FAZ 10.05.2026
10:16 Uhr

Quarterlife Crisis: Mit 25 ist man zu spät für alles – zu früh für den Rest


Sinnkrise, Selbstzweifel, Zukunftsängste: Mit 25 fühlt es sich heute an, als wäre man für alle Verheißungen zu spät dran. Wie man mit dieser Ernüchterung weitermacht.

Quarterlife Crisis: Mit 25 ist man zu spät für alles – zu früh für den Rest

Fünfundzwanzig ist das Alter, in dem man merkt, dass Erwachsenwerden keine Schwelle ist, sondern ein Zustand. Das Licht im Großraumbüro war zu hell. Ich war neunzehn und spielte, erwachsen zu sein. Fünfundzwanzig war ein Alter, das ich mir gerade noch vorstellen konnte. Die Volontärinnen waren fünfundzwanzig. Ihre Zöpfe eng frisiert, die Outfits Business Casual, gebügelte Hosen und Blusen in Hellblau. Sie hatten Long-Term-Boyfriends, die sie „meinen Partner“ nannten. Jetzt bin ich selbst so alt und weiß nicht so recht weiter. Das Erwachsenwerden meiner Generation ist nicht einfach. Eine globale Pandemie, die sich über unsere Pläne legte wie Bahnschranken. Schlagzeilen klingen wie Science-Fiction, geschrieben von jemandem mit Erniedrigungsphantasien. Kriege, die in Echtzeit auf deinem Handy laufen, während du Kaffee mit Hafermilch bestellst. Algorithmen entscheiden, was wir sehen, wen wir begehren, wovor wir Angst haben. Hatten wir Zeit? Und trotzdem: Unsere frühen Zwanziger waren geprägt von dem Gefühl, wir hätten Zeit. Unsere Aufgabe war es, uns auszuprobieren, zu scheitern und den kleinen Platz in dieser Welt zu finden, der uns gehört. „Growing Pains“ nannten wir es, in der Internetsprache, die uns definiert. „Wie die Wachstumsschmerzen damals mit neun, aber jetzt sind es nicht mehr unsere Knochen, sondern unser gesamtes Selbst“, sagte meine beste Freundin lachend in meiner Studi-Küche in der Kleinstadt, als Lichtverschmutzung, die Anonymität der Großstadt, die Frage nach unseren Plänen noch unbedeutend waren. Es tut weh, zu wachsen, aber jetzt noch mehr, hier, fünf Jahre später. Einen Moment lang sind wir wieder fünfzehn, sechzehn, diese glorreichen Zahlen. Alles Hoffnung, alles möglich. „Ich dachte irgendwie, man wacht eines Tages auf, mit fünfundzwanzig, und man hat diesen frontal lobe development, dass man dann fertig ist.“ Die Entwicklung des präfrontalen Kortex gilt mit fünfundzwanzig als abgeschlossen. Auf Tiktok kursieren Videos darüber, was dann angeblich passiert: emotionale Stabilität, klare Grenzen, ein Gefühl von Ankommen. Dass dieses Ankommen aber mit großen Krisen einhergeht, wird in den verkürzten, perfekt inszenierten Videos gerne verschwiegen. Bestsellerautorin Ruth-Maria Thomas sagt: „Es war ein anstrengendes Lebensjahr.“ Unglücklich und ausgebrannt in ihrem Beruf: „Und das war es jetzt bis zur Rente? Heiraten, vielleicht Familie gründen, was kommt denn da noch?“ Sie entschied sich, noch einmal zu studieren, Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut, in dieser Zeit begann sie „Die schönste Version“ zu schreiben. „Ich hatte Geld- und Zeitdruck durch Studium und Arbeit und gleichzeitig diesen Druck von außen: Ich soll meine Zwanziger genießen, auf allen Partys tanzen.“ Dabei die Überforderung: Wer will ich wirklich sein, und wo will ich hin? Meine Generation nennt diese Sinnkrise, die sich oft um die fünfundzwanzig einstellt, die Quarterlife Crisis. Der Begriff geht auf die amerikanischen Autorinnen Abby Wilner und Alexandra Robbins zurück, deren Bestseller „Quarterlife Crisis“ die Lebensphase in Analogie zur Midlife-Crisis beschreibt. Geprägt von Selbstzweifeln, Überforderung und Zukunftsängsten, entsteht sie meist im Übergang vom Studium oder der Ausbildung ins Berufsleben, wenn feste Strukturen wegfallen und Entscheidungen als endgültig erscheinen. Plötzlich haben alle Karrieren. Die Jura- und Medizin-Studentinnen bekommen ihre Approbationen, die Sicherheit, für die sie so lange gearbeitet haben, rückt näher. Die Freundinnen, die seit Jahren in endlosen unbezahlten Praktika umherschwimmen, bekommen ihre erste Redaktionsstelle. Werkstudentenjobs werden zu Junior-Positionen, mehr Verantwortung im Betrieb, abgeschlossene Meister. Erfolgreiche junge Menschen. Und weil man all die Jahre nicht so genau hingesehen hat, kommt es einem so vor, als wäre es über Nacht geschehen. Bei jedem außer bei einem selbst. Dana Vowinckel, Autorin von „Gewässer im Ziplock“, war vielleicht eine dieser Freundinnen. „Mein komplettes Jahr war ein extrem plötzlicher Kopfsprung in den Literaturbetrieb.