FAZ 03.06.2026
13:49 Uhr

Podolskis Dokumentation: „Ein bisschen trauere ich dem schon hinterher“


Eine Dokumentation zeigt Lukas Podolski als Getriebenen. Sein Eifer tut dem Film gut, dem Privatleben eher nicht. Hier spricht der Fußballer über verpasste Chancen in Köln, neue Geschäftsideen – und seine Zukunft.

Podolskis Dokumentation: „Ein bisschen trauere ich dem schon hinterher“

Eine schöne Kulisse für eine alte Geschichte bietet das Bundesligastadion von Köln-Müngersdorf in der vorigen Woche. 500 geladene Gäste sind in das auch an diesem Abend immer wieder zitierte „Wohnzimmer“ des Lukas Podolski gekommen, um die Premiere einer opulent produzierten Netflix-Dokumentation über diesen Sportler, Geschäftsmann und Liebling der Massen mitzuerleben. Die Geschichte von einer Liebe zwischen einem Fußballer und einer Stadt, in der aber eben noch viel mehr steckt. Wenige Tage nach dem offiziell verkündeten Karriereende des Angreifers nippen hier Influencer und Wegbegleiter an Weißweingläsern, während sie schauen, was der Poldi da schon wieder für ein Projekt laufen hat. Neben seinen Eisdielen, der Dönerkette, einem Musikfestival und dem Fußball. Er habe keine dieser austauschbaren Porträtstorys drehen wollen, sagt Podolski dann in ein Mikrofon. Keinen dieser Filme, in denen „25 Trainer und 1000 Mitspieler sagen: geiler Typ, positiv, linker Fuß, und am Ende heulen alle und sagen: boah, Poldi, geil.“ Er habe „einen anderen Ansatz“ haben wollen. Also geht es zuallererst um die Familie, die Verwurzelung in der polnischen Heimat, das Migrantenleben in Bergheim, die Partnerin, die weit davon entfernt ist, dem Klischee von der Spielerfrau zu entsprechen. Die heimlichen Stars sind zwei Tanten mit Rampensau-Potential, die Eltern sowie die Schwester Justyna, die den klarsten Blick auf das Leben des Menschen haben, der sich hinter dem Markennamen LP10 und dem Sprücheklopfer verbirgt. Nach der Premiere hat Podolski erzählt, warum er sich doch nicht verabschiedet vom Fußball. Rechtzeitig zum Karriereende auf dem Platz sind Sie als Anteilseigner bei Górnik Zabrze eingestiegen und haben damit weiterhin Zugang zum Profifußball. Das ist ein perfektes Timing, oder? „Eigentlich arbeite ich schon länger im Management in Zabrze mit. Ich versuche, im Scouting zu helfen, Sponsoren zu begeistern und im Marketing zu helfen. Mit meinen Kontakten unterstütze ich die Suche nach Spielern, und ich habe mein Team um die Welt geschickt, um mal zu schauen, wie andere Vereine funktionieren.“ Über die Jahre gab es mehrfach Kontakt zum 1. FC Köln. Sind Sie traurig, dass von dort nie ein konkretes Angebot zur Mitarbeit kam? „Ein bisschen trauere ich dem schon hinterher. Es gab Gespräche, aber das Interesse von Vereinsseite war nie wirklich da. Die Tür ist nie richtig aufgegangen, die war immer nur so weit offen, dass gerade eine Katze durchgekommen ist. Umso schöner finde ich es, dass ich jetzt in Zabrze mitgeholfen habe, den Verein wieder auf die Landkarte zu bringen. Wir spielen in der Champions-League-Qualifikation, sind Pokalsieger, jeder spricht drüber. Ich bin der Meinung, etwas Ähnliches könnte man mit meiner Person auch beim 1. FC Köln machen. Aber wenn die Verantwortlichen nicht wollen, muss man halt andere Wege finden im Leben.“ Im ganzen Stadion Tränen der Rührung Im FC-Kontext ist der Name Podolski gefährlich. Als Geschäftsführer oder Direktor würde seine bloße Anwesenheit die gesamte öffentliche Wahrnehmung verändern. Und seine Verbindungen ins Ultra-Milieu sind vielen unheimlich. Als 2024 ein Abschiedsspiel in Müngersdorf organisiert wird, kölnische Lieder laufen und Poldi mit einer bengalischen Fackel in der Hand auf dem Zaun vor der Südkurve sitzt, fließen im ganzen Stadion Tränen der Rührung. Die wichtigste Mannschaft in Podolskis Karriere ist in Wahrheit jedoch nicht der FC gewesen, sondern das Nationalteam. Selbst in schwierigen Phasen, wenn er gegen den Abstieg kickte, beim FC Bayern hinter den Erwartungen zurückblieb oder beim FC Arsenal auf der Bank saß: Im DFB-Team hat er zwar mal den Kapitän Michael Ballack geohrfeigt, aber diese spielerische Leichtigkeit war immer da. Oft vergessen wird dabei, dass mehr als die Hälfte von Podolskis Karriere nach der großen Zeit in der Nationalmannschaft