FAZ 26.03.2026
16:39 Uhr

Rechenzentren in Hessen: „Essenziell für den Strukturwandel der Industrie“


Aus einzelnen Kommunen in Rhein-Main kommen andere Signale, auf Landesebene wird die weitere Ansiedlung von Rechenzentren in einem Strategiepapier klar bejaht. Auch die Wirtschaft fordert schnelles Wachstum.

Rechenzentren in Hessen: „Essenziell für den Strukturwandel der Industrie“

Aus den eigenen Reihen und auch von Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) kommen die Appelle nicht unerwartet. Umso eindringlicher ist, wie Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, die Rolle der Datacenter in Hessen bewertet: „Rechenzentren sind essenziell für den Strukturwandel der Industrie“, sagt er am Donnerstag bei der Vorstellung eines Eckpunktepapiers, das als Grundlage für eine Rechenzentrumsstrategie des Landes Hessen dient. Diese soll – ergänzend zur gerade veröffentlichten bundesweiten Strategie – bis Ende Juni beschlossen sein. Die zugrunde liegende Agenda haben Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung in den vergangenen Monaten in Arbeitsgruppen erarbeitet. Im nächsten Schritt müssen Beratungen mit beteiligten Ministerien und ein Beschluss im Kabinett folgen. Wenn die Deindustrialisierung, in deren Zuge der Wertschöpfungsanteil der Industrie seit 2016 von 19 auf 14,9 Prozent gefallen ist, so nicht fortschreiten solle, müsse „jedes Unternehmen seine Produktion intelligenter machen“, führt Pollert aus. Dafür brauche die Wirtschaft dringend mehr Rechenzentren: Daten und Rechenleistung entwickelten sich immer stärker  zur Grundlage für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Kirchturmdenken kann Folgen haben In diesem Zusammenhang erwähnt Pollert sein Unverständnis über die Entscheidung des Stadtparlaments im südhessischen Groß-Gerau, wonach die Verwaltung über die Ansiedlung eines Datacenterbetreibers und damit eine Investition in Höhe von 2,5 Milliarden Euro nicht weiter verhandeln soll. Ein Argument für die Ablehnung lautete, dass in einem Rechenzentrum nur wenige Jobs entstünden. Das ist Pollert zu kurz gedacht, denn ohne digitale Infrastruktur stünden sehr, sehr viele Arbeitsplätze infrage, hebt er hervor. Auch anderswo in der Rhein-Main-Region wird diskutiert, ob die nächsten Datacenter ausgerechnet am eigenen Ortsrand entstehen müssen. Die nun vorgelegte „Zukunftsagenda Rechenzentren Hessen“ ist dagegen ein klares Bekenntnis für weiteres Wachstum und das Ziel, weiterhin zu den weltweit wichtigsten Digitalstandorten gehören zu wollen. „Die Frage ist nicht, ob Rechenzentren weiterentwickelt werden, sondern wie Wachstum, Resilienz, Energieintegration und regionale Ausgewogenheit zusammengeführt werden können“, heißt es darin. Einige konkrete Vorschläge finden sich: Um etwa die Flächenkonkurrenz im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet zu entschärfen, soll die Standortpolitik auf das ganze Land ausgedehnt werden. Ein noch aufzubauendes Flächen- und Potenzialkataster soll Investoren die Standortsuche auch jenseits des Ballungsraums erleichtern. Ein entscheidender Faktor für die Eignung von Arealen ist dabei die Verfügbarkeit von Strom, die in Rhein-Main selbst für dieses Jahrzehnt so gut wie ausgereizt ist. Die Standortstruktur müsse deshalb „netzrealistisch“ sein, heißt es im Papier. Zudem müsse die digitale Infrastruktur nicht nur leistungsfähig, sondern „energieintegriert“ werden, die Potentiale an Abwärme und die kommunalen Wärmeplanungen also besser verzahnt werden. Kommunen sollen bei Ansiedlungen besser unterstützt werden, schon recht bald sollen ihnen Musterbebauungspläne und -verträge zur Verfügung stehen. Investoren wird mehr Planungssicherheit in Aussicht gestellt. In Berlin will sich Hessen für eine Umverteilung der Gewerbesteuer einsetzen, damit Standortkommunen stärker profitieren. Auch für schnellere Genehmigungsverfahren und niedrigere Stromkosten will Hessen werben. Um die Wertschöpfung noch stärker in der Region zu halten und Fachkräfte aufzubauen, soll der Austausch zwischen Betreibern, Hochschulen und Industrie gestärkt werden.