“ Sie gewann mit fünfundzwanzig den zweiten Preis beim Bachmann-Wettbewerb, brach ihr Studium ab und schrieb ihren Debütroman. „Zwölf Verlage haben auf mein Manuskript geboten, es ging plötzlich um Geldsummen, über die ich noch nie nachgedacht hatte, und ich saß dann mit meinen Freunden am Tisch, für die das alles komplett abstrakt war.“ Dem Erwachsenwerden und der Frage nach Zugehörigkeit in einer zunehmend gespaltenen Welt widmet sich auch ihr neuer, im September bei Suhrkamp erscheinender Roman „Anton und Alma“. Eine eigene Halle für die Einsamkeit Was lange als unsichtbare Übergangsphase galt, ist in der Popkultur längst zum wiederkehrenden Motiv geworden. Lena Dunhams Serie „Girls“ von 2012, die sich um die Quarterlife Crisis von vier jungen New Yorkerinnen dreht, erlebt gerade ein Revival durch Dunhams neues Memoir „Famesick“. Es liest sich wie ein Metatext zur Serie: Wie es tatsächlich war, in diesem Alter zu sein; plötzlich erfolgreich, überfordert, chronisch krank. Und auf einmal verantwortlich für ein Leben, das sich schneller entwickelt als man selbst. In der zeitgenössischen Literatur werden postadoleszente Themen zunehmend unter dem Label „New Adult“ verhandelt. Auf Tiktok boomt das Genre. Im Zentrum steht ein Erwachsenwerden ohne klare Konturen: Identität bleibt in Bewegung, erste berufliche Schritte geraten ins Wanken, psychische Belastungen, Einsamkeit und das Leben fern vom Elternhaus verschränken sich mit der permanenten Gegenwart sozialer Medien. Auf der Frankfurter Buchmesse 2024 bekam das Genre erstmals eine eigene Halle. Auch die neue Staffel von „Euphoria“ richtet den Blick auf diese Lebensphase: Mit einem Zeitsprung landen die Figuren ebenfalls in der Quarterlife Crisis. Auf den Rausch folgt Ernüchterung. Fehler holen sie ein, Beziehungen verfestigen sich zu falschen Entscheidungen, Karrieren tragen nicht. Zwischen amerikanischer Weite und Enge erzählt die Serie von Freiheit und Ausweglosigkeit, und damit vom Lebensgefühl einer Generation, die einst so viel Hoffnung hatte. Wir essen nicht mehr Pesto-Nudeln, wenn wir abhängen. Ich werde zu einer Dinnerparty mit alten Schulfreunden eingeladen, zu der nur Paare kommen. Richtige Beziehungen, Menschen, die füreinander in andere Städte ziehen, gemeinsam einkaufen gehen und wissen, welche Blumen und welche Weine auf einer Dinnerparty angebracht sind. Die ersten Hochzeitseinladungen landen im Briefkasten oder in der Inbox. Zu dem Abendessen bringe ich meine Situation-ship – die Art von Beziehung, die man führen kann, wenn man 19, 21 oder 23 ist. Die Diskrepanzen, die immer schon da waren, werden plötzlich sichtbar. Wer zieht mit dem Partner in die große Altbauwohnung, die von den Eltern gekauft wurde, als man sich Eigentum noch leisten konnte? Wessen Karrierewege in der Kreativbranche werden mit fünfundzwanzig immer noch querfinanziert? Wer denkt über Familie nach – und wer kann das überhaupt? Ich spiele immer noch erwachsen. Die Selbständigkeit instabil, die Bachelorarbeit ungeschrieben, die Träume groß und die Ratlosigkeit noch größer. Wann ist alles so ernst geworden, und wann haben alle herausgefunden, was sie wollen? Ich habe Angst, langweilig zu werden. Ich habe Angst zu altern, nicht wegen der Falten, ich habe Angst nicht mithalten zu können. Mein Vater sagt, es ist jetzt Schluss mit Selbstverwirklichung, ich brauche einen Plan. Jeden Tag der Versuch, diesen zu finden, trotz der Krisen, Kriege, Katastrophen. „Die Zwanziger waren exzessiv, schön, wild und vollkommen irre“, erinnert sich Jovana Reisinger, Autorin von „Pleasure“: „Nie wieder möchte ich fünfundzwanzig sein. Dabei hatte ich nicht mal eine Quarterlife Crisis, aber wenn man so sehr mit Überleben beschäftigt ist, ist alles eine Krise.“ Vowinckel glaubt, dass es heute schwieriger ist, fünfundzwanzig zu sein: „Man muss permanent die beste Version seiner selbst sein, alles haben, alles machen, und gleichzeitig vor massiven weltpolitischen Veränderungen stehen, mit denen irgendwie niemand umgehen kann.“ Für mich heißt fünfundzwanzig sein, sich zu spät und zu früh zu fühlen: Es ist zu spät für die Versprechen der frühen Zwanziger, aber zu früh für die großen Verheißungen. Und wahrscheinlich war das schon immer so. Valentina Vapaux, 25, ist Autorin des Buchs „Generation Z – Zwischen Selbstverwirklichung, Insta-Einsamkeit und der Hoffnung auf eine bessere Welt“ (Gräfe und Unzer, 192 Seiten, 16,99 Euro). Mit 15 gründete sie ihren Youtube-Kanal, war Redakteurin und Host der ARD-Podcasts „Pancake Politik“ und „INTERNET GIRL“ und studierte Literatur und Kreatives Schreiben an der FU Berlin, am Literaturinstitut Hildesheim sowie an der Columbia University. Derzeit wohnt sie Berlin und New York und arbeitet an ihrem Debütroman.