FAZ 07.05.2026
13:35 Uhr

Overtourism in Madrid: Ort gerettet, Seele verloren


Overtourism in Madrid

Overtourism in Madrid: Ort gerettet, Seele verloren

Man muss den Eingang des Cafés Gijón suchen. Draußen, an der Terrasse am schattigen Recoletos-Boulevard, steht nur noch in großen Buchstaben „Cappuccino Grand Café“. So heißt die Kette, die vor Kurzem das letzte Traditionscafé in Madrid übernommen hat. Das Unternehmen aus Mallorca hat Dependancen in Palma, Ibiza, Marbella und Gstaad. Bisher war das 1888 eröffnete Kaffeehaus unweit des Cibeles-Brunnens in Familienbesitz. Fünf Monate lang wurde es renoviert. Auf den ersten Blick hat sich gar nicht so viel verändert. Die holzvertäfelten Wände mit den Spiegeln sind ebenso geblieben wie die roten Polsterstühle und die Hutablagen. Das Gijón war nie ein exklusives Lokal. Arme Künstler hielten sich dort stundenlang an einer Tasse Café con leche fest. Es war vor allem für seine „Tertulias“ bekannt. Zu diesen Debattierrunden trafen sich Intellektuelle, Literaten, Maler und Stierkämpfer. Die Dichterbrüder Antonio und Manuel Machado waren Stammgäste. Zuletzt tagte unter handsignierten Bildern nur noch ein Klub alternder Amateurdichter, die ihre Werke vortrugen. Die Madrider Institution, die viele Romane beschrieben, lebte schon lange von ihrer Vergangenheit. Aber sich vorzustellen, dass ein Schriftsteller wie Federico García Lorca bei der Bestellung zwischen einem Toffee latte oder einem Frokachino entscheiden müsste, fällt schwer. Die Investoren haben das Gijón gerettet, aber das Café hat dabei seine Seele verloren. Madrid muss aufpassen, dass der Stadt selbst kein ähnliches Schicksal widerfährt. Überall wird renoviert und gebaut: Die spanische Hauptstadt leuchtet in neuem Glanz. Immer mehr Touristen entdecken die Metropole, die sie früher auf dem Weg an die Strände links liegen ließen. Elf Millionen Besucher waren es im vergangenen Jahr, 2026 erwartet man einen neuen Rekord. Lange Zeit kamen die Gäste vor allem wegen ihrer Museen in die verschlafene Königsstadt. Jetzt verwandeln sie Südamerikaner in ein glitzerndes Abbild von Miami. Die neuen Eigentümer des Gijón haben sich angepasst und wenden sich an ein internationales, zahlungskräftiges Publikum. Früher war das Restaurant für seine traditionelle spanische Küche bekannt. Seit der Wiedereröffnung sucht man auf der Speisekarte jedoch vergebens nach Callos a la madrileña (Innereien auf Madrider Art) und dem mehrgängigen deftigen Cocido-Eintopf. Stattdessen gibt es Nachos, Hummus und Pizza Margherita. Das günstigste Glas Wein kostet neun, eine Croqueta drei Euro. Nichts für klamme Kreative oder hungrige Toreros, die plötzlich ein veganes Curry mit Tofu und Gemüse auf ihrem Teller vorfinden. Immerhin hat das Gijón überlebt. Andere Traditionslokale und -geschäfte haben längst vor den explodierenden Mieten kapituliert. Begleitet von einer Kapelle, zog Ende März das Café Central um – es war eher ein Trauermarsch als ein Triumphzug. Nach mehr als 40 Jahren und 14.000 Konzerten musste der legendäre Jazzklub das Stammlokal an der Plaza del Ángel verlassen. In der buchstäblich letzten Minute erhielt er Asyl im privaten Kulturverein Ateneo. Madrid wirbt mit seiner Geschichte und seinem Kulturangebot um ein anspruchsvolles Publikum, für das Geld eine Nebenrolle spielt. Verglichen mit Mittelmeerstädten wie Barcelona, Málaga und Valencia ist Madrid ein Spätzünder. Aber nun wittern viele in der Hauptstadt das große Geschäft, vor allem mit „Turismo de alta gama“: Madrid bemüht sich um Luxusreisende, die bisher in London und Paris viel mehr Geld ausgeben. Vor einem Jahrzehnt öffnete das erste Fünfsternehotel an der Gran Via, heute