Das Wort Chatten ist eine Eindeutschung des englischen Wortes für Schwatzen, also informelle mündliche Wechselrede, aber die mit dem deutschen Wort bezeichnete Tätigkeit bedarf der Schriftform. Nicht jedoch der Elektronik. In jeder Organisation, in der eine vertikale Befehlskette an horizontale Arbeitsteilung gekoppelt ist, entsteht Stoff für einen Gruppenchat, in dem die Untergebenen die Ansagen der Obrigkeit rückwärtig kommentieren und notfalls insgeheim konterkarieren. Ulrich Rasche hat Heinrich von Kleists erst zehn Jahre nach dem Tod des Dichters uraufgeführtes Schauspiel „Prinz Friedrich von Homburg“ in Düsseldorf inszeniert und verzichtet auf preußische Uniformstücke ebenso wie auf Kulissenzitate von Bauten, mit denen die Kurfürsten von Brandenburg den Alleinherrschaftsanspruch des Königs von Frankreich imitierten. Das Bühnenbild besteht aus Lichtsäulengängen, die gegeneinander verschoben oder in den Himmel gehoben werden können. So spielt das Stück nicht zwingend in dem Militärstaat, über den Kleist schrieb, als er nach seiner schwersten Niederlage gemäß den Maßgaben eines neuen philosophischen Systemdenkens wieder zusammengesetzt wurde. Der soziale Ort des Geschehens könnte ebenso gut ein Unternehmen oder eine Partei sein, die katholische Kirche oder fast jede andere Nichtregierungsorganisation. Regelgehorsam darf nicht Glückssache werden Prinz Friedrich von Homburg, General der brandenburgischen Reiter, ist vom Kriegsgericht verurteilt worden und hat die Höchststrafe erhalten, weil er in der Schlacht von Fehrbellin den Angriffsbefehl gab, ohne den Befehl zum Erteilen des Befehls abzuwarten. Das Abwarten war ihm am Vorabend befohlen worden. Dass die Nichtbefolgung des Befehls das Schlachtglück wendete und den Brandenburgern den Sieg sicherte, ist für den Kurfürsten kein Grund, seinen Ziehsohn zu begnadigen. Das Gegenteil ist gegeben. Wenn die Regel gilt, das heißt von jeder Abschätzung der jederzeit unberechenbaren Folgen unabhängig Bestand haben soll, dann muss sie gerade in diesem Fall exekutiert werden. Gegen dieses Konsistenzzwangsregime regt sich Widerstand nicht nur in der kurfürstlichen Familie, sondern auch unter den Offizierskameraden des Prinzen. Eine Eingabe wird aufgesetzt und zirkuliert in der Chatgruppe des Regiments. Den Kurfürsten erreicht die Nachricht, dass der Oberst Kottwitz ohne Befehl in die Residenzstadt eingerückt ist. „An hundert Offiziere / sind auf dem Rittersaal um ihn versammelt; / es geht ein Blatt in ihrem Kreis herum, / bestimmt in deine Rechte einzugreifen.“ Apparat der unerbittlichen Scheiben Bei Rasche sehen wir den Kreis. Die Bühne dreht sich, wie die Erde, nur dass der Effekt dieser Einrichtung der Welt sichtbar ist, weil die Schauspieler sich ständig vorwärts bewegen müssen, um nicht zurückzufallen. Als der preußische Staat unter den Schlägen Napoleons auseinanderbrach, da wollten seine Kritiker im Inneren den Grund für seine Schwäche in dem sehen, was bis dahin als Ruhmestitel der Staatskunstfertigkeit gegolten hatte: Die Könige hatten den Staat wie eine Maschine her- und eingestellt. Solange alles gut ging, hatte man diese bildliche Vorstellung lehrbuchhaft mit einem Uhrwerk illustrieren können. Rasches Bühnenmaschinerie, die er an etlichen, scheinbar fast beliebigen Stoffen ausprobiert hat, trifft hier nun endlich auf das Stück, für das sie erfunden worden sein könnte. Der Apparat der unerbittlichen Scheiben ist dabei selbst nur eine Metapher: für die Gewalt der Sprache. Wie stellt der Kurfürst sicher, dass seine Offiziere ihre Befehle nicht vergessen? Nichts einfacher als das: Sie müssen sie memorieren, indem sie sie selbst zu Papier bringen, nach Diktat. Bei Kleist geht die Feder von Hand zu Hand, weil jeder Kommandeur seinen eigenen Auftrag bekommt. Bei Rasche ist die Schreibübung ein kollektives Exerzitium: Brüllend wälzt sich die chorische Masse durch die leuchtenden Kolonnaden. Der Adressat des Diktats ist das Publikum. Nach Diktat aufs Feld Das gilt für den gesamten