Noch nie gab es in Deutschland so viele Einhörner. Darunter verstehen Investoren Start-ups, die sie mit mindestens einer Milliarde Dollar bewerten. 39 solcher Unternehmen gibt es aktuell in Deutschland, allein in diesem Jahr kamen bislang zehn neue hinzu – darunter das Robotikunternehmen Neura, das Energie-Start-up Proxima Fusion oder der Softwareanbieter Osapiens. Mehr neue Einhörner in einem Jahr gab es bisher nur im Coronajahr 2021, das in der Branche als Ausreißer gilt. Das geht aus dem am Montag vorgestellten diesjährigen Deutschen Start-up Monitor hervor, für den der deutsche Start-up-Verband mehr als 1800 Start-up-Gründer befragt hat. Auch die Investitionen in Start-ups lagen mit acht Milliarden Euro bis September 2026 schon höher als im gesamten vergangenen Jahr, als deutsche Start-ups von Investoren 7,5 Milliarden Euro erhielten. Der Anstieg geht vor allem auf einige sehr große Finanzierungsrunden zurück. So erhielt das junge Münchener Rüstungsunternehmen Helsing 1,4 Milliarden Euro, sein Konkurrent Quantum Systems eine Milliarde Euro und Neura Robotics 1,24 Milliarden Euro. Die Gesamtzahl der Finanzierungsrunden lag hingegen rund ein Viertel unter dem Niveau von 2021. Wieder Probleme in der Frühphase? Das liegt vor allem an einem Rückgang der sehr frühen oder sogar ersten Finanzierungsrunden. Viele sogenannte Business Angels, also vermögende Einzelpersonen, oft ehemalige Gründer, investieren aktuell zurückhaltend, auch weil ihr Kapital noch in alten Investments gebunden ist. Weil deutsche Start-ups immer noch nur schleppend an die Börse gehen oder verkauft werden, fehlen dem Finanzierungsökosystem Rückläufe. Gleichzeitig steigen die Gründungszahlen deutlich an, sodass der Wettbewerb um Kapital steigt. Dabei galt die Frühphasenfinanzierung deutscher Start-ups lange als unproblematisch. Lücken gab es eher in späteren Finanzierungsrunden, wenn größere Summen zur Expansion benötigt werden. Darauf zielt auch die Start-up-Strategie der Bundesregierung. Erste Branchenvertreter warnen jetzt im Hintergrund aber wieder vor Problemen in der Pipeline. Hinzu kommen alte Probleme. Weil heimische Investoren Milliardenrunden nicht stemmen können, sind Unternehmen auf amerikanische Fonds angewiesen. Deren Anteil am Investitionsvolumen stieg in diesem Jahr auf 39 Prozent; er war nie höher. Der Anteil deutscher und europäischer Investoren ist auf 23 und 28 Prozent gesunken. Damit wandere auch die Wertschöpfung im Falle eines Börsengangs oder Unternehmensverkaufs zu großen Teilen in die USA ab, warnen die Autoren des Start-up-Verbands. Zumal gut 62 Prozent der deutschen Start-ups, die einen Börsengang planen, für diesen Schritt die USA bevorzugen. Nur noch 31 Prozent der Gründer halten Deutschland für attraktiver als die USA, nach 40 Prozent im Vorjahr. Gleichwohl bleibt ein Wegzug für 61 Prozent kein Thema, aber 24 Prozent halten sich diese Option zumindest offen. Weniger positiv ist die Entwicklung von Kooperationen mit der etablierten Wirtschaft, die eigentlich als großer Standortvorteil für deutsche Gründer und Chance für die deutsche Wirtschaft allgemein gesehen wird. Im Austausch mit Mittelständlern können Gründer ihre Produkte und Dienstleistungen an die Bedürfnisse der Industrie anpassen und erste Umsätze generieren. Mittelständler haben im Gegenzug Zugriff auf die neueste Technik und Ideen. Doch der Austausch zwischen diesen zwei sehr unterschiedlichen Welten stockt. Im Jahr 2020 hatten 72 Prozent der Start-ups Partnerschaften mit etablierten Unternehmen. Der Anteil sank zuletzt kontinuierlich. In diesem Jahr lag er nur noch bei 54 Prozent.
