FAZ 27.03.2026
17:29 Uhr

Neitzel auf F.A.Z.-Kongress: „Die Welt, wie wir sie kannten, ist zu Ende“


Sönke Neitzel vermisst in Deutschland einen informierten strategischen Diskurs. Auch wegen der Universitäten. Denn da herrsche das „Prinzip Pippi Langstrumpf“.

Neitzel auf F.A.Z.-Kongress: „Die Welt, wie wir sie kannten, ist zu Ende“

Deutschland stand einmal in dem Ruf, die Welt von seinem Militär und vom Krieg her zu betrachten. Aber zwei verlorene Weltkriege und ein Kalter Krieg, währenddessen die sicherheitspolitische Verantwortung nicht ganz freiwillig an die Vereinigten Staaten ausgelagert worden ist, haben das gründlich umgekehrt. Die intellektuelle, politische, sogar militärische Elite denkt sich immer noch lieber eine Welt, in der Krieg für uns eigentlich keine Rolle spielt. Den Militärhistoriker Sönke Neitzel treibt diese Trägheit zu drastischen Äußerungen. „Die Welt, wie wir sie kannten, ist zu Ende“, sagte er auf dem F.A.Z.-Kongress am Freitag in Frankfurt. Die Struktur der transatlantischen Absicherung löse sich auf. Aber hier falle das Umdenken „extremst schwer“. „Es war so warm und kuschelig, das passte alles so. Jetzt müssen wir hinausgehen in den Regen.“ „Bundeswehr bringt die PS nicht auf die Straße“ Dass der Bundestag zusätzlich Hunderte Milliarden Euro für die Stärkung der Verteidigung eingeführt hat, sei ein richtiger und notwendiger Schritt gewesen. „Ohne Geld geht es nicht.“ Aber das Personalproblem der Bundeswehr bleibe ungelöst. Dass nicht eine Auswahlwehrpflicht eingeführt wurde, sei „ein großer Fehler“. Aber die Geschwindigkeit der Veränderungen sei viel zu gering, es gelinge nicht, „die PS auf die Straße zu bringen“. So seien in der Bundeswehr mehr als 50 Prozent des Personals in der Verwaltung beschäftigt, im „Overhead“. Kein Unternehmen würde so überleben. Unternehmen stünden im Wettbewerbsdruck, etwa zu China. „Der Druck, dem Armeen ausgesetzt sind, ist der Krieg.“ Da die deutsche Armee damit seit 1945 – bis auf wenige Jahre mit wenigen Personen in Afghanistan – nicht ausgesetzt gewesen sei, „fehlt der Marktdruck“. Es fehle Expertise. So sei der jüngste Rechnungshofbericht „eine Rasur für Pistorius“ gewesen, sagte Neitzel mit Blick auf den Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Aber das interessiere niemanden in Deutschland, weil es auch kaum jemand verstehe. „Deswegen kann er sich hinstellen: Alles prima.“ Es fehle auch ein wissenschaftlicher Beirat des Verteidigungsministeriums. „Es gibt die Generäle. Die sagen aber nichts.“ Neitzel kritisierte aber auch die Bundesregierung als Ganze. Er sagte, er vermisse die „Staatskunst“, politische Aussagen „von den Köpfen der Kabinettsmitglieder in die Realität“ zu transportieren. „Erfüllt euren Eid“ So böte es sich an, dass der Verteidigungsminister mit anderen Kabinettsmitgliedern Vereinbarungen treffe, um militärisches Verwaltungspersonal in zivile Verwendungen zu übergeben. Reformen kämen insgesamt viel zu spät. „16 Leute müssen sich in die Augen schauen. Egal, welcher Partei sie angehören: Erfüllt euren Eid.“ Kritik übte der Militärhistoriker auch an der vielstimmigen Antwort Europas auf den amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran. „Jetzt sollen wir als Auxiliartruppen die Scherben zusammenkehren; dass man das nicht will, kann ich verstehen.“ Es sei aber „tödlich“, wenn jedes Land seine eigene Antwort gibt. „Besser wäre, wenn Europa gemeinsam gesprochen hätte.“  Das wäre besser gewesen, als sich am früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Beispiel zu nehmen, der aus innenpolitischen Gründen beim Irakkrieg einst gesagt habe: „Nein, auf keinen Fall machen wir hier mit.“ Deutschland hätte besser daran getan, sich Optionen offenzuhalten. Unter Anspielung auf den einstigen Reichskanzler schrieb Neitzel dem gegenwärtigen Bundeskanzler, ohne Merz ausdrücklich zu erwähnen, ins Stammbuch: „Das können wir von Bismarck lernen. Worte sehr gut wägen.“ Neitzel, Professor an der Universität Potsdam, hat den einzigen Lehrstuhl für Militärgeschichte an einer deutschen regulären Universität inne – schon das ist ein Abbild des strategischen Denkens in Deutschland. „Das Schlimme ist, dass sich daran nichts ändert“, sagte er auf dem F.A.Z.-Kongress. „Die Unis sind der Bereich, an dem sich seit 2022 am wenigsten geändert hat.“ Allerdings liege das offensichtlich nicht an einem mangelnden Interesse der Studenten. An seinem Lehrstuhl mache ein Viertel aller Masterstudenten der philosophischen Fakultät Potsdam den Abschluss. Aber in der akademischen Welt gelte immer noch das Prinzip „Vogel Strauß, Pipi Langstrumpf: Nach all den Katastrophen und dem Kulturbruch beschäftigen wir uns damit nicht, dann findet das nicht statt.“ In Europa sei hingegen Großbritannien ein „Heaven of War Studies“. Zwar sei diskutabel, ob die Briten deswegen bessere Außenpolitik machten. „Aber einen schlechteren Diskurs haben wir. Wo liest der journalistische Nachwuchs Clausewitz, wo lernen sie, wie der BND funktioniert?“ Auch im Bundestag, gleich in welcher Fraktion, gebe es nur vereinzelt sicherheitspolitische Experten. Das liege auch daran, dass es anders als in den USA und in Großbritannien kaum Wechsel zwischen Sicherheitsdiensten und Politik und akademischer Welt gebe.