FAZ 06.05.2026
08:17 Uhr

Phagentherapie: Mit Killerviren gegen multiresistente Keime


Silvia Würstle und ihr Team haben Viren gefunden, die multiresistente Bakterien angreifen. Mit deren Hilfe könnte erstmals in Deutschland Patienten geholfen werden, bei denen Antibiotika an ihre Grenzen stoßen.

Phagentherapie: Mit Killerviren gegen multiresistente Keime

Johanna Krause, die an Mukoviszidose leidet, hat sich bei einem ihrer zahlreichen Klinikaufenthalte in Kindertagen mit einem Krankenhauskeim angesteckt. Seitdem wird die 31 Jahre alte Frau das Bakterium namens Pseudomonas aeruginosa nicht mehr los. Alle vier Wochen bekommt sie wechselnde Antibiotika, um die Auswirkungen wie Bluthusten, Gelenkentzündungen und wiederkehrende Infekte in Schach zu halten. Mit ihrer angeborenen Erkrankung hat die Sozialpädagogin schon genug zu kämpfen; die zusätzliche Belastung durch den Keim würde sie ihrem Körper gern ersparen. Weil Antibiotika „ihren“ Pseudomonas nur noch bremsen, aber nicht beseitigen können, war sie offen für eine neue Behandlung mit Bakteriophagen (kurz Phagen genannt), die seit Kurzem am Universitätsklinikum Frankfurt eingesetzt werden darf. Phagen sind Viren, die ausschließlich Bakterien befallen und diese gezielt zerstören können. Sie gelten als vielversprechender Ansatz zur Behandlung von Infektionen, bei denen herkömmliche Antibiotika an ihre Grenzen stoßen. Erste Ergebnisse der Phagentherapie sind vielversprechend Phagen finden sich überall dort, wo auch Bakterien zu finden sind: im Wasser, in fermentierten Lebensmitteln oder dem menschlichen Körper. Sie nutzen Bakterien als ihre Wirte, um sich zu vermehren, dabei töten sie sie ab. Doch wenn Forscher einen speziellen Phagen ausfindig machen wollen, der ein bestimmtes Bakterium befallen soll, beginnt eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. „Es gibt 10 hoch 31 verschiedene Phagen“, sagt Silvia Würstle und dämpft damit alle Hoffnungen auf schnelle Therapien. Die Medizinerin leitet das Phagenlabor im Schwerpunkt Infektiologie der Frankfurter Universitätsmedizin. Dort darf nun erstmals ein sogenannter Breitspektrum-Phage für eine Heilbehandlung eingesetzt werden. Dieses Virus kann immerhin verschiedene Stämme einer Bakterienart erkennen und an ihnen andocken, um sie zu zersetzen. Beim unverzichtbaren „Matching“, dem Abgleich von Phage und Bakterienstamm des Patienten, gab es einen Treffer bei Johanna Krause. „Ihr“ Pseudomonas könnte von dem Breitspektrum-Phagen, der in Frankfurt gefunden wurde, wirkungsvoll attackiert werden. Das Erstaunliche daran: Den passenden Phagen hat ein Doktorand von Würstle im Mainwasser gefunden, direkt vor den Toren der Uniklinik. Er tropfte etwas von dem Wasser auf eine Petrischale, in der Pseudomonaden gezüchtet wurden. „Und plötzlich sah man ein Loch im Bakterienrasen“, erinnert sich Würstle. Nach mehrfacher Überprüfung erkannten die Forscher schließlich ein phagentypisches Muster. In wochenlanger Kleinarbeit wurde dann aus dem Mainwasser jener Breitband-Phage isoliert, der nun mehreren Patienten helfen soll, die Keime in ihren Körpern zu bekämpfen. Anfang März begann die Behandlung von Johanna Krause mit einem stationären Aufenthalt. Sie musste mehrmals täglich eine Phagenlösung inhalieren und bekam gleichzeitig eine Antibiotikatherapie, „damit der Keim von mehreren Seiten bombardiert und hoffentlich reduziert wird“, wie es die Patientin beschreibt. Am Abend des zweiten Tages bekam sie starke Kopfschmerzen und fühlte sich etwas fiebrig, sonst nichts. Sie konnte Sekret aus dem unteren Teil der Lunge abhusten, und ihre leicht erhöhten Leberwerte deuteten darauf hin, dass in ihrem Körper vermehrt Bakterien abgebaut worden waren. Inwieweit der Keim eingedämmt werden konnte oder ob noch eine weitere Behandlung notwendig ist, erfährt Krause erst bei der Nachbesprechung in den nächsten Wochen. Aber Silvia Würstle ist schon sehr zufrieden mit den kurzfristigen Wirkungen der Phagentherapie bei ihrer Patientin. So begeistert Würstle von den Möglichkeiten ist, sie muss immer wieder die Erwartungen von Patienten dämpfen. Weil nicht für jeden widerständigen Keim ein passender Phage gefunden werden kann oder wird, weil die Suche viel zu aufwendig, die Herstellung noch viel zu teuer wäre, um damit nur jeweils einer Handvoll Patienten helfen zu können. „Es ist kein Wundermittel, aber in bestimmten Situationen können Phagen den entscheidenden Unterschied machen“, sagt Würstle. Phagencocktails werden auch im Internet verkauft Als vermeintliche Wundermedizin werden Bakteriophagen im Internet angeboten. „Davon rate ich dringend ab“, sagt die Medizinerin, man wisse nie genau, was in solchen Cocktails drin sei. Kommerzielle Anbieter hatten versucht, mit einem Mix aus vielen Phagen einem Lungenkeim beizukommen. Nach dem Motto: Einer der Phagen wird schon der richtige sein und die Arbeit erledigen. Damit wurde auch das aufwendige „Matching“ gespart. Doch die Ergebnisse waren fragwürdig: Während der Cocktail bei manchen Patienten gut anschlug, zerstörte er im Körper der anderen zu viele Bakterien auf einmal. Mit zu vielen Resten davon kommt der Körper auf einmal nicht zurecht: Als Folge mussten die Patienten teils so viel Schleim abhusten, dass sie Luftnot bekamen, wie Würstle berichtet. Genau deshalb sind die Leitlinien so wichtig, an denen Würstle mitgearbeitet hat und die mittlerweile von 20 Fachgesellschaften in Deutschland sowie internationalen Experten gebilligt worden sind. Darin wird genau beschrieben, unter welchen Qualitätsstandards Patienten mit Phagen behandelt werden sollten. Alle behandelnden Ärzte sollen außerdem ihre Therapien mit anonymisierten Patientendaten dokumentieren, damit künftig die Forschungsgemeinschaft davon profitieren kann. Die Leitlinien sind nun bei einer renommierten medizinischen Fachzeitschrift zur Publikation eingereicht. Bis es so weit war, hat Silvia Würstle einen langen Atem bewiesen. Vor sieben Jahren hatte sie die erste Anfrage an eine Behörde gestellt, unter welchen Voraussetzungen eine Phagentherapie in Deutschland erlaubt wäre. Deren Wirkung hatte sie bei einem Forschungsaufenthalt in Amerika selbst gesehen. In diesem Jahr hat sie endlich die Erlaubnis für die ersten Heilversuche bekommen. Noch müssen sie und ihr Team die wirkungsvollsten Keimkiller in Slowenien produzieren lassen. Doch noch in diesem Jahr, so hofft die Medizinerin, wird das Frankfurter Labor die Genehmigung erhalten, die hilfreichen Viren selbst herzustellen. Die Forschung auf diesem Gebiet beginnt damit in Deutschland gerade erst richtig.