Ist es nur eine kurze Episode, oder geht der Krieg wieder los? Diese Frage stellen sich Beobachter in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach neuen iranischen Angriffen auf ihr Land. Am Montag donnerte es wieder am Himmel, als die Luftabwehr iranische Raketen abfing. Die Führung des Landes sprach von einer „gefährlichen Eskalation“. In der Bilanz des Verteidigungsministeriums hieß es, zwölf ballistische Raketen, drei Marschflugkörper und vier Drohnen seien am Montag abgefangen worden. Am Dienstag meldeten die Emirate abermals neue Angriffe. Es gab außerdem ein Feuer auf dem Ölindustrie- und Hafenareal von Fudschaira, einem wichtigen Umschlagplatz für den Export, der nicht durch die Sperrung der Straße von Hormus beeinträchtigt ist. Das wurde von Beobachtern als eine Botschaft des iranischen Regimes gewertet, es könne den weltweiten Ölhandel auch an anderen Stellen stören. „Falken“ und „Tauben“ Vor allem aber fokussierte sich der iranische Raketenterror auf ein Land, das sich dem Regime in Teheran offener als andere arabische Golfstaaten entgegenstellt und eine härtere Haltung verfolgt. Alle von ihnen waren aus Iran beschossen worden, als im März und im April der Waffengang zwischen der Islamischen Republik auf der einen und den Vereinigen Staaten sowie Israel auf der anderen Seite tobte. Doch in der Frage, welche Lehren sie daraus ziehen, gehen die Führungen am Golf auseinander. Die Emirate positionieren sich als antiiranische Speerspitze, werben dafür, Härte zu zeigen und die eigene Abschreckung zu stärken. Die Führungsmacht Saudi-Arabien oder das schwerreiche Qatar hingegen halten trotz aller Wut und trotz allen Misstrauens Kanäle nach Teheran offen, um das Regime einzuhegen. Sie sehen allein wegen der geographischen Nähe die Notwendigkeit, sich mit dem Regime zu arrangieren. Anwar Gargash, außenpolitischer Berater von Staatschef Muhammad Bin Zayid Al Nahyan, erklärte unlängst auf einer Konferenz, es habe am Golf immer eine Debatte zwischen den „Falken“ gegeben, die Teheran als „Quelle der Gefahr“ behandeln. Und den „Tauben“, die Iran bloß einhegen wollten, weil es eben ein Nachbar sei. Derzeit habe sich die Debatte im Sinne der „Falken“ gedreht, schloss Gargash, der zugleich auffallend scharfe Kritik am Golfkooperationsrat, dem wichtigsten Zusammenschluss der Region, äußerte. Abu Dhabi erhielt Militärhilfe aus Israel Meinungsverschiedenheiten unter den Führungen am Golf gibt es laut Einschätzung mehrerer Beobachter auch im Verhältnis zu Israel. Saudi-Arabien beobachtet die ungezügelte, aggressive Außenpolitik der Regierung von Benjamin Netanjahu mit Sorge. Riad will keine israelische Hegemonie in der Region und arbeitet daher daran, ein Gegengewicht aufzubauen. Es sucht die Zusammenarbeit mit anderen Israel skeptisch gegenüberstehenden Mächten. Die Emirate, die ihre Beziehungen zu Israel 2020 im Zuge der „Abraham Accords“ normalisiert haben, setzen hingegen auf engere Kooperation. Diese war schon während der militärischen Schlagabtausche im Frühjahr eng, wie jetzt übereinstimmende Berichte des Nachrichtenportals Axios und der „Financial Times“ zeigen. Demnach erhielt das arabische Land konkrete Militärhilfe aus Israel: eine Batterie des Luftabwehrsystems „Iron Dome“, die laut Angaben aus israelischen Quellen Dutzende Raketen abfing; zudem ein hochmodernes Überwachungssystem, das iranische Drohnen und Raketen in einer Entfernung von bis zu 20 Kilometern orten kann; sogar eine Version des laserbasierten Luftabwehrsystems „Iron Beam“. Israel habe mit Letzterem eine seiner modernsten Verteidigungstechnologien ins Ausland verbracht, hieß es. Diese Waffenhilfe ging laut „Financial Times“ mit der Entsendung einer „nicht unerheblichen“ Zahl von israelischen Militärs in die Emirate einher. Regierungsvertreter des Landes haben zuletzt immer wieder bekräftigt, das Land habe im jüngsten Krieg gelernt, auf wen es sich verlassen könne – und auf wen nicht.
