Frankfurt ist eine Stadt der Gegensätze. Auf der einen Seite Gründerzeitfassaden und alte Gassen, auf der anderen Skyline, Hochfinanz und Neubauviertel. Doch wo viele nur Veränderung sehen, entdecken andere Geschichte. Sie suchen nach Spuren vergangener Zeiten, nach vergessenen Schicksalen und nach den Geschichten, die hinter vertrauten Straßennamen liegen. Die Rede ist von den Stadtteil-Historikern. Das Projekt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft wurde 2007 ins Leben gerufen. Die Bevölkerung sollte angeregt werden, ihre eigene Stadt neu zu entdecken. Seitdem wurden 243 Forschungsprojekte angestoßen, jedes mit einem eigenen Zugang und einem individuellen Blick auf das vermeintlich Alltägliche. Die Teilnehmer erhalten die Möglichkeit, sich 18 Monate einem selbst gewählten Forschungsthema zu widmen, das sich auf ihren Stadtteil oder ein Stück Frankfurter Stadtgeschichte bezieht. Ob die Geschichte eines Unternehmens, die Entwicklung eines Stadtteils oder die Biographie einer Familie – in der Auswahl ihres Themas sind sie frei. Spurensuche voller Überraschungen Sind sie erst einmal ernannt worden, begeben sich die Stadtteil-Historiker auf Spurensuche. Sie durchforsten Archive, führen Gespräche mit Zeitzeugen, sichten Zeitungsartikel oder alte Fotografien. Manche stehen plötzlich im Keller eines Museums, andere in einer Dachkammer voller vergilbter Dokumente. Immer wieder stoßen sie auf Überraschungen. Viele wissen anfangs gar nicht, wo genau sie mit ihrer Recherche beginnen sollen. Doch genau darin liegt auch ein Reiz des Projekts: Es ist eine Reise ins Unbekannte, ein Prozess des Entdeckens und des Verknüpfens von Spuren. Mit der Zeit entsteht ein Netz aus Geschichten, das zeigt, wie eng Vergangenes und Gegenwärtiges verwoben sind. Während des Forschungsprozesses erfahren die Teilnehmer umfangreiche Unterstützung durch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Historiker begleiten die Teilnehmer mit methodischem Wissen. Sie bieten Workshops zu Quellenarbeit und Schreibmethoden an, vermitteln Kontakte zu Archiven und Bibliotheken und unterstützen bei der Dokumentation der Ergebnisse. Dazu kommt eine pauschale Aufwandsentschädigung in Höhe von 1500 Euro für anfallende Kosten. Grundsätzlich steht das Projekt allen offen, unabhängig von Alter, Beruf oder Vorbildung. Unter den Teilnehmern befinden sich Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen: Studenten, Lehrer, Rentner, Handwerker, Künstler, Verwaltungsangestellte und viele mehr. Diese Vielfalt prägt auch die Ergebnisse. Sie sind persönlich und authentisch. Am Ende steht kein akademischer Titel, sondern ein Beitrag zur Erinnerungskultur Frankfurts. Die Forschungsergebnisse werden in der Regel in Broschüren, Ausstellungen oder Online-Formaten dokumentiert. Einige fließen in Schulprojekte ein oder werden Teil von Stadtteilfesten und Führungen. Dadurch entstehen dauerhafte Spuren in der kulturellen Landschaft Frankfurts. Ein bunter Strauß an Themen Die Künstlerin Nina DeLudemann hat sich als Thema das Licht- und Luftbad (LiLu) Niederrad ausgesucht. Das LiLu wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf der für die Schleuse Niederrad aufgeschütteten Landzunge als öffentliches Schwimmbad eröffnet. In den folgenden Jahrzehnten durchlebte es einen stetigen Wandel. Als letzte öffentliche Badeanstalt war es noch bis 1938 auch für jüdische Bürger Frankfurts geöffnet, bis es von der SA übernommen wurde. Nach Kriegsende war das Gelände zunächst nur für die US-Besatzungstruppen zugänglich, bis das LiLu schließlich dem Sportamt der Stadt Frankfurt überstellt wurde. Heute laden dort unter anderem Grillmöglichkeiten und ein Café zum Verweilen ein. Dieses ist eine echte architektonisches Besonderheit: Auf Pontons gebaut, schwimmt es bei Hochwasser. Die gebürtige Brasilianerin DeLudemann hat einen künstlerischen Zugang zu dem Thema gewählt. Neben einer Dokumentation im Postkartenformat plant sie eine filmische Darstellung ihrer Ergebnisse. Diese unterteilt sie in vier Abschnitte: das LiLu als Sehnsuchtsort, als Flucht, als Brücke und die Frage, für wen der Ort gedacht ist. Für sie widersetzt sich das LiLu jeglichen Grenzen. Das Bad fungiert als Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach Licht und Luft. In ihrer Forschung stützt sie sich nicht nur auf historische Quellen, sondern sucht weiterhin aktiv nach Zeitzeugen, um deren Erinnerungen einfließen zu lassen. Data Scientist Kilian Theil geht in seinem Projekt den Marxbrüdern