FAZ 27.03.2026
12:31 Uhr

Reaktionen auf den Fall Ulmen: Männer, die sich selbst erklären


Wie verhält man sich denn nun als Mann richtig in der Debatte um die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen? Mitreden oder Schweigen? Ist das wirklich ein Dilemma?

Reaktionen auf den Fall Ulmen: Männer, die sich selbst erklären

Die Debatte um die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen hat sich erstaunlich schnell auf einen Aspekt verlagert, der unweigerlich auf einen gewissen performativen Widerspruch hinausläuft: die Forderung, dass sich auch Männer dazu äußern. Für viele Frauen ist „das Schweigen der Männer“ offenbar ein Problem, das mindestens so viel über den traurigen Zustand des real existierenden Feminismus verrät wie der schreckliche Einzelfall: ein Beleg dafür, dass sie in ihrem Kampf gegen sexuelle Gewalt noch immer sehr allein sind und dass viele Männer die allgegenwärtige Bedrohung doch eher für ein Frauenproblem halten. Umgekehrt aber erscheint es gerade in dieser Situation widersinnig, wenn schon wieder die Männer das Wort ergreifen, um Frauen die Welt oder sich selbst zu erklären. Und spätestens nach einer Woche, in der dann eben kaum ein Tag ohne irgendeine männliche Solidaritätsbekundung verging, haben sicher auch viele Frauen eher den Wunsch, dass die Männer doch lieber wieder die Klappe halten. Ein kurzer Blick auf die eigenen misogynen Witze Schon die Statements prominenter Freunde und Kollegen von Christian Ulmen waren von Variationen der Unbeholfenheit gekennzeichnet, von einer erstaunlichen Floskelhaftigkeit beim sonst so stilsicheren Benjamin von Stuckrad-Barre bis zur verkorksten Stellungnahme von Ulmens „Jerks“-Kollege und Freund Fahri Yardım, dem dann am Ende nicht nur sein Zögern, sondern auch noch seine Ratlosigkeit um die Ohren gehauen wurde. Den einen hätte eine kurze Geste des Zuspruchs für Fernandes gereicht, für andere zeigten gerade solche pflichtschuldigen Wortmeldungen, dass ihre Urheber noch immer nicht verstanden hatten, worum es geht. Und tatsächlich würde eine öffentliche Umarmung von Leuten wie Joko Winterscheidt („ich finde es soooo stark von dir, dass du es öffentlich machst“) ein bisschen einsichtiger wirken, wenn sie wenigstens mit einem kurzen Blick auf die eigenen misogynen Witze dahergekommen wäre – ohne sich dabei wiederum allzu stolz als geläuterter Mittäter zu inszenieren. Der Feminist als Mansplainer Wie also entkommen die armen Männer dem Dilemma und finden die richtigen Worte? Indem sie die eigene Integrität ausstellen und öffentlich bekennen, dass sie auch schon mal das Bad geputzt oder über ein Gefühl geredet haben? Indem sie ihren Mitmännern mansplainen, wie sie ihre Privilegien noch mal überprüfen? Oder doch lieber durch Zuhören, Entspannen, Nachdenken? Dass die Grenze zwischen Empathie und Wehleidigkeit variabel ist, liegt schon daran, dass es „die Frauen“ gar nicht gibt, denen man es nun allen recht machen müsste. Sogar Feministinnen, diese seltsamen Wesen, sind sich manchmal nicht einig! „Es macht einen Unterschied, ob man als Mann sagt: Ich bin Feminist, ich tue mein Bestes, ich lerne dazu. Oder: Seht mich an, der feministische Messias ist erschienen“, schreibt etwa die „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski, die in Sachen Feminismus sicher eine ganz gute Ratgeberin ist. Aber vielleicht wäre es auf paradoxe Weise emanzipiert (und männlich zugleich), wenn man als Mann ausnahmsweise mal nicht die Frauen fragt, wie man diesem Dilemma entkommt. Wenn man nicht plötzlich so tut, als bräuchte man ihre Genehmigung, wenn man seine Meinung sagt oder als müsse man nun Stellung beziehen, weil es der Diskurs gerade von einem verlangt – und stattdessen Kritik und Beschimpfungen aushält wie eine Frau. Man muss ja nicht gleich ganz so weit gehen wie Arno Frank, der den verunsicherten Männern im „Spiegel“ mit Wittgenstein erklärt, warum sie die gerade allgegenwärtige „Gretchenfrage“ – „Nun sag, wie hältst du’s mit der toxischen Männlichkeit?“ – auch mit Schweigen beantworten dürfen. Frank hat sicher nicht unrecht, wenn er die Forderung nach moralischer Positionierung auch als Effekt einer vernetzten Gesellschaft beschreibt, die sich inakzeptables Verhalten mit Empörung vom Leib halten will. Aber er selbst hat mit seinem Leitartikel dann doch eine etwas bizarre Form des Schweigens gefunden. Immerhin hat er all seinen Mut zusammengenommen und dem „Bekenntnisdruck“ getrotzt, den er empfindet und der vielen Männern gerade das Leben derart schwer macht, dass sie sich öffentlich ausheulen. Soooo stark.