FAZ 13.05.2026
13:42 Uhr

Revolution im Tanzsport: Im Solo ist Deutschland Entwicklungsland


Der Frauenüberschuss fördert eine Neuentwicklung im Tanzsport: Solowettbewerbe sind im Kommen. Aber auch männliche Solisten schätzen es, die Persönlichkeit noch mehr zum Ausdruck bringen zu können.

Revolution im Tanzsport: Im Solo ist Deutschland Entwicklungsland

Geschmeidig gleitet Yannis Schmitz über das Parkett. Seine Arme umspielen den schlanken Körper, der Blick ist nach außen gerichtet. Der Flirt des 17 Jahre alten Tänzers gilt allein dem Publikum, das an der Bande der Eissporthalle steht oder auf den gelben Plastiksitzen Platz genommen hat. Eine Partnerin, die er anschmachten könnte bei dieser Rumba, hat der Frankfurter nicht. Zwar wirbeln um ihn herum gleich vier junge Frauen in glitzernden, knapp geschnittenen Kleidern über die Fläche. Doch sind diese keine Gefährtinnen, sondern Konkurrenz. Zum ersten Mal waren bei der Veranstaltung „Hessen tanzt“, dem mit 2700 Meldungen in 80 Klassen weltweit größten Simultanturnier in den üblicherweise Paaren zugeschriebenen Standard- und Latein-Sektionen, auch zwei Solowettbewerbe ausgeschrieben. Angehörige der Jugendklasse B durften in der Sportstätte am Frankfurter Ratsweg zu Tango oder Cha-Cha-Cha allein vor die Wertungsrichter treten. Der veranstaltende Hessische Tanzsportverband (HTV) zollte damit einer Entwicklung Tribut, die seit ein paar Jahren die Szene prägt. Nicht zuletzt die Coronavirus-Krise hat dieser auch hierzulande einen gehörigen Schub verliehen, wie HTV-Vizepräsidentin Cornelia Straub erklärt. Als „Kontaktsport“ war Paartanz damals monatelang nur denjenigen erlaubt, die sowieso zusammen lebten. Dennoch sei Deutschland in Sachen Solotanz im Vergleich zu anderen Nationen noch „Entwicklungsland“. Ein Walzer, bei dem sich die Frau nicht in die Arme eines Mannes schmiegt und bei Rückbeugen von diesem gestützt wird. Ein Paso doble, bei dem der Matador ohne das Tuch auskommen muss, das die Tänzerin verkörpert. Das wirkt noch gewöhnungsbedürftig, obwohl es hierzulande auch schon viele Tanzschulen gibt, die dies als allgemeine Fitnesskurs-Alternative anbieten. Meisterschaften werden ausgeschrieben, und bei manchem Turnier im Juniorenbereich sind drei- bis viermal so viele Solisten wie Paare gemeldet. Der Grund dafür liegt nahe: Deutlich mehr Frauen als Männer, Mädchen als Jungen üben diese Art von Tanzsport aus. Den Überschuss auf weiblicher Seite kennen auch weniger ambitionierte Jugendliche von ihren ersten Schritten in der Tanzschule. Einen passenden Partner zu finden, ist alles andere als leicht. Wunsch nach Gemeinsamkeit und Halt Lina Schulz erfährt das gerade eindrücklich. Sechs Jahre lang hatte die Riedstädterin jemanden an ihrer Seite, dann trennten sich die Wege. „Die Luft war raus“, erklärt die 17-Jährige. Seitdem ist sie auf der Suche, hat sich auch schon mal mit jemand Neuem ausprobiert, aber das habe nicht gepasst. Wenn es zwischenmenschlich nicht harmoniere, sagt sie, „dann sieht man das auch auf der Fläche“. Die Solo-Wettbewerbe, an denen Schulz seit zweieinhalb Jahren teilnimmt, geben ihr die Möglichkeit, überhaupt ihr Können zu zeigen. „Man lernt sich selbst mehr kennen“, nennt sie einen Vorteil. Und doch wünscht sie sich wieder Gemeinsamkeit und jemanden, der ihr Halt gibt. Die Töchter von HTV-Mitarbeiter Stephan Rath kannten es bis vor Kurzem nicht anders, als sich allein in Jive und Quickstep zu üben. Mit fünf Jahren hatten die Zwillinge mit dem Tanzen angefangen; erst jetzt, mit zwölf, hat eine von ihnen, Jasmin, erstmals einen Partner gefunden. Dafür nimmt sie Fahrzeiten von einer Stunde zu den regelmäßigen Trainingseinheiten in Kauf. „Vor allem in Latein herrscht großer Konkurrenzkampf“, sagt ihr Vater. Solo als Zugabe Aufgrund dieser schwierigen Lage wird Yannis Schmitz, wenn er bei den Solisten startet, oft gefragt, ob er vielleicht Ausschau nach einer Partnerin halte. Doch das verneint er. Bereits seit sieben Jahren harmoniert der Schüler mit einer Gleichgesinnten und hat nicht vor, daran etwas zu ändern. Mit den Einzelauftritten hatte er vor drei Jahren auf einen Rat seines Trainers Evgenij Voznyuk hin zusätzlich angefangen. Mehr Selbstbewusstsein und Stabilität sollte er so erlangen. Bald machten Schmitz die Solovorstellungen so viel Spaß, dass er in beiden Kategorien in den lateinamerikanischen Tänzen nach internationalen Titeln strebt. „Freier“ könne er so seine Auftritte gestalten, hat sich gänzlich andere Choreographien zugelegt, um Einzel- und Paartanz nicht durcheinanderzubringen. Ihm gefällt es, auch mit dem Publikum zu spielen, „den eigenen Körper zu fühlen“ und seine Persönlichkeit noch mehr zum Ausdruck bringen zu können. Allein mit den Armen wisse er manchmal noch nicht wirklich, wohin, wenn er sich allein präsentiert und er nicht nach einem Gegenüber greifen muss. Als männlicher Solist zählt er zu den Minderheiten bei Wettbewerben. Bei „Hessen tanzt“ etwa befand sich im 25 Teilnehmer zählenden Latein-Feld nur noch ein weiterer junger Mann. Schmitz, der Dritter wurde, stört sich nicht daran, dass die beiden Geschlechter zusammen in einer Klasse starten und so direkt miteinander verglichen werden. „Das ist ein fairer Wettbewerb“, sagt er. Die Rolle der Frauen sei beim Tanzen vielleicht mehr „sexy“, aber mit guter Technik und Präsenz lasse sich das ausgleichen.