in Frankfurt auf den Grund. Hierbei handelt es sich nicht um die US-amerikanische Komikergruppe, sondern um die erste deutsche Fechtschule, die im 15. Jahrhundert ihre erste Erwähnung fand. Benannt wurden sie nach ihrem Schutzheiligen, dem Evangelisten Markus. Waren Kampfkünste zur damaligen Zeit noch meist der vornehmeren Bevölkerung vorbehalten, so waren die Marxbrüder eine Gemeinschaft von Handwerkern. Ursprünglich als religiöse Bruderschaft mit dem Dominikanerkloster verbunden, entwickelten sie sich zu einer angesehenen Fechterzunft, die Glauben, Handwerk und Kampfkunst miteinander vereinte. Sie organisierten Fechtschulen, Ausbildungen und Schauwettkämpfe, die weit über Frankfurt hinaus bekannt waren. Ihre Mitglieder bildeten ein europaweit vernetztes Bündnis. Mit kaiserlichen Privilegien ausgestattet, standen die Marxbrüder für Selbstbewusstsein und Zusammenhalt. Als moderner Nachfolger versteht sich der Verein „Neue Marxbrüder zu Frankfurt am Main“. Der 2013 gegründete Verein setzt sich für die Bewahrung und Weitergabe europäischer historischer Kampfkünste ein und führt deren Traditionen fort. Theil widmet sich in seiner Freizeit selbst dem historischen Fechten und ist daher Experte auf dem Gebiet der Langschwerter. Forschungsbedingt muss die Praxis allerdings etwas pausieren und das Training hintanstehen. Mit seinem Projekt knüpft er an die Forschung von Sabine Kindel an, die sich in einer vorherigen Staffel mit den Marxbrüdern beschäftigt hat. Zusätzlich zu seiner bereits eingerichteten Website plant er die Veröffentlichung eines Buchs zu den Marxbrüdern. Ein weiterer Teilnehmer der aktuellen Staffel ist Björn Ebbrecht. Der begeisterte Hobbyflieger beschäftigt sich mit der Geschichte des Alten Flugplatzes Bonames. Dieser wurde unter dem Namen „Maurice Rose Airfield“ bis 1992 von den USA als Militärflugplatz betrieben. Heutzutage wird das Gelände als Naherholungsgebiet genutzt. Die ehemalige Landebahn dient als Spielwiese für Fahrradfahrer und Skater. Dazu befinden sich auf dem Gelände das Feuerwehrmuseum Frankfurt und das Restaurant „Tower Café“. Im Rahmen seiner Forschung will Ebbrecht alte Dokumente auswerten und Zeitzeugen befragen. Geschichte zum Anfassen Das Stadtteil-Historiker-Projekt ist weit mehr als nur historische Forschung, es ist auch ein soziales Experiment. Wer sich seiner eigenen Umgebung zuwendet, verändert seine Perspektive. Ein unscheinbares Gebäude erzählt plötzlich von Migration, Krieg und Aufbruch. Eine Straßenecke wird zur Erinnerungsstätte, ein Name zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit Identität und Herkunft. Wer am Projekt teilnimmt, lernt, Geschichte nicht als abgeschlossenes Ereignis, sondern als lebendigen Prozess zu begreifen. Viele Teilnehmer berichten, dass ihre Forschung sie dazu gebracht habe, Gespräche mit Nachbarn zu suchen, alte Fotos zu teilen oder Familiengeschichten neu zu entdecken. Auf diese Weise schafft das Projekt nicht nur Wissen, sondern auch Begegnungen. In einer Zeit, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt so bedroht ist wie lange nicht mehr, zeigt es, wie bürgerliches Engagement Brücken schlagen kann – zwischen Wissenschaft und Alltag, Vergangenheit und Gegenwart, Menschen und ihrem unmittelbaren Lebensraum. Die Wirkung reicht weit über die Laufzeit der einzelnen Vorhaben hinaus. Zahlreiche Ehemalige bleiben aktiv, gründen Geschichtsinitiativen oder engagieren sich in Vereinen. Einige veranstalten Führungen durch ihr Viertel, andere beraten neue Teilnehmer. Auch städtische Museen und Archive profitieren: Die gewonnenen Erkenntnisse ergänzen bestehende Sammlungen, eröffnen neue Forschungsfelder und tragen zur Sicherung bislang unbekannter Quellen bei. Eine besondere Stärke des Projekts liegt auch in der emotionalen Nähe. Es ist Geschichte zum Anfassen. Geschichten, die man hören, sehen und manchmal sogar riechen kann, etwa wenn in alten Backstuben oder Werkstätten geforscht wird. Erinnerungskultur findet eben nicht nur in Museen, sondern auch mitten im Leben statt. Das Stadtteil-Historiker-Projekt ist ein Gemeinschaftswerk, getragen von der Neugier der Bürgerinnen und Bürger und der Überzeugung, dass Geschichte nur lebendig bleibt, wenn sie geteilt wird. Es ist eine Einladung, genauer hinzusehen und zuzuhören. Stadtgeschichte soll nicht als statisches Archiv, sondern als lebendiger Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart betrachtet werden, geführt von Menschen, die ihre Stadt lieben und sie neu entdecken wollen.