sind es entlang der Prachtstraße fast ein Dutzend, in der ganzen Stadt inzwischen mehr als vierzig. Ein weiteres Luxushotel könnte im hundert Jahre alten Telefónica-Gebäude dazukommen. Das Telekommunikationsunternehmen will das erste Hochhaus in Madrid verkaufen – wie es zuvor schon die Banken mit ihren prächtigen Zentralen an der Gran Via getan haben. Neun neue Fünfsternehotels mit fast tausend zusätzlichen Betten werden in diesem Jahr öffnen. Zwischen Cibeles-Platz und Puerta del Sol sucht auch das erste Haus der Nobu-Hotelkette des Hollywoodstars Robert De Niro eine Immobilie. Insgesamt zwanzig neue Hotels sind in Madrid bis 2028 geplant. Weniger Gäste, die dafür mehr ausgeben Seit der Pandemie hat sich Madrid verändert. 2020 öffnete das erste Hotel der Kette Four Seasons in Spanien im Canalejas-Komplex. Früher beherbergte er mehrere Banken, heute sind es neben dem Hotel eine Einkaufsgalerie mit Geschäften von Cartier, Rolex und Hermès sowie die Penthousewohnungen, die zu den teuersten in der ganzen Stadt zählen. Das Four Seasons löste einen regelrechten Dominoeffekt aus. Markentreue Amerikaner reisen nur in Städte, in denen sie ihre vertraute Hotelkette vorfinden: Madrid und damit auch Spanien wurden zu einem neuen Ziel für diese ausgabefreudige Klientel, um die man sich im ganzen Land immer stärker bemüht. „Qualität muss vor Quantität kommen, damit wir eine Überfüllung vermeiden“, formuliert es der städtische Tourismusdirektor Héctor Coronel. Weniger Gäste, die dafür mehr ausgeben, lautet die neue Formel. Für sie wächst das Angebot der „Premium“-Erfahrungen: Privatbesuche außerhalb der Öffnungszeiten im Prado-Museum, ein Gourmet-Picknick im Garten des Escorial-Klosters oder eine private Schinkenverkostung mit dem „Cortador“ Florencio Sanchidrián, der schon für Barack Obama, Brad Pitt und den Papst geschnitten hat. Eine Million Amerikaner zählte Madrid im vergangenen Jahr. Das war die größte Gruppe unter den ausländischen Besuchern, noch vor Italienern, Franzosen und Briten, die in der Statistik auf sie folgten. Madrid wird zu einer globalen Metropole. Auf den Straßen im Zentrum ist immer häufiger amerikanisches Englisch zu hören. Nordamerikaner kommen auch, um länger zu bleiben. Nicht nur für Studenten und digitale Nomaden ist Madrid im Vergleich zu New York und Los Angeles günstig. Politische Gründe spielen ebenfalls eine Rolle. Eine Facebook-Gruppe trägt den bezeichnenden Namen „Trump regime refugees“. Dort tauschen sich Amerikaner aus, die sich nach der Wiederwahl des Präsidenten in der spanischen Hauptstadt niedergelassen haben. Vor allem sind es aber Lateinamerikaner, die die spanische Hauptstadt magisch anzieht: Neuerdings entdecken sie Argentinier, Brasilianer und immer mehr Mexikaner. Obwohl die nächsten Strände Hunderte Kilometer entfernt sind, ist für sie Madrid, noch vor Paris, London und Barcelona, zum beliebtesten Reiseziel in Europa geworden. Mexikaner öffnen Clubs und Restaurants nach dem Geschmack ihrer Landsleute. Die Wohlhabenden unter ihnen schicken ihre Kinder zum Studium an eine der Privatuniversitäten; sie sind vergleichsweise günstig, und Madrid ist viel sicherer als Mexiko-Stadt. Wenn die Eltern dann ihre Kinder besuchen, lassen sie sich oft in einer Privatklinik behandeln – und kaufen sich bei der Gelegenheit gleich eine Wohnung, wie Makler erzählen. Ein neues Miami in Europa Südamerikaner aus den früheren spanischen Kolonien sind dabei, die Stadt zu einem „neuen Miami“ zu machen, wie Madrid immer häufiger genannt wird. Früher lag ihr Fluchtort im ihrer Heimat geographisch viel näheren Florida. Doch unter Donald Trump fühlen sich immer mehr Latinos, bedrängt von der Ausländerpolizei