Abend. Man kann den legendären Rasche-Sound, zu dem er seine Ensembles verpflichtet, ganz einfach beschreiben. Wie sprechen seine Schauspieler? Zum Mitschreiben: das heißt laut, deutlich und sehr, sehr langsam. Anders gesagt: Rasche behandelt die mündliche Rede wie Schriftsprache, indem er das Gebundene der poetischen Form nicht herunterspielt, sondern ans Licht holt wie eine Geheimschrift. Dabei werden bei der Artikulation alle Momente von Standardisierung so unbeirrt betont, dass der Eindruck eines Druckbilds aufkommen kann. Was die Darsteller – André Kaczmarczyk als Prinz, Patrycia Ziolkowska als Kurfürst, Lucia Kotokova als Prinzessin Natalie von Oranien – unter diesen Auspizien zu leisten haben, ist nicht die Individualisierung ihrer Charaktere, sondern eine Art Spielen vom Blatt. Die Livemusiker auf der Bühne des Schauspielhauses weben in ihren minimalistischen Klangteppich aus Chiffren des Drangs das Rattern einer Schreibmaschine; es ist aber auch nicht auszuschließen, dass dieses Gleitgeräusch eine Illusion ist, die erst im Kopf entsteht. Die rebellischen Offiziere können dem Kurfürsten nur mit dessen eigenen Waffen den Kampf ansagen. Ein Blatt geht im Kreis herum: Die Schrift ist nicht bloß ein logistischer Notbehelf, der den Verschwörern erlaubt, die Schwierigkeit ihrer zerstreuten Einquartierung zu bewältigen. Vor allem garantiert sie Verbindlichkeit: Wer seine Unterschrift geleistet hat, kann sich nicht mehr herauswinden. Auch für die Selbstbindung gegenüber der Außenwelt empfiehlt sich für die Organisation der schriftliche Ausdruck: die Pressemitteilung. Im Kabinett wird dem Kurfürsten im Vorgriff auf die öffentliche Resonanz zum Gnadenakt geraten: „Du gibst der Zeitung eine Großtat mehr, / und eine Untat weniger zu melden.“ Aufstand in doppelter Ausfertigung Der Kurfürst stützt seine ablehnende Entscheidung auf ein Staatsräsondenken, dessen Duktus quasischriftlich ist, durch Vermeidung des Rhetorischen mit seinen Valeurs von Ton und Farbe. Die Gnadengesuche kopieren diesen fürstlichen Kanzleistil nicht nur in der Form, sondern auch in der Sache. Das Plädoyer für einen Pragmatismus der Einzelfallgerechtigkeit im Dienst des wohlverstandenen Korpsgeistes tragen zwei ranghohe Offiziere in doppelter Ausfertigung vor, mit Abweichungen im moralphilosophischen Kleingedruckten. Diese Aufforderungen zur Neutarierung des Verhältnisses von Regel und Ausnahme durchbrechen die Zirkularität des Regelsystemdenkens nicht, wie dem Zuschauer in Düsseldorf aufgehen kann, weil der Regisseur ihm gnadenhalber alle Zeit der Welt gewährt, um die Argumente Wort für Wort und Pause für Pause nachzuvollziehen. Der Kurfürst will um jeden Preis den „Zufall“ vermeiden. Welchen guten Grund könnte es für einen Druckfehler geben? Der eine kühne Regieeinfall des Abends darf als Antwort auf dieses Dilemma verstanden werden. Den Prinzen erschüttert im Stück der Anblick des Grabes, das für den hinzurichtenden Meuterer bereits ausgehoben worden ist. Seine Verlobte Natalie versucht ihn zu beruhigen, indem sie ihn daran erinnert, dass er sein Grab doch schon tausendmal in der Schlacht vor sich gesehen haben müsse; die Stelle auf dem Friedhof sei nicht „finstrer und um nichts breiter“, so vorbestimmt und ausgemessen für den Berufssoldaten im Setzkasten des Kriegshandwerks. In Düsseldorf sieht der Prinz sich selbst als Toten mit nacktem Oberkörper (Yannik Stöbener), der einige seiner Verse zu sagen bekommt. Die Leiblichkeit ist die einzige Gegenwelt zur tödlichen Macht der Sprache. Der begnadigte und zum Heros gekrönte Prinz von Homburg reicht am Ende, nachdem auch er sich seiner Jacke entledigt hat, den Lorbeerkranz an seinen Doppelgänger weiter. Dieser führt den Chor in die nächste Schlacht, der den berüchtigten Schlussvers „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ skandiert und zu einem Aschehaufen zusammenfällt. Am Düsseldorfer Schauspielhaus hat die Intendanz von Andreas Karlaganis begonnen. Die Zeitung hat eine Großtat zu melden.