stattfand. Auf die WM 2014, als andere die Führungspositionen in der DFB-Auswahl übernommen haben, folgen noch zwölf Jahre, in denen er in England, Italien, Japan, der Türkei und Polen kickt. Überall wird er von den Fans geliebt, der linke Fuß liefert, und seine direkte Sprache kommt an. Podolski gewinnt zwar nur eine nationale Meisterschaft – 2008 mit dem FC Bayern –, wird aber in fünf Ländern Pokalsieger und beginnt, Geschäfte jenseits des Fußballs zu machen. Die Umtriebigkeit des Unternehmers ist faszinierend, gerade in einer Welt, in der der Bundeskanzler die angebliche Neigung der Gesellschaft zu einem Leben in „Lifestyle-Teilzeit“ kritisiert. Für die meisten Menschen würde schon eines Ihrer Geschäfte genug beruflichen Inhalt bieten. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut? „Ich habe schon Geschäftspartner, die mich da unterstützen, die aber nicht einfach nur die ganze Arbeit machen, um am Ende meine Marke zu polieren. Ich bin bei jedem Projekt voll involviert. Ich habe die Kontrolle, ich weiß, was passiert.“ In der Doku wird an mehreren Stellen deutlich, wie belastend der „Immer-Vollgas-Poldi“ für Ihre Frau Monika und Ihre Familie sein kann. Kommt von dort nicht die Forderung, sich jetzt endlich richtig Zeit fürs Privatleben und die Kinder zu nehmen? „Jetzt, wo ich nicht mehr Fußball spiele, fällt der ganze Spieler-Alltag weg. Jetzt habe ich quasi das ganze Jahr Urlaub und kann viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Da freuen wir uns alle drauf, aber es ist schon auch so, dass ich jetzt nicht in den Rückwärtsgang schalte. Ich will weiter nach vorne marschieren, so bin ich als Mensch, und ich kann auch nicht anders.“ Podolski ist ein Getriebener Die Dokumentation „POLDI“ ist immer dort besonders spannend, wo sichtbar wird, wie schwer es Podolski fällt, was er sich explizit für diese Doku vorgenommen hat: sich zu öffnen. Wenn es um die Konflikte mit Monika geht, die sich in all den Jahren einen Mann gewünscht hätte, der öfter zu Hause ist. Und wenn der Kampf dieses Sportlers mit dem Loslassen vom Profileben gezeigt wird. Podolski ist ein Getriebener, der ewige Wille, zu liefern, tut dem Film gut, dem Privatleben eher nicht. Sie wollen mit dem Film explizit nicht den überall bekannten Sportler Lukas Podolski zeigen, sondern Ihr Leben jenseits der Bühne Profifußball. Warum? „Wenn man Sachen versteckt oder verschweigt, dann wäre das unehrlich, und das mag ich nicht. Ich wollte unbedingt verhindern, dass ich am Ende das fertige Produkt sehe und denke: Puh, das bist du ja gar nicht, du verarschst ja die Leute da draußen.“ Zu sehen sind auch Momente, die nicht souverän wirken. Zum Beispiel Ihr Kampf mit der Frage nach dem richtigen Moment für das Karriereende. Oder zwei brutale Fouls in der letzten Saison. Hätten Sie das nicht lieber rausgehalten? „Es ist schon so, dass der Film Momente enthält, die ich nicht so leicht preisgeben konnte. Gerade der richtige Zeitpunkt für das Karriereende hat mich sehr beschäftigt, da war ich irgendwo gereizt, und vielleicht hat das auch zu den Fouls beigetragen. Aber raushalten wollte ich das nicht, das gehört dazu. Und am Ende sind mir schon vorher einige harte Fouls unterlaufen, das ist nichts Neues bei mir. Ich bin eben einer, der zu 100 Prozent reingeht, und dann kommt man halt manchmal zu spät, besonders im Alter.“ Podolski ist sich vollständig darüber im Klaren, dass es nie wieder etwas in seinem Leben geben wird, das ihn erfüllt wie der Fußball. Wieso er trotzdem seit vielen Jahren so viel Zeit und Kraft in andere Dinge investiert, gehört zu den Rätseln dieses Menschen. Stillstand sei ein Problem für Podolski, sagt die Gattin Monika irgendwann und klingt dabei ziemlich traurig. Tiefe entsteht in genau diesen Momenten. Wenn Monika erzählt, wenn Podolski keine seiner Schnellschussantworten raushaut, wenn er nachdenken muss, nach Worten sucht, mitunter unglücklich wirkt. Insofern bekommt das Publikum Podolski und sein Leben in einer Schärfe zu sehen, die vielen Fußballerporträts fehlt. Nicht zuletzt ist der Film aber auch ein sehr wirksames Instrument in der riesigen Lukas-Podolski-Marketingmaschinerie, die weiter auf Hochtouren läuft. Die Dokumentation „POLDI“ läuft ab Donnerstag, 4. Juni, auf Netflix.