ICE, in den USA nicht mehr willkommen. Sie nutzen die Türen, die Bürgern der früheren spanischen Kolonien in Spanien traditionell weit offenstehen. Gerade hat die siebte Massenlegalisierung in der Geschichte der spanischen Demokratie begonnen. Mehr als eine halbe Million Ausländer ohne Papiere werden dadurch einen dauerhaften Aufenthaltsstatus bekommen. Anfangs waren es hauptsächlich Venezolaner, die vor ihren Machthabern flohen. Die Wohlhabenden unter ihnen lassen sich im Barrio Salamanca unweit des Retiro-Parks nieder. Das Viertel trägt deshalb schon den Spitznamen „Klein-Caracas“. Gut 100.000 Venezolaner und jeweils mehr als 80.000 Menschen aus Ecuador, Peru und Kolumbien sind in der Stadt mit insgesamt 3,5 Millionen Einwohnern gemeldet. In Wirklichkeit sind es jedoch viel mehr. Insgesamt mehr als eine Million und damit jeder siebte Bürger der autonomen Region Madrid kommt aus Südamerika. Unter anderem erwecken sie die Markthallen zu neuem Leben, wenn sie die Stände von Spaniern übernehmen, die in den Ruhestand gehen. Auch das Heimweh zieht in Madrid Venezolaner in die Hallen des „Mercado de Maravillas“. An vielen Läden des „Marktes der Wunder“ im Stadtviertel Tetuán hängt die venezolanische Trikolore. Hier gibt es alles, was sie aus ihrer Heimat vermissen. Auf dem „Mercado de Mostenses“ hinter der Gran Vía fühlt man sich dagegen nach Peru versetzt. Südamerikanische Migranten befeuern in Spanien den Tourismus- und Bauboom. Sie investieren und packen tatkräftig mit an. Ohne sie würden Kellner, Pflegerinnen und Handwerker fehlen, die Hotels bauen und Luxuswohnungen renovieren. Geld spielt dabei entlang der „Goldenen Meile“ im Recoletos- und Salamanca-Viertel eine Nebenrolle. Dort kostet der Quadratmeter mittlerweile rund 11.000 Euro. Südamerikanische Käufer haben die Spanier im Barrio de Salamanca längst überholt. Im weniger exklusiven Viertel an der Puerta del Sol stammt mittlerweile mehr als die Hälfte der Einwohner aus anderen Teilen der Welt. Im Zentrum verdrängen solventere Neuankömmlinge und Urlauberunterkünfte immer mehr alteingesessene und junge Einwohner, unter ihnen viele Migranten. Sie ziehen an den Rand der Großstadt oder verlassen sie ganz, denn die Miet- und Immobilienpreise sind für Durchschnittsverdiener unbezahlbar geworden. Zu dieser Explosion trugen besonders die Ferienwohnungen auf Plattformen wie Airbnb und Booking bei, die sich im Madrid immer weiter in die Wohnviertel fressen. Nicht weit vom Bernabeu-Stadion entfernt, kämpfen Bewohner eines Hochhauses gerade vergeblich gegen 29 neue Ferienwohnungen. Sie sollen im zweiten Stockwerk in früheren Büros auf einer kompletten Etage entstehen. Verzweifelt wirken die Schilder in vielen Hauseingängen, die darauf hinweisen, dass in dem Gebäude keine Kurzzeitvermietung an Touristen erlaubt sei. Im vergangenen Jahr überprüfte das Verbraucherschutzministerium mehr als 16.000 entsprechende Annoncen in der Hauptstadt: Rund 15.200 davon fehlten die vorgeschriebenen Lizenzen. Jahrelang hatten die Behörden das Angebot kaum kontrolliert und zugelassen, dass es immer weiterwuchs. Im vergangenen Sommer trat eine Verordnung in Kraft, die verhindern soll, dass Touristen und Einwohner im selben Gebäude unterkommen. Im historischen Zentrum vergibt die Verwaltung künftig keine neuen Lizenzen mehr für Touristenwohnungen in Wohngebäuden. In anderen Stadtteilen ist es nur dann erlaubt, wenn diese über einen separaten Zugang verfügen. Zu einer Touristensteuer in den Hotels konnte sich die konservative Stadtregierung bisher nicht durchringen. Die Stadt will das überlaufene Zentrum entlasten Madrid will stärker regulieren, aber macht dabei keine Notbremsung wie Barcelona. In der Mittelmeerstadt dürfen im Zentrum schon seit Jahren keine neuen Hotels mehr gebaut werden. 