FAZ 06.05.2026
17:40 Uhr

Para-EM abgesagt: Verrat an Europas Sportlern


In der Absage des Höhepunkts für Europas Para-Leichtathleten spiegelt sich das Versagen der Sportpolitik: Den Preis für die vom IPC durchgesetzte Rückkehr Russlands zahlen Sportlerinnen und Sportler.

Para-EM abgesagt: Verrat an Europas Sportlern

Gerade einmal zwei Monate ist es her, da gab sich Andrew Parsons als großer Geschichtenerzähler vor historischer Kulisse. Im Amphitheater von Verona beschwor der Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) bei der Eröffnungsfeier der Winterparalympics in seiner Rede den Geist der paralympischen Bewegung herauf. Von paralympischen Leistungen war da die Rede, die „Haltungen verändern und Menschen überall inspirieren“ werden, in den Wettkampfstätten, aber auch unzählige mehr daheim. Wie krachend Parsons das nun vor die Füße fällt, sieht man anhand der Absage der Para-Leichtathletik-EM – einem der Saisonhöhepunkte für Para-Athleten auf diesem Kontinent. Dieses Fiasko hat eine deutlich unrühmliche Vorgeschichte, die bereits im November 2025 ihren Anfang nahm. Damals beschloss das IPC bei seiner Generalversammlung die vollständige Rückkehr russischer Para-Athleten auf die internationale Sportbühne – inklusive Hymne und Flagge. Am brutalen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, dem Auslöser für die Sanktionen, hatte sich damals wie heute nichts geändert. An Russlands Bereitschaft, auch den Para-Sport für politische Propaganda auszuschlachten, ebenso wenig, wie man es auch zuletzt bei den Paralympics in Italien sehen konnte, wo Para-Athleten explizit Putin für ihren sportlichen Erfolg dankten. Russland schickt versehrte Soldaten Genau in diese Zeit fiel es auch, dass Parsons den Spalt für Russland noch weiter öffnete, indem er für die paralympischen Sommerspiele in den USA 2028 ankündigte, russische Para-Athleten, die an der Ukraine-Invasion als Soldaten beteiligt waren und dort verwundet wurden, ebenso als Teilnehmer zuzulassen. Im Dienste der Inklusion – so erzählte es zumindest Parsons der Öffentlichkeit. In Russland freut man sich währenddessen, dass man künftig auch versehrte „Kriegshelden“ aufs Schlachtfeld des Sports schicken darf. Um einzudämmen, dass Russland auch den Para-Sport mit Erfolgsgeschichten als Propagandawerkzeug missbraucht, drängte das IPC europäische Staaten daher zu drastischen Mitteln des Widerstands. Diesen blieb nichts anderes übrig, als sich als Austragungsorte für internationale Veranstaltungen zurückzuziehen und somit Russland eine mögliche Bühne zu entziehen. Den Preis zahlen die Athleten Bei der Para-Schwimm-EM waren es im Januar dieses Jahres die Niederländer, die wegen der möglichen russischen Teilnahme absagten. Damals konnte das IPC noch rechtzeitig einen Ersatz in der Türkei finden. Bei der Para-Leichtathletik-EM kam man aber nicht so einfach davon. Die Veranstaltung musste abgesagt werden, da sich niemand finden ließ, der diese austragen wollte. Den Preis dafür zahlen Europas Para-Athleten, denen nicht nur ein Saisonhöhepunkt entgeht, sondern auch wichtige Prämien und Sponsorengelder. In Paris, so heißt es, hätte die Para-Leichtathletik-EM in diesem Jahr ursprünglich stattfinden sollen, an Sportstätten, die dazu beitrugen, dass bei den Paralympics 2024 2,4 Millionen Tickets verkauft wurden und von wo die Leistungen der Para-Athleten an Millionen mehr in die Welt übertragen wurden. Für die diesjährige EM bleiben die Stätten den Para-Athleten verschlossen, und die ausgefallenen Wettkämpfe werden niemanden erreichen. Die einzige Geschichte, die dabei in Erinnerung bleibt, ist das Versagen des IPC, das zu all dem führte.