„Ich glaube nicht daran, Bibliotheken oder Museen zu bauen“, sagte Donald Trump kürzlich bei der Vorstellung der Pläne zu seiner Presidential Library in Miami. Mit der Tradition der Präsidentenbibliotheken soll der Wolkenkratzer offenbar trotz seines Namens brechen und ein Hotel beherbergen – angeblich mit einer ehemaligen Air Force One in der Lobby. Entwürfe zeigen auch ein Auditorium mit einer überlebensgroßen goldenen Trump-Statue auf der Bühne. Die Bezeichnung Presidential Libraries ist auch in anderen Fällen irreführend, denn es handelt sich bei ihnen vor allem um Archive, die den Dokumentennachlass der Präsidentschaft bewahren. Doch schon mit dem Barack Obama Presidential Center in Chicago änderte sich das, denn die Akten aus dessen beiden Amtszeiten lagern nicht dort. Normalerweise finanzieren Präsidenten ihr Archiv überwiegend privat aus Kampagnengeldern und Spenden. Der laufende Betrieb wird aber aus Steuergeldern bezahlt und von der National Archives and Records Administration (NARA) organisiert. Geschichte will er wieder erbaulich erzählen Ob sich Trump darauf einlässt oder ob er am Ende die wichtigsten Dokumente dem Nationalarchiv überlassen muss, ist unklar. Für den Komplex in Miami behält er jedenfalls erst einmal den Namen „Presidential Library“ bei, vermutlich auch, um leichter Spenden dafür sammeln zu können – selbst, wenn später nicht ein einziges Dokument oder gar Buch in dem Glitzerhochhaus landen sollte. Florida schenkte Trump schon einmal das Grundstück, das eigentlich dem Miami Dade College gehörte, und Sohn Eric hilft beim Bau. Wenn doch nur Washington ein bisschen mehr wäre wie der Sunshine State unter Ron DeSantis, wird sich der Präsident denken: In der Hauptstadt, die Trump gern nach seinen Vorstellungen umgestalten würde, läuft es für seine Projekte nicht so reibungslos. Dort muss er sich mit politischen und juristischen Widerständen herumschlagen. Für seinen pompös geplanten Ballsaal mitsamt Bunker geht es nur in kleinen Schritten voran. Zuletzt gab ihm ein Berufungsrichter nur ein paar Tage mehr Zeit für die Bauarbeiten auf der Ostseite des Weißen Hauses. Nach dem versuchten Attentat beim Galadinner der Hauptstadtpresse versucht Trump nun, dem Projekt neue Dringlichkeit zu verleihen. Doch dadurch ist das Urteil des Bundesrichters Richard Leon nicht erledigt, der im März feststellte, der Kongress müsse das Projekt bewilligen. Egal, an welche Grenzen der Präsident mit seinem Umbau der Hauptstadt noch stoßen wird: Er will Washington seinen Stempel aufdrücken. Nicht nur der Ballsaal soll eines Tages an ihn erinnern: Trump will auch den größten Triumphbogen der Welt errichten, mit dem „Heldengarten“ seine Version der amerikanischen Geschichte erzählen und am liebsten den Dulles-Flughafen nicht nur umbauen, sondern nach sich selbst benennen. Kritiker wie Philip Kennicott in der „Washington Post“ betonen, dass all diese Pläne Teile eines größeren Versuchs seien, die historische Gestaltung Washingtons durch Spektakel, kommerzielle Großspurigkeit und Selbstvermarktung zu überschreiben. „Trump ist die größte Bedrohung für das architektonische und gestalterische Erbe der Stadt, seit britische Truppen im Krieg von 1812 Kapitol und Weißes Haus in Brand setzten“, schrieb Kennicott kürzlich. Washington sei im Gegensatz zu anderen amerikanischen Städten eine genau geplante Stadt. Die klassizistischen Bauten und offenen Sichtachsen standen in der neuen Republik einst für ein Ideal von Bescheidenheit, Rationalität und Geradlinigkeit, wie es Benjamin Latrobe, der Architekt des Kapitols, in Abgrenzung von monarchistischem Pomp 1806 formuliert hatte. „Nichts scheint so klar“, schrieb er an den Kongress, „wie dass eine anmutige und verfeinerte Schlichtheit die höchste Leistung von Geschmack und Kunst ist.