2028 laufen zudem die Lizenzen für alle Ferienwohnungen aus und werden nicht mehr erneuert. Die Stadtverwaltung hofft darauf, dass dadurch rund 10.000 Wohnungen auf den regulären Wohnungsmarkt kommen. Mehr als 25.000 Menschen sollen wieder bezahlbaren Wohnraum erhalten. Doch die Touristen- und Investorenströme sind schwer zu bändigen. In Madrid versucht die Stadt, sie mit Millioneninvestitionen ans Südufer des Manzanares-Flusses umzulenken, um das überlaufene Zentrum zu entlasten. Dort liegt im Arbeiterviertel Usera „China Town“. Mittlerweile steigen dort jedoch die Immobilienpreise so stark wie nirgendwo. Es kaufen nicht nur Chinesen – mehr als 60.000 leben in der Region –, sondern auch andere Investoren, denen die Stadtmitte zu teuer geworden ist. Immer mehr Lateinamerikaner, die seit Jahren in Usera zur Miete wohnten, können nicht mehr mithalten und ziehen weg. „Eigentlich sollte ich mich über die vielen Ausländer freuen. Aber die Menschenmassen im Zentrum finde ich beklemmend“, klagt eine Spanischlehrerin, die in einer Sprachschule in Lavapiès unterrichtet – und das Jahr hat noch gar nicht richtig begonnen. Der Veranstaltungskalender ist voll, in Madrid wird es bald eng. Während des Papstbesuchs im Juni macht der aus Puerto Rico stammende Rapper Bad Bunny Leo XIV. Konkurrenz. Der Superstar hat das Atlético-Stadion gleich für zehn Konzerte reserviert. Im September tritt Shakira elfmal in Madrid auf – kurz nach der ersten Formel 1 in Madrid seit vier Jahrzehnten, für die gerade die letzten der insgesamt 110.000 Karten verkauft werden. In Madrid ist man stolz darauf, dass es gelang, dem Rivalen Barcelona den „Großen Preis von Spanien“ abzujagen. Als wäre Spitzenfußball mit gleich zwei Teams (Real Madrid und Atlético) nicht genug, wirbt Madrid mit einem eigenen Stadtkurs, der zum Teil noch gebaut wird. „Madring“ beginnt und endet an der Messe, die fünf Minuten vom Flughafen entfernt liegt. Man rechnet mit Einnahmen von bis zu einer halben Milliarde Euro. Die billigsten Restkarten fangen bei rund 700 Euro an. Die Ferienwohnungen in der Nähe sind schon ausgebucht, die Hotelzimmer werden knapp. „Wir hoffen darauf, dass die Formel 1-Fans Madrid entdecken und wiederkehren“, heißt es auf dem Büro des Tourismusdirektors. Im viel kleineren Barcelona mit jährlich rund 16 Millionen Gästen ist man froh, dass die Touristenzahlen seit drei Jahren nicht mehr steigen. In der Hauptstadt freut man sich, trotz anders lautender Beteuerungen, offenbar über das stetige Wachstum. Der Retiro-Park ist weitläufig, aber kommt mit 18 Millionen Besuchern im Jahr an seine Grenzen, besonders rund um den Estanque, den großen künstlichen See. Gärtner kämpfen darum, die Rasenflächen mit neuen Hecken vor den Menschenmassen zu schützen, es fehlt an öffentlichen Toiletten. ICOMOS, das Beratungsorgan der UN-Kulturorganisation UNESCO, ermahnte die Stadtverwaltung mit ungewöhnlich deutlichen Worten, ihren neuen Masterplan für den Park angesichts der Folgen des Massentourismus grundlegend zu überarbeiten. Sonst könnte dem Park und dem Prado-Boulevard der Entzug des Welterbestatus drohen, den die UNESCO erst vor fünf Jahren verliehen hatte, wie die Zeitung El País berichtet. Immer noch fehlt ein nachhaltiges Verkehrskonzept für die „Landschaft des Lichts“, an der der Verkehr achtspurig über den baumbestandenen Paseo am Prado vorbei in Richtung Cibeles-Platz und Café Gijón braust. Die Beliebtheit zu bremsen, wird in diesem Jahr nicht nur in Madrid schwierig. Ganz Spanien wird überrollt. Zum ersten Mal erwartet das Land mehr als 100 Millionen Touristen.