FAZ 25.03.2026
07:00 Uhr

Pilotprojekt: Wie Hessen mehr Nachwuchs für Freiwilligendienste und Bundeswehr gewinnen will


In Hessen bekommen derzeit 6000 Jugendliche Werbung für eine neue Art des Freiwilligendienstes zugestellt. Sie sollen besser bezahlt und beraten werden – für den sozialen und den Wehrdienst.

Pilotprojekt: Wie Hessen mehr Nachwuchs für Freiwilligendienste und Bundeswehr gewinnen will

Wehrpflicht, verpflichtendes Gesellschaftsjahr oder doch Warten auf das freiwillige Engagement der Jugend? In Deutschland wird derzeit intensiv über verschiedene Modelle debattiert. Ein Pilotprojekt in Hessen soll herausfinden, ob eine ergebnisoffene Beratung und eine bessere Bezahlung die Zahl der Freiwilligen im sozialen und Wehrdienst steigern kann. Das Projekt trägt den Namen „Freiwilliges Gesellschaftsjahr“, wird initiiert und finanziert von der Bertelsmann Stiftung und der Software AG und beginnt mit einem Brief. Rund 6000 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren erhalten in diesen Wochen im Odenwaldkreis sowie im Frankfurter Stadtteil Kalbach-Riedberg Post. Im Umschlag ist ein Gutschein, der zu einer Beratung über die Einsatzmöglichkeiten einlädt und gleichzeitig einen Platz garantiert. Damit soll den Jugendlichen die Sorge vor Absagen  genommen werden. Der Gutschein kann bis zum 15. Mai 2027 eingelöst werden. Politik übernimmt Schirmherrschaft des Projekts Es folgt dann eine intensive Beratung durch den Hauptträger des Projekts, die „Freunde Waldorf Freiwilligendienste“. Sie klären gemeinsam mit den Bewerbern, ob ein sozialer, ökologischer, kultureller oder militärischer Schwerpunkt passend ist. Die Schirmherrschaft über das Projekt haben der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und die Jugend- und Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) übernommen, um die politische Bedeutung des Vorhabens zu unterstreichen, heißt es aus den Ministerien. Auf der eigens eingerichteten Plattform mach-dein-jahr.de können sich Interessierte und deren Eltern über die Möglichkeiten informieren. Nach einer Pilotphase bis Ende 2027 könnte das Konzept in ganz Hessen Anwendung finden. Das Ziel ist ambitioniert: Pro Jahrgang leisten derzeit etwa 5500 junge Menschen einen Freiwilligendienst. Diese Zahl soll um mindestens ein Viertel gesteigert werden, heißt es von den beteiligten Stiftungen. Einen Zuschuss aus staatlichen Mitteln gebe es nicht. Die Initiatoren wollen vor allem beweisen, dass die Bereitschaft zum Dienst an der Gemeinschaft vorhanden ist, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Ministerin Hofmann sagt dazu: „Von den Erkenntnissen aus dem Pilotprojekt erhoffen wir uns konkrete Impulse für die politische Diskussion über ein Gesellschaftsjahr und den Wehrdienst.“ Freiwilligkeit stärke den Zusammenhalt und damit das Fundament der Demokratie. Verpflichtendes Modell könnte auf Widerstand stoßen Ein verpflichtendes Modell könne dagegen auf erhebliche gesellschaftliche Widerstände stoßen, so ein Sprecher des Sozialministeriums. Es stelle auch einen massiven Eingriff in die im Grundgesetz garantierte „biographische Souveränität“ junger Menschen dar. Die rechtlichen Hürden für einen Zwangsdienst seien durch die notwendige Grundgesetzänderung und die erforderliche Zweidrittelmehrheit im Bundestag sehr hoch. Claudio Jax, Koordinator für internationale Freiwilligendienste beim Hauptträger des Pilotprojektes „Freunde Waldorf“, erklärt die Standortwahl. Mit einer Quote von etwa zehn Prozent Freiwilligen pro Jahrgang liegt Hessen exakt im Bundesdurchschnitt, im Gegensatz zu zum Beispiel Bayern, wo es lediglich fünf Prozent sind. Die Auswahl der Regionen innerhalb Hessens erkläre sich daraus, dass der Odenwald die ländliche Struktur repräsentiere, während Kalbach-Riedberg die großstädtische Perspektive einbringt. „In Hessen gibt es schon ein vielfältiges Angebot an Trägerorganisationen und Einsatzstellen im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich“, so Jax. Das Angebot richtet sich an alle, die ihre Vollzeit-Schulpflicht erfüllt haben; in Hessen sind das in der Regel neun Jahre. Ein bestimmter Schulabschluss sei nicht erforderlich. Das Freiwillige Gesellschaftsjahr sei jedoch kein Konkurrenzprodukt zu bestehenden Formaten wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr, dem Freiwilligen Ökologischen Jahr, dem Bundesfreiwilligendienst oder den Diensten im Ausland wie Weltwärts. Es solle viel mehr als ein Dachprogramm fungieren, das diese Dienste und den freiwilligen Wehrdienst zu einem breiteren Angebot bündelt, erläutert Jax. Beratung zwischen Wehrdienst und Freiwilligendienst Der Wehrdienst stehe dabei gleichberechtigt neben den anderen Freiwilligendiensten, zwischen denen die jungen Menschen wählen können. Die Vergütung bei der Bundeswehr sei jedoch mit einem Sold von rund 2600 Euro deutlich höher als bei den anderen Diensten. Doch auch dort wird aufgestockt: Während man bei einem herkömmlichen Freiwilligendienst bisher 300 bis 500 Euro Taschengeld erhält, sei das freiwillige Gesellschaftsjahr an das BAföG-Niveau gekoppelt. Teilnehmer erhalten je nach Einsatzort bis zu 534 Euro monatlich, wenn sie noch bei den Eltern wohnen, und bis zu 855 Euro, wenn sie ausgezogen sind. Damit soll jeder die Möglichkeit haben, einen solchen Dienst absolvieren zu können. Eine fehlende Beratung sei häufig wohl die größte Hürde vor einem solchen Dienst, sagt Robertson Linsner vom DRK Hessen Volunta, einem der größten Träger des Projekts, der Freiwillige in ganz unterschiedlichen Bereichen einsetzt. „Viele junge Menschen wissen gar nicht, wie groß die Möglichkeiten tatsächlich sind“, sagt Linsner. „Das Spektrum reicht weit über Einsätze in der Pflege oder den Rettungsdienst hinaus.“ Möglich sei etwa ein Jahr in einer Fraktion des Hessischen Landtags, die Mitarbeit in der Denkmalpflege oder das Engagement in digitalen Projekten, etwa bei der Web-Programmierung oder der Betreuung von Social-Media-Kanälen für gemeinnützige Zwecke. Am Ende könnte das hessische Modell eine doppelte Chance bieten: Auf individueller Ebene erhalten junge Menschen die Möglichkeit zur beruflichen Orientierung und persönlichen Entwicklung ohne finanziellen Druck. Auf politischer Ebene wollen die Initiatoren beweisen, dass ein attraktives Angebot mehr bewirkt als staatlicher Zwang. Am 1. Juni treten die ersten Freiwilligen ihren Dienst an.