“ Amerikanische Gebäude sollten „zurückhaltend und schlicht“ sein: „Wir sehen, dass Ornamente in dem Maße zunehmen, wie die Kunst verfällt oder Unwissenheit überhandnimmt“, so Latrobe. Der klassizistische Stil als „standardmäßige“ Ausdrucksform Daniel Patrick Moynihans „Guiding Principles for Federal Architecture“ von 1962 bestanden dann darauf, dass staatliche Gebäude einen offiziellen Stil vermeiden und sich an „zeitgenössischem architektonischen Denken“ orientieren sollten. Gestaltung, so Moynihan, müsse „von der Architektenschaft zur Regierung fließen und nicht umgekehrt“. In Trumps erster Amtszeit erhob der Staat neuerlich einen expliziten Anspruch auf die Bedeutung von Architektur. Die Executive Order von 2020, „Make Federal Buildings Beautiful Again“, erklärte den klassizistischen Stil zur „bevorzugten und standardmäßigen“ Ausdrucksform. Allerdings nutzen Trumps Ballsaal-Architekten die Elemente dieses Stils so wild und willkürlich, dass sie, ihrer historischen Bedeutung beraubt, durch die Entwürfe geistern – als Treppen ins Leere und sinnlose Säulenansammlungen, wie prominente Architekten in der „New York Times“ kritisierten. Dass es Trump nicht um die einst für die Würde der Republik stehenden nüchternen Linien geht, machen nicht nur seine Goldornamente im Weißen Haus klar, sondern auch der geplante Triumphbogen, für den kürzlich die Pläne vorgestellt wurden: goldverziert und natürlich größer als alle anderen Triumphbögen der Welt. Architektur werde in Trumps Projekten zum Instrument, „mit dem politische Autorität Kontinuität, Stabilität und historische Unausweichlichkeit aufführt, obwohl die Bedingungen, die diesen Formen einst Bedeutung gaben, verschwunden sind“, schrieb Iman Ansari in der Zeitschrift „Architectural Record“. Während sie den Herrschaftskitsch vorantreibt, möchte sich die Regierung zugleich von Gebäuden trennen, sie vielleicht sogar abreißen, die für die progressive Vergangenheit des Landes stehen, wie Judith Levine im „Guardian“ in Erinnerung ruft. Auf der Liste der Gebäude, die die General Services Administration loswerden will, steht etwa das Robert-C.-Weaver-Building, Hauptsitz des Ministeriums für Wohnungsbau und Stadtentwicklung. Es gilt als Meisterwerk des Brutalismus. Das Wilbur J. Cohen Federal Building wurde als Sitz der Social Security Administration errichtet, zu Ehren jenes Gesetzes, das das Rentensystem 1935 geschaffen hatte. Drinnen befinden sich einige der bedeutendsten New-Deal-Wandgemälde des Landes, darunter Arbeiten von Ben Shahn, Philip Guston und Seymour Fogel. Der Historiker Gray Brechin nannte das Haus die „Sixtinische Kapelle des New Deal“. Will Trump das Saarinen-Terminal abreißen? Die Gebäude, die Trump parallel zu seiner Bauwut loswerden will, stünden für „den Glauben an die Wissenschaft, an einen handlungsfähigen Staat, an die Würde der Arbeit, an Urbanität und zeitgenössische Kreativität: Die Werte der Moderne, verbunden mit einer Verpflichtung auf das Gemeinwohl“, meint Levine – alles Werte, die Trump nichts bedeuteten. Zum „Abräumen der Moderne“ würde auch Trumps angeblicher Plan für den Dulles-Flughafen gehören, den er gern nach sich selbst umbenannt sehen würde. Das Saarinen-Terminal, von Eero Saarinen entworfen und 1962 fertiggestellt, könnte der Zerstörungslust des Präsidenten zum Opfer fallen. Er soll den Flughafen sowie das als Meisterstück des amerikanischen Modernismus geltende Bauwerk als hässlich bezeichnet haben. Im