Zu den Gründungsmythen des modernen BVB zählt die Geschichte von Jürgen Klopps zerrissenen Jeans. Der heutige Startrainer fiel beim Hamburger SV durch, weil den dortigen Verantwortlichen so ein Raucher mit Löchern in der Hose zu unseriös erschien. Borussia Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke hatte mehr Mut und griff zu. So wurde der BVB zur Weltmarke und zwischenzeitlich von englischen Medien als „heißester Klub Europas“ gefeiert. Bis heute besteht der Wunsch, solch einen Aufbruch noch einmal hinzubekommen. Die neueste Verkörperung dieser Sehnsucht: Nils-Ole Book, der am Mittwoch seine Arbeit als neuer Sportdirektor im Revier beginnt. Book trägt zwar keine zerrissenen Jeans, hat aber mit der SV Elversberg genau wie damals Klopp in Mainz einen Verein aus der Bedeutungslosigkeit in ein hochspannendes Fußballprojekt verwandelt. Nun soll er dem träge gewordenen BVB zu neuer Innovationskraft verhelfen. Book soll eine alte Fähigkeit wiederbeleben Es gehe darum, „kreative und mutige Ideen auf dem Transfermarkt zu entwickeln“, sagte der für den Sport zuständige Geschäftsführer Lars Ricken, der gemeinsam mit dem neuen Klubchef Carsten Cramer die treibende Kraft hinter dem Coup mit Book war. Mut und Kreativität fehlten dem BVB nämlich in der jüngeren Vergangenheit. Der Betrieb schien zuvorderst von dem Bestreben bestimmt, den eigenen Status als Champions-League-Teilnehmer abzusichern, anstatt zu einem ernstzunehmenden Herausforderer des FC Bayern zu werden. Neidvoll nahmen die Dortmunder deshalb zur Kenntnis, wie Bayer Leverkusen 2023 mit weniger Geld und vielen guten Ideen eine Mannschaft zusammenstellte, die ungeschlagen Deutscher Meister und Pokalsieger wurde. Oder dass Spieler, die innerhalb kurzer Zeit ihren Wert vervielfachten und für hohe zweistellige Millionenbeträge weiterverkauft wurden, zuletzt vor allen Dingen Eintracht Frankfurt entdeckt hat. Mit Book soll nun im Revier eine neue Zeit der Kaderinnovationen beginnen. Denn genau dafür hat er sich bei der mit bescheidenen finanziellen Mitteln ausgestatteten SV Elversberg einen Namen gemacht. Der am Sonntag freigestellte Sebastian Kehl hatte beim BVB dagegen immer wieder ordentliche Teams zusammengestellt, die meisten seiner Transfers aber waren sehr konventionell. Der alte Sportdirektor nahm vorzugsweise Spieler unter Vertrag, die schon in der Bundesliga oder in der deutschen Nationalmannschaft aufgefallen waren: Schlotterbeck, Anton, Guirassy, Nmecha, Ryerson, Bensebaini, Haller, Groß, Adeyemi. Auch Jobe Bellingham, die Nationalspieler Yan Couto (Brasilien) und Fabio Silva (Portugal) oder Carney Chukwuemeka vom FC Chelsea sind keine Entdeckungen, die auf ein besonders gutes Auge für Großtalente hinweisen. Book soll also eine alte Fähigkeit wiederbeleben, die in der großen Zeit mit Trainer Jürgen Klopp, mit dem Sportdirektor Michael Zorc und dem Chefscout Sven Mislintat zum Erfolgsfaktor geworden war: ein feines Gespür für künftige Weltklassefußballer. Spieler wie Shinji Kagawa, der aus Japan nach Dortmund gewechselt war, Robert Lewandowski aus Polen, Ousmane Dembélé vom französischen Verein Stade Rennes, Erling Haaland aus Salzburg, Jude Bellingham aus der zweiten Liga in England oder Henrikh Mkhitaryan aus der Ukraine. Ein vom Fußball Besessener Die Frage, die nun alle stellen, ist, ob Book, der in Elversberg so viele gute Elversberg-Spieler fand, auch in Dortmund so viele gute Dortmund-Spieler finden kann. Denn die Welt, aus der er kommt, und die Welt, in die er kommt, könnten weiter kaum auseinander liegen. Die Geschäftsstelle der SV Elversberg etwa ist in einem normalen Bürogebäude in der saarländischen Kleinstadt St. Ingbert untergebracht, gemeinsam mit einer Marketingagentur, einem Architektenbüro, einer Gastroenterologie-Praxis und einem Versicherungsmakler. Books Büro war im fünften Stock, er teilte es sich mit zwei Mitarbeitern des Klubs. Kein Vorzimmer, kein Empfangstresen, nicht mal ein Türschild im Treppenhaus gab es. Doch die Ruhe und Reduziertheit dieses Umfelds war für Book lange ein Segen. Das mit dem „akribischen Arbeiter“ ist zwar eine der abgenutztesten Fußballfloskeln, die immer dann bemüht wird, wenn irgendwo mal wieder ein neuer Trainer oder Sportchef vorgestellt wird. Im Falle von Dortmunds neuem Sportdirektor wird aber klar, was damit gemeint ist. Book ist ein Workaholic. Ein vom Fußball Besessener. Ein Frühaufsteher, wie er selbst sagt. Bei Elversberg fuhr er meist um sechs Uhr morgens ins Büro und vor acht Uhr abends selten nach Hause. Dort guckte er dann – zur Entspannung auf der Couch – oft noch ein bisschen Fußball. Dass so einer mit seinen Spielertransfers derart häufig richtig lag, dass er Younes Ebnoutalib in der sechsten Liga, Nick Woltemade