Sie brauche ihn, sagt die Stimme. Während Gina H.s Worte am Mittwoch durch Saal 2.002 im Landgericht Rostock hallen, kritzelt sie in einen Schnellhefter. Den Kopf auf den Arm gebeugt, hört sie sich flehen: „Ich sage es jetzt nur noch ein letztes Mal, Matthias. Ich brauche dich.“ Doch Matthias R. brauchte Gina H. wohl nicht mehr. Er verließ sie nach einer vierjährigen Beziehung im August 2025. Zwei Monate später wurde die Leiche seines Sohns an einem Tümpel gefunden. Gina H. soll den achtjährigen Fabian getötet haben. Die im Saal abgespielten Sprachnachrichten deuten an, wie fragil sie in den Monaten vor seinem gewaltsamen Tod war. Und wie sie Fabians Vater mit ständig wechselnden Stimmungen und Signalen konfrontierte. Laut Anklage lockte die Dreißigjährige den Jungen am 10. Oktober 2025 gegen 10.50 Uhr aus dem Haus seiner Mutter, Dorina L., in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. An einem abgelegenen Weiher soll sie Fabian dann mit mindestens sechs Messerstichen getötet haben. Daraufhin soll sie versucht haben, seine Leiche zu verbrennen. Eine Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden. Seit Ende April steht Gina H. vor Gericht. Es ist ein Prozess voller Widersprüche. Der Vater will an die Unschuld glauben Dass Matthias R. bei seiner Vernehmung am zweiten und dritten Prozesstag von der „Unschuld“ der Angeklagten sprach und von „Lust und Liebe“ der Gina H. schwärmte, scheint schwer verständlich. Der 35 Jahre alte Mann will wohl an die Unschuld der Frau glauben, von der er sich selbst trennte. Und mit der er nun wieder zusammen ist. „Sind ein Paar.“ Das hatte er bei seiner Vernehmung plötzlich offenbart. Zweimal im Monat besucht er Gina H. nun in der Justizvollzugsanstalt. Die Treffen wurden vonseiten der Ermittler dokumentiert. Oberstaatsanwalt Harald Nowak erklärte am Mittwoch, dass seine Behörde ein Verfahren wegen Falschaussage gegen Matthias R. eingeleitet hat. An einer „objektiven Wahrheitsfindung“ sei dieser bei seinen ausführlichen Aussagen an den vergangenen Prozesstagen nicht interessiert gewesen. Er habe „nachweislich falsche Aussagen“ getroffen. „Es ist wenig nachvollziehbar, dass der Vater eines getöteten Kindes keine Akteneinsicht will“, sagte Nowak. Doch wenig nachvollziehbar ist bei Matthias R. vieles. Beim Prozess um den Tod seines Sohns tritt er nicht als Nebenkläger auf, an diesem Mittwoch blieb er ganz fern vom Gericht. Anders als Matthias R. verfolgt Fabians Mutter als Nebenklägerin jeden Prozesstag. Laut Staatsanwaltschaft erhielt sie Anfang September 2025 eine Textnachricht von ihrem früheren Partner. „Gina hat über mich und mein Leben bestimmt und das ist jetzt vorbei“, stand demnach darin. Sie habe ihn „so manipuliert“. Gina H. kontaktierte Matthias R. danach aber weiter, und zwar exzessiv: Kurz nach ihrer Trennung rief sie Fabians Vater allein an einem Tag 40 Mal an, wie der Vorsitzende Richter sagt. „Ja, ich hasse deine Familie“ Die zu dieser Zeit entstandenen Sprachnachrichten sind mal liebevoll, mal verzweifelt. Nur einen Tag nach dem Telefonterror ließ Gina H. Fabians Vater glauben, seine Entscheidung zu akzeptieren. „Ich lasse dich jetzt auch in Ruhe, so wie du es dir wünschst.“ Zwar zerreiße es sie, sie wäre „so gern“ bei ihm. Dann aber sagte sie: „Ja, ich hasse deine Familie. Aber trotzdem habe ich ihnen nie etwas getan.“ Sie sei „von denen“ allerdings „immer missachtet“ worden. Folgt man der Anklage, ist Gina H. eine Frau, der es eigentlich nur um sich selbst geht. Sie soll Fabian aus einer „vagen Hoffnung“ heraus getötet haben, Matthias R. zurückzugewinnen. Klar ist: Sie war von ihm finanziell abhängig. Dass sie „seit 15 Jahren nicht mehr arbeitet“, dass sie Erwerbsminderungsrente erhalte, tönte blechern durch den Saal. So hatte es Gina H. einer Freundin erzählt. Wegen einer „posttraumatischen Belastungsstörung“ sei sie seit langer Zeit berufsunfähig. Für Fabian könnte die Abhängigkeit der Angeklagten fatal gewesen sein. Wer dieser Sohn eigentlich war, erzählte am vierten Prozesstag Fabians bester Freund. Der Vorsitzende Richter, Holger Schütt, bat „Leif“, ihn zu beschreiben. Der Name ist ein Alias. Der Junge trägt Topfschnitt und waldgrünen Kapuzenpullover. Auf zwei großen Leinwänden und einem Monitor wird der Neunjährige zu seinem Schutz nur zugeschaltet. „Klein, dick und ein bisschen frech.“ Das sei Fabian gewesen, sagt der Neunjährige. Ihre Lieblingsbeschäftigung sei „Zocken“ gewesen. „Roblox“, sagt „Leif“. Fabian war ihm zufolge darin richtig gut. Darüber hätten sie auch immer gesprochen. Fabian habe ihm auch mal erzählt, dass sein Vater eine Frau geschlagen habe. Da geht kurz ein Raunen durch den Saal. Die Frau war laut den Ermittlungen Gina H. Die Gewalterfahrung gilt als einer der Gründe für einen vorübergehenden Kontaktabbruch zwischen Matthias R. und seinem Sohn. „Den Namen Gina kenne ich nicht“, sagt „Leif“. In den Sommerferien 2025 suchte Matthias R. laut Fabians Mutter abermals die Nähe zu seinem Sohn. Am Tag vor der Ermordung Fabians schrieb Matthias R. den Ermittlern zufolge an Gina H. eine Nachricht: Er wolle die Beziehung zu ihr nicht wieder aufleben lassen, aus Angst vor einem Kontaktabbruch zu seinem Sohn. Sollte die Staatsanwaltschaft Mord aus niederen Beweggründen und Heimtücke nachweisen, droht Gina H. lebenslange Haft. Zu den Vorwürfen ließ sie sich vor der Dritten Großen Strafkammer des Landgerichts Rostock bislang nicht ein. Die Justiz hat 23 weitere Verhandlungstage geplant. Die Vernehmung soll öffentlich bleiben.
