FAZ 28.09.2026
14:09 Uhr

Neue Sprachmarotte: Xavier Naidoo hat damit angefangen


Warum heißt es nicht mehr: „Der Weg ist weit“? Sondern: „Der Weg ist ein weiter“? Über eine Sprachmarotte, die wahrscheinlich auf einen Sohn Mannheims zurückgeht.

Neue Sprachmarotte: Xavier Naidoo hat damit angefangen

Die Grenze zwischen sachlicher und literarischer Sprache ist eine schwer zu ziehende. Denn, wie jeder weiß, das Gebilde der Sprache ist ein komplexes, die Herausforderung, sie richtig zur Anwendung zu bringen, ja sie überhaupt zu verstehen, eine gewaltige, der Weg zu ihrer Beherrschung mithin ein schwerer, ein langer wohl auch, auf jeden Fall ein absolut steiniger. Die Gefahr, dabei Rückschläge zu erleiden, ist eine entsprechend große. Ähnlich ist es beim deutschen Fußball, auch wenn der neue Bundestrainer, nach allem, was man hört, ein großer, ein sehr fähiger ist. Von Anfang an wurde Jürgen Klopp in Aussicht gestellt, dass der Weg der Nationalmannschaft hin zu altem Ruhm und Glanz nicht etwa schwer und weit ist, sondern „ein schwerer“ und „ein weiter“. Ein schwerer und ein weiter was? Na, ein schwerer und ein weiter Weg, was denn sonst?! Und weiter? Das ist so ärgerlich wie unnötig Es ist so ärgerlich wie unnötig, dass diese Marotte, die wir eben versucht haben, durch Nachäffen der Lächerlichkeit preiszugeben, sich im Journalismus so breitgemacht hat, in einem Berufsfeld also, das sich eher einer neutral-nüchternen Ausdrucksweise befleißigen und nur in Ausnahmefällen seine Zuflucht bei einer lyrisch-literarischen, pathetischen suchen sollte, wenngleich, wir sagten es oben schon in etwas anderen Worten, die Grenze dazwischen schwer zu ziehen ist. Leute, die etwas von der Sache verstehen, sprechen hier von einer elliptischen Verwendung; denn genau genommen müsste man in dem Satz „Der Weg ist ein weiter“ sicherheitshalber, damit keine Verwirrung aufkommt, noch dazusagen: „Weg“, also „Der Weg ist ein weiter Weg.“ Das tut nun niemand, der bei Sinnen ist. Aber nachdem sich selbst in der Tagesberichterstattung immer mehr Drama-Queens breitmachen, die jeden noch so geringfügigen Vorgang irgendwie noch aufladen müssen, haben wir den Salat. So ist denn in Gottes Namen der Weg, den der Bundestrainer noch vor sich hat, auch nach der doch etwas peinlichen Heimspielniederlage „ein weiter“. Und man sieht Klopp dabei vor dem inneren Auge, sich mit letzter Kraft einen jakobswegähnlichen Pfad entlangschleppend, eine Art durstiger Mann wie von Spitzweg gemalt. Als gesichert gilt inzwischen, dass Xavier Naidoo damit angefangen hat, einer der wenigen Männer im noch halbwegs spielfähigen Alter, die nicht vom Bundestrainer nominiert wurden. Als hätte er von ganz langer Hand geahnt, was auf Klopp noch zukommen würde, hat er schon 2005 das Lied „Dieser Weg“ gesungen: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.“ Einen Tick poetischer wäre es natürlich noch gewesen, hätte er gesungen: „… dieser Weg wird ein steiniger und ein schwerer“, aber das war wohl aus rhythmischen Gründen schwer unterzubringen. Jedoch: Dieser Sohn Mannheims ist Sänger, mithin Künstler, da kann das schon mal vorkommen. Und der Bundestrainer? Sprach, wie es sich gehört: „Das Ergebnis ist nicht cool.“ Also nicht: „… ist kein cooles“ oder, noch umständlicher: „… ist nicht ein cooles“. Eine solche Ausdrucksweise wäre ja vollends affig oder sagen wir schlechter: eine affige.