Die Fußballerinnen des FC Bayern hatten es nicht mehr in der eigenen Hand. Nach dem 3:0-Sieg gegen Vålerenga IF standen sie um ein Handy herum, um die letzten Minuten des Spiels zwischen Twente Enschede und Real Madrid zu verfolgen. Vor dem letzten Spieltag in der Ligaphase hatten sie nur den sechsten Platz belegt. Um sich noch direkt für das Viertelfinale der Champions League zu qualifizieren, waren sie auf Schützenhilfe von den anderen Plätzen angewiesen. Und Real Madrid kam dann tatsächlich nicht über ein Unentschieden hinaus, sodass sich die Bayern-Frauen eine zusätzliche Play-off-Runde ersparen konnten. Bei den Bayern-Frauen hat in den vergangenen Jahren eine stille Verschiebung dessen stattgefunden, was als eine gute Saison gilt. Erfolg wird vor allem daran gemessen, wie die Mannschaft im europäischen Wettbewerb abschneidet. Früher hat man sich auf nationaler Ebene noch mit dem VfL Wolfsburg duelliert, aber inzwischen ist der FC Bayern auch in der Frauen-Bundesliga der Konkurrenz enteilt. Die Ziele haben sich längst verlagert: Man will nicht mehr nur in Deutschland der Maßstab sein, sondern auch in Europa zur Spitze gehören. Die Bayern-Frauen wollen wieder in der Lage sein, um den Titel mitspielen zu können. Seit dem Debakel von Barcelona steigt Bayerns Form Doch diese Prüfung ist in letzter Zeit immer wieder ähnlich ausgefallen: Zweimal – in den Spielzeiten 2018/19 und 2020/21 – standen sie im Halbfinale, aber darüber hinaus kamen sie nicht. Und oft mussten sie sich eingestehen: Es reicht noch nicht, um zu den Klubs aufzuschließen, die den europäischen Frauenfußball prägen. Das 1:7 beim FC Barcelona am ersten Spieltag zerstörte Illusionen: dass es mit einer guten Spielanlage und einer sauberen Organisation möglich ist, in dieselbe Klasse vorzurücken. Umso bemerkenswerter ist, wie die Bayern-Frauen mit diesem Rückschlag umgegangen sind. Seitdem ist in der Champions League ein klarer Formanstieg ersichtlich. Es folgten Siege gegen Juventus Turin, den FC Arsenal und Paris Saint-Germain. Nur bei Atlético Madrid mussten sie sich mit einem Unentschieden begnügen. „Das ist sehr viel wert, wenn man überlegt, wie wir angefangen haben, mit dem 1:7 gegen Barcelona, als man uns komplett abgeschrieben hat“, sagt die Direktorin der Frauenfußball-Abteilung, Bianca Rech. Die Spiele gegen Manchester United an diesem (21 Uhr bei Disney+) und am nächsten Mittwoch sind insofern eine passende Standortbestimmung. In der englischen Women’s Super League steht man hinter Stadtrivale Manchester City auf dem zweiten Platz. In den beiden Duellen können die Bayern-Frauen zeigen, wie stark sie in dieser Saison tatsächlich sind – und ob sie auch auf europäischer Ebene bereit sind, den nächsten Schritt zu gehen. Kapitänin Viggosdottir: „Das nächste große Ziel ist das Halbfinale“ „Wir haben dieses Jahr klargemacht, dass wir weiterkommen wollen als in den vergangenen Jahren“, sagt Kapitänin Glodis Viggosdottir. „Das nächste große Ziel ist das Halbfinale.“ Gleichzeitig mahnte Linda Dallmann schon nach dem letzten Spieltag, nicht alles schönzureden: „Gerade gegen Atlético und Barcelona hat man gesehen, wie schnell es in der Champions League in eine andere Richtung gehen kann.“ Solche Spiele, betonte sie, dürfe man sich in der K.-o.-Runde nicht mehr erlauben. Das mag wie ein Widerspruch klingen, zeugt aber von Reife: zu wissen, was man will – und sich bewusst zu sein, wie schnell es einem entgleiten kann. Die Bayern-Frauen haben den Anspruch entwickelt, sich nicht mehr nur gegen die besten Mannschaften Europas zu behaupten, sondern sich durchzusetzen. Rech formuliert das neue Selbstverständnis so offen, dass man es kaum missverstehen kann: „Wir sind selbstbewusst genug, um zu sagen, dass wir jeden schlagen können.“ Beim 3:2-Sieg gegen die Titelverteidigerinnen vom FC Arsenal hat das immerhin schon einmal funktioniert in dieser Saison. Seit Anfang Oktober sind die Bayern-Frauen in allen Wettbewerben – der Bundesliga, dem DFB-Pokal und der Champions League – ungeschlagen. Da ist es für sie nur die logische Folge ihrer Entwicklung, sich neue Ziele zu suchen. Aber wer in Europa Titelambitionen formuliert, wird eben auch an der Fähigkeit gemessen, diese Ambition ebenso in Spielen zu verkörpern, die nicht nach Plan verlaufen. Die Bayern-Frauen sind inzwischen so groß, dass sie im Inland nur an sich selbst scheitern können – aber eben auch so groß, dass ihnen der nationale Maßstab nicht mehr genügt. Und genau dies ist seit Jahren ihre empfindliche Stelle: Man war schon oft nah dran, aber ein bisschen fehlte immer, um den Abstand zu den anderen Klubs zu schließen. Die Bayern-Frauen betonen, aus den vergangenen Jahren gelernt zu haben – aber haben sie daraus auch genug gelernt, um es mit dem FC Barcelona, Olympique Lyon oder den englischen Klubs aufzunehmen?
