Nach politischen Ränkespielen hat die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung mit Roland Borchers einen neuen Direktor erhalten. Obwohl Borchers, zurzeit noch stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, als Außenseiter galt und bislang nicht enger mit dem Thema Flucht und Vertreibung in Verbindung gebracht wurde, sprach sich der Stiftungsrat am Donnerstag einstimmig für ihn aus. Vorausgegangen war der Stiftungsratssitzung heftiges politisches Taktieren, das anzeigt, wie sensibel die Frage des Umgangs mit dem an Deutschen begangenen Unrecht am und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute ist. Zunächst hatte der Stiftungsrat auf Betreiben des Bundes der Vertriebenen (BdV), der über sechs Sitze in dem Gremium verfügt, den Vertrag der amtierenden Direktorin Gundula Bavendamm nicht verlängert. Das Zerwürfnis spiegelt sich in einem Brief, den der frühere BdV-Präsident Bernd Fabritius (CSU) im Juli 2024 an Bavendamm geschickt hat. Das Schreiben liegt der F.A.Z. vor. Darin wird Bavendamm unter anderem vorgeworfen, sich von den Stiftungsdefinitionen entfernt zu haben. Anstatt die NS-Kriegsverbrechen und die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen in einem „Kontext“ darzustellen, werde im Katalog zur Dauerausstellung explizit eine „Kausalität“ hergestellt, was aus Sicht des BdV einer Rechtfertigung des Vertreibungsunrechts Vorschub leistet. Oole zog zurück Als konservative Alternative zu Bavendamm empfahl sich Sven Oole, Geschäftsführer der „Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten“ in der Unionsfraktion des Bundestages. Als Oole, der in eigenen Worten auf ein 28 Jahre langes „Engagement für das Thema Flucht und Vertreibung“ zurückblickt, nominiert wurde, lancierten seine Gegner Warnungen an die Öffentlichkeit, denen zufolge Oole „geschichtsrevisionistische“ Bestrebungen verfolge und mit seiner Museumskonzeption das Verhältnis zu Polen belasten könnte. Der Wissenschaftliche Beraterkreis der Stiftung drohte mit einem geschlossenen Rücktritt. Anfang der Woche beklagte der neue BdV-Chef Stephan Mayer eine „deutliche Schlagseite“ in der medialen Berichterstattung und warb für eine „Versachlichung der Debatte“. Die in die Öffentlichkeit getragene Kontroverse beschäftigte in den vergangenen Tagen auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Kurz vor der Sitzung des Stiftungsrats am Donnerstag zog Oole dann seine Bewerbung zurück. In einem Brief an das Innenministerium, wo die Vertriebenenpolitik seit vergangenem Jahr wieder ressortiert, schrieb er von einer „öffentlichen Kampagne“ gegen ihn, in deren Verlauf „unhaltbare Vorwürfe“ erhoben worden seien. Um Schaden vom Dokumentationszentrum abzuwenden, verzichte er auf seine Kandidatur. Es bleibe die Aufgabe, die Dauerausstellung im Berliner Deutschlandhaus „endlich zu einem Erfolg zu führen“. Aus Sicht Ooles und des BdV fehlt es der Ausstellung an „Empathie“ für die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung. Der Besucherandrang hält sich seit der Eröffnung der Dauerausstellung im Jahr 2017 in Grenzen.
