Wer mit den sogenannten Abnehmspritzen Gewicht verlieren möchte, der hat bislang von Ärzten oft gehört, man dürfe nicht allzu viel erwarten. In Studien haben die Menschen etwa mit Wegovy durchschnittlich elf Prozent ihres Körpergewichts verloren, nach einigen Monaten erreichten sie ein Plateau. Anders ausgedrückt: Wer Kleidergröße XXL trägt, wird auch mit einer wöchentlichen Spritze nicht auf Größe M wechseln. Nun hat das Pharmaunternehmen Eli Lilly erste Ergebnisse einer großen Phase-3-Studie zu einem neuen Medikament vorgelegt, das eine erstaunliche Wirkung hat: Retatrutid wirkt demnach stärker als alle anderen Wirkstoffe aus der Gruppe der Inkretin-Mimetika. Teilnehmer, die 80 Wochen lang die höchste Dosis erhielten, verloren im Durchschnitt 28,3 Prozent ihres Körpergewichts. Knapp die Hälfte der Probanden erreichte mit dieser Dosis sogar einen Gewichtsverlust von über 30 Prozent. Bislang konnte ein solcher Gewichtsverlust nicht mit Medikamenten erzielt werden, sondern vor allem durch bariatrische Operationen, zumeist sogenannte Magenverkleinerungen. Noch gibt es keine Studie, die von unabhängigen Experten überprüft wurde. Der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly hat lediglich eine Pressemitteilung vorgelegt. An der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 haben 2339 Erwachsene mit Adipositas teilgenommen. Sie erhielten eine von drei Wirkstoffdosen, von 4,9 bis 12 Milligramm, oder ein Placebo. Besonders gut wirkt das Medikament bei einem BMI über 35 Je stärker die Dosis, desto größer der Gewichtsverlust. Mit der niedrigsten Dosis erzielten die Probanden einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 19 Prozent. Mit der höchsten kamen sie im Schnitt nach 80 Wochen auf 28,3 Prozent. Das entsprach beim durchschnittlichen Studienteilnehmer rund 32 Kilogramm. Wer einen BMI von mehr als 35 aufwies, hatte nach 104 Wochen im Schnitt sogar 30 Prozent des Gewichts verloren. Nun wirken die sogenannten Abnehmspritzen grundsätzlich nicht bei allen Menschen gleich gut. Es gibt Non-Responder, die kaum oder gar kein Gewicht verlieren. In manchen Untersuchungen sind das bis zu zehn Prozent der Teilnehmer. Andere hingegen nehmen extrem viel ab. Warum genau, ist unklar. Wie sehr man abnimmt, hängt auch vom Lebensstil ab, ob man etwa seine Ernährung umstellt oder zusätzlich Sport treibt. Aber auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Mit Retatrutid haben laut Eli Lilly 45,3 Prozent der Teilnehmer mehr als 30 Prozent Gewicht verloren. Nahezu jeder Dritte sogar mehr als 35 Prozent, wenn sie sich die Höchstdosis von zwölf Milligramm spritzten. Die Abnehmspritzen imitieren die Wirkung von Hormonen, der sogenannten Inkretine. Diese werden im Verdauungstrakt gebildet und regulieren neben dem Blutzucker auch das Gefühl von Hunger und Sättigung. Sie verlangsamen zum Beispiel den Magen und sorgen dafür, dass Nahrung langsamer durch den Verdauungstrakt wandert. Auch erzeugen sie im Gehirn ein künstliches Sättigungsgefühl. Die Rezeptoren für die Botenstoffe sitzen an vielen Stellen im Körper, sodass immer neue Effekte der Arzneien gefunden werden. Retatrutid unterscheidet sich von den bereits zugelassenen Abnehmspritzen Mounjaro und Wegovy. Wegovy war das erste Präparat auf dem Markt und enthält den Wirkstoff Semaglutid. Dieser ahmt das Peptidhormon Glucagon-like Peptide-1 nach. Im Medikament Mounjaro, das ebenfalls von Eli Lilly entwickelt wurde, wird dazu noch ein zweiter Botenstoff imitiert. Der Wirkstoff dockt