Die Popularität, die der Cellist, Dirigent und Komponist Pablo Casals zu seinen Lebzeiten genoss, konnten nur wenige Musiker übertreffen. Casals spielte für die Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Theodore Roosevelt und John F. Kennedy im Weißen Haus; er trat vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York auf; er war für den Friedensnobelpreis nominiert. In viel stärkerem Maße als der Pianist Alfred Cortot und der Geiger Jacques Thibaud, mit denen er über zwei Jahrzehnte hinweg im Trio spielte, war Casals eine öffentliche Figur. Während seines langen Lebens von 1876 bis 1973 erhob er den Anspruch, seinem Publikum über die musikalische Exzellenz hinaus ein moralisches Beispiel zu geben im Engagement für Frieden, Demokratie und Humanismus. Casals’ Lebensmaxime, auf die sich Raimund Trenkler, der Gründer und Intendant der Kronberg Academy, immer wieder beruft, lautete: „In erster Linie bin ich ein Mensch, in zweiter ein Künstler. Als Mensch ist es meine erste Pflicht, meinen Mitmenschen Gutes zu tun.“ Aber würden wir uns heute an einen Menschen, der sich nur in der Pflicht erschöpfte, seinen Mitmenschen wie ein Pfleger, Pfarrer oder Patenonkel Gutes zu tun, noch erinnern? Ist es nicht zuerst doch Casals’ Leistung als Künstler, durch die er uns etwas bedeutet und durch die er sich die Achtung für sein Wirken als politischer Aktivist erwarb? Vor 150 Jahren, am 29. Dezember 1876, kam Pablo Casals in dem katalanischen Städtchen El Vendrell zur Welt. Und es war seine Mutter, die aus Puerto Rico stammende Pilar Defilló, die schneller und unbeirrbarer als sein Vater, der Organist Carles Casals i Ribes, begriffen hatte, dass ihr Sohn fürs Cello geboren war. Er musste Cellist werden, nachdem er mit elf Jahren seine erste Begegnung mit einem Violoncello wie einen Schicksalsschlag erlebt hatte. Diese Zuneigung zu dem Instrument, die mit einer großen körperlichen Selbstverständlichkeit einherging, war das Fundament für Casals’ bahnbrechende Leistungen: Schon im frühen Unterricht setzte er sich über Spielkonventionen hinweg. Er lockerte den Bogenarm von bislang üblichen förmlichen Versteifungen. Er übte die Dehnung der linken Hand, um große Intervalle ohne verschleifende Glissandi auf den Saiten greifen zu können. Er schränkte das Vibrato vom Dauereinsatz wieder ein auf den gezielten Gebrauch. Überzeugt davon, dass die Hälfte in der Wirkung des Spiels auf der Tongebung beruhe, ersann er ein System der „expressiven Intonation“, bei dem große und übermäßige Intervalle zusätzlich gespreizt, kleine und verminderte Intervalle noch weiter gestaucht wurden. Das setzte genaue Überlegungen zur melodischen und harmonischen Funktion des Einzeltons voraus: Wo sitzt der Ton im Gefüge der Phrase? Woraus resultiert er? Wo zielt er hin? Casals verstärkte diese Bewegungsrichtung durch winzige Manipulation der Tonhöhe. Ebenso schicksalhaft war der Fund, den der dreizehnjährige Junge in einem Antiquariat machte: die sechs Suiten für Cello solo von Johann Sebastian Bach. Casals holte sie zurück ins Konzertrepertoire. Bis dahin hatten sie als trockene und fast unspielbare Studien gegolten. Casals entdeckte die Vitalität und Poesie dieser Präludien und Tanzsätze neu. Diese Leistungen, die Interpretationsgeschichte schrieben, verschafften seinem öffentlichen Wort erst das Gewicht, wenn es um Politik ging. Nach der Zerschlagung der Spanischen Republik durch die faschistische Diktatur von General Franco verließ Casals sein Heimatland Spanien und ging 1936 ins nahe Exil nach Prades in den französischen Pyrenäen. Ebenso verweigerte er nach dem kommunistischen Oktoberputsch von 1917 alle Auftritte in Russland und der Sowjetunion. Auch das nationalsozialistische Deutschland boykottierte er konsequent und kam erst 1958 zu einem Konzert im Beethovenhaus wieder nach Bonn. Zudem bestand er darauf, dass sein Vorname auf Katalanisch „Pau“ geschrieben würde, da Franco das Katalanische unterdrückte und „Pau“ auf Katalanisch nicht nur „Pablo“ oder eben „Paul“, sondern auch „Frieden“ bedeutet. In einer Ausstellung der Fundació i Museu Pau Casals in El Vendrell gemeinsam mit der Kronberg Academy wird im Crespo Foyer des Casals Forums an Pablo Casals erinnert werden: 21 Papierfahnen lassen auf Fotos und Texten dieses lange, große Leben Revue passieren. Bilder von der Familie begegnen uns da, Bilder von Lehrern und Kollegen, Bilder von der Begegnung mit Albert Schweitzer, mit dem Casals nicht nur die Liebe zu Bach, sondern auch die Fürsorge für andere Menschen verband. So beeindruckend die Geradlinigkeit von Pablo Casals ist, so lauter seine Motive dabei sein mochten, so diskutabel sind doch seine Prinzipien. „Musik muss einem Zweck dienen. Sie muss Teil von etwas sein, das größer ist als sie selbst“, schreibt Casals. Muss Musik das? Ist ihre Verzweckung nicht ein Angriff auf ihre Freiheit, ihre Autonomie? Haben autoritäre Systeme nicht immer die Unterordnung der Kunst unter eine größere Idee verlangt? Und wenn man undemokratisch regierte Länder boykottiert – verweigert man dann deren Regimes die Nobilitierung oder zugleich auch deren Bürgern die geistige Nahrung? In seiner Autobiographie „Licht und Schatten auf einem langen Weg“ steht gar der Satz: „Wozu soll Musik (und überhaupt jede Kunst) gut sein, wenn sie nicht eine Sprache spricht, die alle verstehen?“ Sätze wie diese haben sich auch Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew anhören müssen, als ihre Musik 1948 in der Sowjetunion staatlicherseits als „formalistisch“ angeprangert wurde. Einfach, verständlich, allgemein zugänglich – das waren und sind auch Bachs Solosuiten oder Beethovens Trios nicht. Und sie sind Werke, die zu ihrem Gedeihen keine Parlamente brauchten. Kunst, so verstörend das sein mag, ist nicht an Demokratie gebunden. Dennoch bleibt Casals wegweisend in vielem, das er zu Lebzeiten angestoßen hat: etwa darin, klassische Musik zugänglich zu machen auch für Arbeiter durch verbilligte Konzert in Anrechtsreihen, die von Gewerkschaften organisiert wurden; oder darin, wie er das Leben als unaufhörliches Lernen begriff und damit das Anrecht des hohen Alters am schöpferischen Austausch mit der Gegenwart verteidigte. Thomas Mann schwärmte 1954 von Casals: „Er ist zum Symbol geworden eines Künstlertums, das unverführbar auf sich hält, zum Symbol unerschütterlicher Einheit von Kunst und Moralität.“ Doch gerade weil diese Einheit so erschütterlich ist, weil künstlerische Exzellenz und moralische Vorbildhaftigkeit einander überhaupt nicht zwingend bedingen, ist die Figur Pablo Casals bis heute denkwürdig.
