Der britische Rechtspopulist Nigel Farage zieht wieder ins Parlament in Westminster ein. Der Vorsitzende der Reform-Partei gewann die Nachwahl am Donnerstag im Wahlkreis Clacton-on-Sea mit 62,6 Prozent der abgegebenen Stimmen deutlich. Noch vor der offiziellen Bekanntgabe der Ergebnisse am Freitagmorgen erklärte er sich zum Sieger, sagte jedoch eine für den Vormittag geplante Rede vor Ort ab. Ein Parteisprecher begründete dies gegenüber der BBC mit einer „glaubwürdigen Bedrohung“ gegen den Vorsitzenden. Die Polizei teilte mit, sie habe Farage nicht zu der Absage geraten. Sie könne für die Sicherheit aller Kandidaten sorgen. Seit Farage Anfang Juli als Abgeordneter für Clacton-on-Sea zurückgetreten war und damit die Nachwahl ausgelöst hatte, bestand kaum Zweifel daran, dass er das Mandat zurückgewinnen würde. Umfragen sagten ihm konstant einen deutlichen Sieg voraus. Bereits 2024 hatte Farage in dem Wahlkreis mehr als 46 Prozent der Stimmen erhalten. Als einer der bekanntesten Brexit-Befürworter verfügt er in Clacton seit dem Referendum von 2016 über eine loyale Anhängerschaft. Damals stimmten im Distrikt Tendring, zu dem die Küstenstadt Clacton gehört, 70 Prozent der Wähler für den Austritt aus der EU – eines der höchsten Ergebnisse im Vereinigten Königreich. Parteien boykottierten Nachwahl Im Gegensatz zum Brexit-Referendum und zur Wahl von 2024 war die Wahlbeteiligung am Donnerstag jedoch äußerst gering: Nur 44,4 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Damit folgten viele offenbar nicht Farages Aufruf, die Wahl zu einer Abstimmung des Volkes gegen „das politische Establishment“ zu machen. Die im Parlament in Westminster vertretenen Parteien boykottierten die Wahl; Labour, die Konservativen, die Liberaldemokraten und Grüne hatten keinen Kandidaten in Clacton aufgestellt. Sie bezeichneten Farages Rücktritt als „Trick“, um von seinen jüngsten Skandalen abzulenken. Zuvor waren Medienberichte über nicht deklarierte Spenden und Geschenke an den Vorsitzenden der Reform-Partei öffentlich geworden. Dazu zählt unter anderem eine Spende in Höhe von 5,75 Millionen Euro, die er vor zwei Jahren von einem in Thailand lebenden britischen Kryptofinanzier erhalten hatte. Damals hatte er sich erstmals um das Unterhausmandat im Wahlkreis Clacton beworben. Die Vorsitzende der regierenden Labour-Partei, Bridget Phillipson, sagte am Freitagmorgen nach der Verkündung der Wahlergebnisse: „Das ist kein Sieg für Nigel Farage. Der Berg aus Korruption und Skandalen, in dem er und die Partei Reform mittlerweile versinken, ist immer weiter angewachsen. Indem er bei einer Nachwahl gegen eine Mülltonne angetreten ist, versucht er die Öffentlichkeit abzulenken.“ „Graf Mülleimergesicht“ forderte ihn heraus Die Kandidatenliste bei der Nachwahl am Donnerstag war lang: Neben Farage traten 33 weitere Personen an – so viele wie nie zuvor bei einer Abgeordnetenwahl für das britische Parlament. Sein aussichtsreichster Herausforderer war der Comedian Jon Harvey, der unter dem Künstlernamen „Count Binface“ – auf Deutsch etwa „Graf Mülleimergesicht“ – auftrat. Dieser ist bereits bei mehreren Wahlen gegen bekannte Politiker angetreten, etwa gegen die ehemaligen Premierminister Rishi Sunak und Boris Johnson. Jüngst kandidierte er bei der Nachwahl in Makerfield gegen den jetzigen Regierungschef Andy Burnham. Doch nirgendwo war „Graf Mülleimergesicht“ bislang so erfolgreich wie nun in Clacton. Er erhielt 26,9 Prozent der Stimmen – damit fast halb so viele wie Farage. Das Ergebnis lag zudem deutlich über seinen Umfragewerten der vergangenen Wochen. Die von der Wahlkommission und dem Parlament eingeleiteten Untersuchungen gegen Farage wegen der Spenden und Geschenke wurden derweil lediglich verzögert und dauern an. Dem Rechtspopulisten droht ein vorübergehender Ausschluss von den Parlamentssitzungen. Je nach Dauer der Suspendierung wäre möglicherweise innerhalb weniger Monate eine weitere Nachwahl in Clacton-on-Sea erforderlich. „Graf Mülleimergesicht“ kündigte am Freitag im Gespräch mit dem Sender Sky News bereits seine Rückkehr an: „Wir werden doch in ein paar Wochen wieder da sein, oder? Mal sehen, was dann passiert.“
