenen Neuanfang folgen ließ. Ob es an der Themenansetzung „Ost-Posten“, den geladenen Gästen oder der Neugier auf die neuen Räumlichkeiten lag, jedenfalls war der neue Veranstaltungssaal bestens besucht. Zum Gespräch geladen waren der ungarisch-italienische Historiker und Publizist Stefano Bottoni und mit Karl Schlögel einer der einflussreichsten deutschen Osteuropa-Experten und Kulturanthropologen der letzten Jahrzehnte („Die Mitte liegt ostwärts“, „Der Duft der Imperien“, „Entscheidung in Kiew“). Es moderierte Edit Inotai, die Budapest-Korrespondentin der ARD. Das in deutscher und ungarischer Sprache mit Simultanübersetzung gehaltene Gespräch bestand im Wesentlichen aus dem Austausch von Positionen zur Bedeutung des ungarischen Wahlausgangs und dessen Auswirkungen auf das deutsch-ungarisch-russische beziehungsweise -ukrainische Verhältnis. Es widmete sich der Genese der heutigen Situation und den Gründen für das Abdriften Ungarns vom europäischen Konsens gegenüber der russischen Aggression seit 2014. Bottoni veröffentlichte 2019 in Italien eine Biographie von Viktor Orbán, die 2023 in erweiterter Fassung auf Ungarisch und 2025 auch auf Deutsch erschien. Er verwies auf die Verlockungen einer von Russland reaktivierten auswärtigen Minderheitenpolitik aus der Mottenkiste des zwanzigsten Jahrhunderts, die auf die politische Romantik eines wiederherzustellenden „Groß-Ungarn“ eingewirkt habe. Mehrheiten seien für diese (mit Blick auf 1848 und 1956 eher prekäre) Nähe durch einen Mix aus repressiver Medienpolitik und kompensierender Sozialpolitik auf dem Lande organisiert worden. Dies habe Ungarn außenpolitisch sehr geschadet. Allerdings sei Ungarn in seinen besonderen Russlandbeziehungen kein Solitär; auch die italienische Politik etwa habe quer durch die Lager kein „normales Verhältnis“ zu Russland gefunden, weder nach der Krim-Annexion noch nach dem Angriffskrieg von 2022. Der Städtemörder Putin Schlögel machte hierzu eine Reihe von Anmerkungen mit eigenen Pointen. Zunächst bekannte er, wie schon bei anderen Gelegenheiten, ähnlich wie die Mehrheit der strukturell denkenden, links beheimateten deutschen und europäischen Intelligenz vom System Putin getäuscht worden zu sein. Dies habe im Prinzip bis zum Februar 2022 angehalten, da auch er von der irrwitzigen Abenteuerlichkeit dieses Krieges überrascht worden sei. Der Krieg sei für Putin nicht zu gewinnen, durch den vierjährigen Misserfolg dieses Blitzkriegsversuches sei der Autokrat inzwischen aber auf die Fortsetzung des Krieges angewiesen, um sich überhaupt noch an der Macht halten zu können. Da der Krieg nicht zu gewinnen sei, aber auch nicht beendet werden könne, schlage die Aggression umso schärfer in pure Destruktion um: Gräueltaten wie der systematische „Urbanozid“ an ukrainischen Städten – also die Tilgung aller Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung wie Krankenhäuser, Elektrizitäts- und Wasserwerke, Wohnhäuser – und die immer wieder erneuerte Drohung eines Einsatzes von Atomwaffen seien die Effekte dieser eigentlich verzweifelten Lage. Die „bürgerlich-kapitalistischen“ Gesellschaften Europas stünden fassungslos vor solchen Regressionen in totalitäre Barbarei. In der anschließenden Diskussion mit einem ungewöhnlich stark involvierten Publikum wurde auch die Frage besprochen, wie ein Friedensschluss erreicht werden könne und wer hierbei als Mittler infrage käme. Der russische Vorschlag Gerhard Schröders stieß auf wenig Zustimmung im westlichen Lager, nun kursiere auch der Name Angela Merkels. Schlögel entgegnete darauf, dass es ihm egal sei, wer für diese Mission ernannt werde, solange der- oder diejenige hierbei Erfolgsaussichten habe. Diese sehe er bei Schröder nicht und auch bei Merkel kaum. Es brauche wohl eher eine Autorität von außerhalb, die der politischen Welt entscheidende Impulse geben könne – ihm falle hierfür eigentlich nur der Papst ein. Dieses Bekenntnis eines Historikers aus marxistischer Schule rief dann doch Staunen hervor. Es lässt sich vielleicht nur vor dem Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzungen Papst Leos XIV. mit der von Usurpationsgelüsten getriebenen Außenpolitik Donald Trumps und deren apokalyptisch-atomarer Dimension verstehen. Um Trumps Amerika, das überdies im Begriff steht, europäische und zumal deutsche Abhängigkeiten etwa im Energiesektor umzupolen und die bestehenden Abhängigkeiten im Digitalen oder bei der Rüstung zu verschärfen, ging es an diesem Abend verhältnismäßig wenig. Dass Europa über eigene Schlagkraft und Souveränität verfügen müsse, war Konsens, die Bewerkstelligung aber entzieht sich, wie Bottoni und Schlögel beteuerten, naturgemäß den Kompetenzen der Historiker. Die noch länger andauernden Einzelgespräche im Anschluss zeigten, dass mit der Ansetzung dieser Fragen definitiv ein Nerv getroffen wurde.