Rahmen der ohnehin geplanten Erweiterung will Trump den Abriss des Terminals zumindest ausdrücklich offenhalten, beschlossen ist er noch nicht. Medien berichteten kürzlich, das Verkehrsministerium habe Vorschläge für einen kompletten Umbau von Dulles eingeholt, einschließlich der Möglichkeit, das historische Hauptterminal abzureißen. In der Ausschreibung des Bundes steht, gesucht würden Konzepte für „vollkommen neue Terminals“. Allerdings wolle man auch Vorschläge akzeptieren, die das historische Terminal erhielten oder in einen Neubau integrierten. Doch die Regierung behandelt den Abriss einer Ikone der amerikanischen Moderne als seriöse Option. Bei seinen Bauprojekten geht es Trump nicht nur um sich selbst und die Inszenierung der eigenen Macht, sondern auch um Geschichtspolitik. Im Unterschied zum spendenfinanzierten Ballsaal soll der „Garden of Heroes“, den Trump schon 2020 angekündigt hatte, teils mit Mitteln aus dem National Endowment for the Arts, also der zuletzt stark gekürzten öffentlichen Kunstförderung, errichtet werden. Zuerst war South Dakota im Gespräch, nun könnte der West Potomac Park in Washington den Skulpturengarten beherbergen. Der soll an „heldenhafte“ Amerikaner erinnern, ob Filmstars oder Politiker. Die inzwischen auf fast 250 zu Ehrende erweiterte Liste enthält gegensätzliche Persönlichkeiten. Vertreten sind sowohl der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King als auch Andrew Jackson, der als Präsident verantwortlich für den „Indian Removal Act“ von 1830 und die genozidale Politik gegen Ureinwohner war. Als „Helden“ will Trump auch Christoph Kolumbus geehrt sehen, dessen Statue er kürzlich nahe dem Weißen Haus aufstellen ließ. Heldengedenken mit Sezessionisten Im Oktober vergangenen Jahres ließ der Präsident auch das Bildnis des Sezessionisten-Generals Albert Pike am Judiciary Square wieder aufbauen, das Demonstranten während der antirassistischen Proteste des Jahres 2020 gestürzt hatten. Für zehn Millionen Dollar bringt die Regierung bis 2027 außerdem das Konföderierten-Ehrenmal auf dem Arlington-Friedhof zurück – der Kongress hatte 2022 die Entfernung des Monuments für die toten Soldaten der Sklavenhalter-Staaten empfohlen. Der geplante Triumphbogen würde unterdessen eine zu diesem Friedhof führende Sichtachse von hohem symbolischem Wert zerstören, wie Kritiker Kennicott in der „Washington Post“ hervorhob. Der sogenannte McMillan-Plan für die Neugestaltung der Stadt habe 1902 „eine große axiale Vision nationaler Heilung und Versöhnung“ entworfen. Nord und Süd wurden symbolisch durch eine Brücke über den Potomac verbunden. So sei „die Stadt der Toten beim Arlington Cemetery mit der Stadt der Lebenden“ verbunden worden, mit dem Lincoln Memorial als Scharnierpunkt, so Kennicott. Lange Sichtachsen lenkten den Blick vom Denkmal für Ulysses S. Grant bis hin zu dem Tempel für Lincoln und ehrten so jene in Arlington liegenden Soldaten, die ihr Leben für die Union gaben. Der Triumphbogen wiederum soll auf der Virginia-Seite des Potomac stehen, diesen Blick verstellen und damit, so meint Kennicott, „faktisch den Süden zum Sieger des Bürgerkriegs krönen“. Trump, der als nicht sonderlich geschichtskundig gilt, wird hier vielleicht von jenen beraten, die ein langfristig angelegtes Projekt der Geschichtsumschreibung betreiben. Dass er mit allen Planungen für die Hauptstadt Erfolg haben wird, kann man angesichts der knapper werdenden Regierungszeit bezweifeln. Berechtigt ist allerdings die Sorge um Bau- und Kunstdenkmäler wie die New-Deal-Murals, die Trump in seinen verbleibenden Jahren im Amt noch zerstören könnte.