zusätzlich an den GIP-Rezeptor an, also dem des glukoseabhängigen insulinotropen Peptids. Retatrutid ist nun ein Tripel-Agonist: Neben GLP-1 und GIP wirkt es noch über Glucagon. Dieses Hormon gehört nicht zu den Inkretinen und wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Es ist der Gegenspieler von Insulin und dämpft nicht nur den Appetit, sondern wirkt vor allem in der Leber, die vermehrt Glucose ausschüttet. Glucagon erhöht die Fettverbrennung, die Lipolyse. Neben dem Gewichtsverlust verbesserten sich in der aktuellen Phase-3-Studie auch andere Faktoren, die positiv für die Herzgesundheit sind, etwa die Triglyzeridwerte, der systolische Blutdruck sowie ein Entzündungsmarker. Rätselhafte Hautempfindungen Retatrutid hat ähnliche Nebenwirkungen wie die bisher zugelassenen GLP-1-Analoga. Die Präparate führen bei einem Großteil der Menschen zu Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Von der Höchstdosis wurde rund 42 Prozent der Menschen schlecht, jeder Vierte musste sich übergeben oder hatte Verstopfung. Fast neun Prozent entwickelten Harnwegsinfekte. Es trat zudem ein Phänomen auf, das bei den anderen Wirkstoffen bisher weniger stark auffiel: Etwa elf Prozent der Teilnehmer berichteten bei einer starken Dosis über merkwürdige Hautempfindungen, was als Dysästhesien bezeichnet wird. Dabei kribbelt die Haut, spannt oder schmerzt. Manche beschreiben, dass das Gefühl einem Sonnenbrand ähnele. Was dahintersteckt, ist noch unklar. Doch die Rezeptoren für die Peptidhormone befinden sich auch in der Haut. Die meisten Betroffenen setzten das Medikament in der Studie dennoch nicht ab. Die Abbruchraten aufgrund von Nebenwirkungen lagen bei 4,1 Prozent bei einer niedrigen Dosis von vier Milligramm und 11,3 Prozent bei der Höchstdosis von zwölf Milligramm. In der Placebogruppe brachen rund fünf Prozent die Therapie ab. „Diese Ergebnisse sind sehr ermutigend“, sagt Wissenschaftlerin Marie Spreckley, die an der Universität Cambridge zu Adipositas und Diabetes forscht, gegenüber dem britischen Science Media Center. Sie war nicht an der Studie beteiligt. Die Daten würden sich mit dem decken, was in vorherigen Studien berichtet wurde. „Falls sie in der vollständigen, begutachteten Veröffentlichung bestätigt werden, wäre das der größte Gewichtsverlust, den je eine pharmakologische Adipositas-Behandlung erzielt hat.“ Gleichzeitig mahnt sie: Es handele sich bisher nur um Angaben des Konzerns. Ohne Zugang zum vollständigen Datensatz sei es noch nicht möglich, Fragen zu Nebenwirkungen zu beantworten, wie lang anhaltend der Gewichtsverlust ist und was geschieht, wenn man Retatrutid wieder absetzt. Die Forschung zur medikamentösen Behandlung von Adipositas läuft auf Hochtouren. Es gibt vorläufige Studien zu Vierfach-Agonisten, die auch noch den Wachstumsfaktor IGF-1-1 beinhalten. Auch wird erwartet, dass Tabletten mit Semaglutid bald zugelassen werden. In den USA geschah das bereits im Winter 2025 für den Wirkstoff des Unternehmens Novo Nordisk, das Wegovy und Ozempic entwickelt hat. Im April wurde auch Foundayo zugelassen, eine Abnehmpille von Eli Lilly. Vor wenigen Tagen hat sich nun auch die Europäische Arzneimittelagentur für die Zulassung der Tabletten in der EU ausgesprochen. Die vollständigen Ergebnisse zu Retatrutid sollen auf dem Jahrestreffen der American Diabetes Association präsentiert und anschließend veröffentlicht werden. Wann die Zulassung frühestens ansteht, ist noch unklar. Die Aktienkurse von Eli Lilly sind jedoch bereits gestiegen.