bei Bremens zweiter Mannschaft oder Fisnik Asllani in Hoffenheim entdeckte, ist deshalb wohl nicht nur mit einem guten Riecher zu erklären. In Dortmund, so hört man, waren sie nach den ersten Gesprächen beeindruckt vom weit verzweigten Netzwerk Books. Vor allem aber sind sie überzeugt, dass die Verbindungen in diesem Netzwerk auch auf Champions-League-Niveau tragfähig sind. Weil Books Verzweigungen in die Fußballwelt organisch gewachsen sind. „Obwohl er noch jung ist, besitzt er bereits sehr viel Erfahrung in der Branche“, sagte Geschäftsführer Cramer am Montag. Book, im westfälischen Beckum geboren und als Kind bereits BVB-Fan, hatte es als Spieler auf immerhin fast 100 Zweitligaspiele gebracht. Mit LR Ahlen spielte er mal eine furiose Saison. Auf dem rechten Flügel wirbelte ein stürmisches Talent namens Marco Reus, auf dem linken ein stürmisches Talent namens Kevin Großkreutz, dazwischen lenkte Book, der Spielmacher. Nach dem Karriereende beim SV Wehen-Wiesbaden hatte Book mit seiner Familie ein Haus im Münsterland gekauft, war zurück in die Heimat gezogen. Er hatte Psychologie studiert, hatte für sich selbst geprüft, ob er auch ein Leben ohne Fußball leben könnte. Doch dann nahm er seinen ersten Job als Scout bei der SV Elversberg an und stürzte sich mit großer Leidenschaft in die Arbeit. „Ich habe mich da reingeschmissen“ „Ich habe nicht viel Geld dafür gekriegt, aber ein Auto mit Tankkarte und konnte den ganzen Tag rumfahren und Fußballspiele anschauen“, sagte er der F.A.Z. Ende Oktober. „Ich habe mich da reingeschmissen, ohne genau zu wissen, in welche Richtung das geht.“ Die Richtung war nach oben. Für den Klub, der aus der Regionalliga zweimal aufstieg und nun schon zum zweiten Mal energisch ans Tor der Bundesliga klopft, wie auch für Book, der zunächst zum Sportdirektor und wenig später zum Sportvorstand befördert wurde. Und weil die Geschichte vom Dorfverein, der zum Kandidaten für die Bundesliga wurde, eine dieser Geschichten ist, die im Fußball so gerne erzählt werden, wurde auch Book selbst zum Kandidaten für die Bundesliga. Schon im vergangenen Herbst, als Borussia Mönchengladbach einen neuen Sportdirektor suchte, stand Book kurz vor dem Aufstieg. Eine Verpflichtung scheiterte nach F.A.Z.-Informationen, weil der wenig später freigestellte Gladbacher Sportchef Roland Virkus sie verschleppte, womöglich auch, weil er eigene Kompetenzen bedroht sah. Für Book könnte dieser Vorgang ein erster Vorgeschmack darauf gewesen sein, wie sich eine Etage höher das Klima ändern kann. Darauf dass die Luft für die Verantwortlichen bei einem Klub wie dem BVB nicht nur dünner sondern auch stürmischer werden dürfte. Nach Kehls Abgang braucht der BVB auch eine neue Stimme, die in schwierigen Momenten nach außen kommuniziert. Der Book aus Elversberg war eloquent, aber kein Lautsprecher, sympathisch, aber verbindlich. Angesprochen aufs Feilschen und Handeln bei Spielertransfers, sagte er der F.A.Z. einst: „Handeln ist ein Begriff, der mich nicht super glücklich macht.“ Er bemühe sich, „ganz transparent Lösungen zu finden, mit denen alle Parteien glücklich sind“. Wie harmonisch es aber noch zugeht, wenn er sich mit anderen Großklubs um die begehrtesten Talente des Planeten balgen muss, wird er wohl erst in ein paar Monaten beantworten können. Interessant ist deshalb auch die Frage, wie sich diese in der saarländischen Provinz weit weg vom mit Geld und High-Tech aufgerüsteten Champions-League-Fußball entwickelte Arbeitsweise in den BVB-Kosmos einfügt. Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke, Sebastian Kehl, Sven Mislintat – alle Transferentscheider der jüngeren Vergangenheit sind beim BVB sozialisiert worden. Book ist der erste seit langem, der von außen kommt. Das ist einerseits erwünscht, aber das Gefüge der Dortmunder Klubführung ist sensibel und von einer konfliktreichen Vergangenheit geprägt. An der Überwindung dieses Zustands, in dem die Angehörigen der Sportlichen Leitung von Neid und Missgunst erfüllte Konkurrenten im Ringen um die beste Idee waren, werden alle Beteiligten mitwirken müssen. Immerhin hat sich Ricken mit dem Book-Coup vorerst etwas befreit. Die Gefahr, dass sich auch Book mittelfristig in diesem von Machtinteressen geprägten Umfeld aufreibt, ist aber von Anfang an erkennbar. Zumal der Plan, mutige Transfers und den Kauf junger Großtalente mit dem auf Stabilität und Fehlerminimierung ausgerichteten Fußball des Trainers Niko Kovač zu verbinden, gewagt erscheint. Denn Wagnisse auf dem Transfermarkt können sich nur dann auszahlen, wenn ein Coach auch couragiert genug ist, unfertige Talente aufzustellen und ihre Fehler zu akzeptieren. Allein wird Book den Aufbruch in dieses neue BVB-Zeitalter also wohl kaum hinbekommen.
