FAZ 05.10.2026
14:10 Uhr

Neuer Direktor: Die Buchmesse sucht ein neues, jüngeres Publikum


Auf der Frankfurter Buchmesse wird diesmal alles neu, vor allem der Hallenplan, auch um den New-Adult-Lesern entgegenzukommen. Vom Resultat wird einer auf jeden Fall profitieren: der neue Messedirektor.

Neuer Direktor: Die Buchmesse sucht ein neues, jüngeres Publikum

An diesem Dienstag beginnt die Frankfurter Buchmesse, und der größte Buchbranchentreff der Welt ist im Umbruch wie lange nicht mehr – personell und organisatorisch. Nach 21 Jahren gibt Juergen Boos die Messeleitung ab, und sosehr man sich 2005 bei seinem Antritt gefreut hatte, weil die Buchmesse nach der nur dreijährigen Amtszeit seines Vorgängers Volker Neumann, der mit einer Abwanderung der Veranstaltung nach München gedroht hatte (wo Neumann ganz zufällig wohnte), wieder in Tritt kam, so sehr hat man sich zuletzt darüber ärgern müssen, dass Boos jedem weltpolitischen Thema hinterherlief und aus der Geschäfts- eine Gesprächs-, bisweilen auch Geschwätzveranstaltung machte. Ihm folgt Joachim Kaufmann, ein geborener Verleger, ganz buchstäblich: Seine Familie betreibt seit 1816 den Kaufmann Verlag. Zuletzt arbeitete er als Geschäftsführer bei Carlsen, dem führenden deutschen Jugendbuch- und Comicverlag. Von ihm erhofft sich die Messe ein neues, jüngeres Publikum, aber Kaufmann hat seit der im Januar erfolgten Bekanntgabe seiner Bestallung öffentlich nichts zu seinen Vorstellungen gesagt. Über die aktuelle Messe entscheide ja noch Boos. Allerdings wurde vor zwei Monaten verkündet, dass Frankfurt in diesem Jahr seinen angeblichen Comic-Schwerpunkt stärken wolle. Den hatte Boos 2014 beendet, als er das etablierte Comic-Zentrum der Buchmesse strich. Über diese Messe entscheidet erkennbar schon jetzt nicht mehr Boos. Was sich diesmal wirklich ändert Dass Kaufmann damit auf die Konkurrenz nach Leipzig schielt, ist offensichtlich. Das tat Boos ebenfalls, denn wenn Frankfurt auch die viel wichtigere Geschäftsmesse ist, bietet Leipzig mehr fürs breite Publikum. Und das ist in Zeiten, in denen die frühere Gelddruckmaschine Buchmesse um öffentliche Förderung buhlen muss, wichtig. Leipzig punktete immer schon mit Lesungen auch abseits des Messegeländes und dem bunten Rummel der Manga Comic Convention, die mehr als ein Drittel der dortigen Messebesucher anzieht. Bei den Lesungen hat Frankfurt längst einiges getan, jetzt geht man auch bei den Comics auf Aufholjagd. Kaufmann kennt sich da aus. Aber noch viel wichtiger wird sein, ob das neue Hallenschema in Frankfurt angenommen wird. Dafür ist nun wirklich Boos verantwortlich, und nach jahrelanger Ankündigung und dem Umbau alter Messeflächen ist es nun tatsächlich so weit. Mit Halle 5 soll ein Areal zum neuen literarischen Mittelpunkt der Messe werden, das bisher fremdsprachigen Verlagen vorbehalten war und auf der anderen Seite der weitläufigen Agora des Messegeländes der Halle 3 gegenüberliegt, in denen bislang die zugkräftigen deutschsprachigen Verlage residierten. Dort herrschte in den vergangenen Jahren regelmäßig Chaos, wenn am Wochenende der Fachbesuch durchs allgemeine Publikum abgelöst wurde und sich auf den Rolltreppen zwischen den verschiedenen Ebenen die Besucherströme stauten. Frustration für alle Beteiligten war garantiert. Die vor zwei Jahren erfolgte Einbeziehung der Halle 1, in der die besonders attraktiven New-Adult-Verlage konzentriert wurden, trug wenig zur Entspannung bei. An den beiden Fachbesuchertagen herrschte dort gähnende Leere, an den drei offenen permanente Überfüllung. Eine Branche beharrt auf ihren Messeprivilegien Deshalb werden die New-Adult-Verlage jetzt über die Hallen 3, 4 und 5 gestreut, und zwar jeweils in den Erdgeschossen, um die große Masse der Besucher gar nicht erst auf Treppen kommen zu lassen. Nur, wer von den Ausstellern will dann noch in die oberen Ebenen, wo mit Zufallspublikum nicht mehr zu rechnen ist? Laut Messe werden sich dort aber weiterhin Fachbesucher tummeln, die ja auch an den offenen Tagen kämen. Aber wer von denen verbringt die ganze Messezeit in Frankfurt? Konsequent wäre gewesen, endlich die unselige Trennung von Fach- und Privatbesuchertagen aufzuheben, zumal es bei Letzteren jüngst mehr Nachfrage gab, als Eintrittskarten zur Verfügung standen. Aber da ist der Messe-Ausrichter vor, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dessen Mitglieder an den für ihre Branche reservierten Fachbesuchertagen hängen. Nur sollten sie sich überlegen, dass in Zeiten sinkender Leserzahlen jedes Buch-Ereignis gut ist. Und je mehr Menschen dabei sein können, desto besser. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die neue Hallenplanung bewährt. Einige Verlage lehnten die ihnen neu zugewiesenen Standorte rundweg ab und erkämpften günstiger gelegene oder gar die alten. Andere sind neugierig auf die modernisierte Halle 5 und ziehen optimistisch um. Wobei sich die Messe durchaus Mühe gab, um auch an neuen Plätzen gute Nachbarschaften zu bewahren. So sind etwa die meisten unabhängigen Belletristikverlage weiterhin in Halle 3 versammelt, nur eine Ebene tiefer als bisher. Konzernverlage werden vorwiegend in Halle 5 zu finden sein. Und eben überall parterre die Zugpferde des New-Adult-Segments. Das ist alles noch das Erbe von Juergen Boos, und es wird Joachim Kaufmann nur recht sein, dass er erst nach Messeschluss am kommenden Sonntag die Leitung übernimmt. Entweder hat dann das neue Konzept überzeugt, und er fährt die Ernte ein. Oder es ist gescheitert, und er kann sich durch Änderungen daran Sympathien erwerben.