„Die Post, wie wir sie früher einmal kannten, ändert sich völlig.“ Kleinaktionär Dirk Balshüsemann, der DHL-Aktien über den Umweg eines gemanagten Depots hält, ist 67 Jahre alt und an diesem Dienstag zum ersten Mal zur Hauptversammlung des Logistikkonzerns gekommen. Jetzt steht er unter der hohen Decke in der Vorhalle des World Conference Centers in Bonn und sinniert darüber, wie sehr das Unternehmen sich doch weg entwickelt hat vom Versenden von Briefen hin zum Zustellen von Paketen und Express-Sendungen. Da scheint ihm das konsequent, was Konzernchef Tobias Meyer sich wenige Stunden später von den Aktionären offiziell abnicken lässt: eine formell-rechtliche Ablösung der Deutschen Post vom Mutterkonzern, in den sie bislang fest integriert ist. Die Deutsche Post wird dadurch zur hundertprozentigen Tochtergesellschaft des internationalen Versandriesen DHL. Fast 100 Prozent der auf der Hauptversammlung vertretenen Aktionäre stimmten für den Vorschlag. Der Mutterkonzern soll künftig zudem nicht mehr als Deutsche Post AG firmieren, sondern als DHL AG. Die Eintragung ins Handelsregister soll in der zweiten Jahreshälfte passieren. Schon vor zwei Jahren hatte das Unternehmen seinen Markennamen von Deutsche Post DHL zu DHL Group geändert, rechtlich blieb es aber noch bei der alten Bezeichnung. Die Umfirmierung ist ein weiterer Schritt weg von dem deutschen Traditionsunternehmen, das als Nachfolgerin der staatlichen Deutschen Bundespost in den 1990er-Jahren schrittweise privatisiert worden war. Sentimentalität will trotzdem bei vielen Kleinaktionären nicht aufkommen. „Es ergibt keinen Sinn, etwas beizubehalten, wenn die Welt nicht mehr so ist“, sagt Balshüsemann. Ähnlich sieht das Uwe Lichtenstein aus Bonn, der in Vertretung seiner Frau zur Hauptversammlung gekommen ist. „Wir gehen voran in der Zeit.“ Die neue rechtliche Struktur werde dem Aktienkurs tendenziell guttun. Entwirren eines „Wollknäuels“ Drinnen im Saal blicken Aktionärsvertreter etwas kritischer auf die Neuordnung. „Sagen Sie uns noch mal, was der Vorteil ist“, forderte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Konzernchef Tobias Meyer verglich die Umstrukturierung daraufhin mit dem Entwirren eines „Wollknäuels“. Das Konzernkonstrukt werde aufgeräumter, es handle sich um eine „Anpassung an die gelebte Managementstruktur“. Aktionärsvertreter Hendrik Schmidt vom Vermögensverwalter DWS ging noch einen Schritt weiter und stellte infrage, „ob die DHL Group dauerhaft der beste Eigentümer“ für die Post sei. „Versteht der Vorstand die nun geschaffene Struktur als dauerhafte Zielstruktur oder bewusst als Ausgangspunkt für weiter gehende strategische Optionen?“, fragte er und spielte auf eine mögliche „weiter gehende Verselbständigung“ des Geschäfts an. Meyer wies dies jedoch weit von sich. „Das deutsche Post- und Paketgeschäft bleibt ein wichtiger Teil des Unternehmens.“ DHL sieht sich in der neuen Struktur gut gerüstet für die weitere Transformation. Vor allem das Briefgeschäft geht zurück, weil die Kunden immer mehr E-Mails versenden. Die deutsche Postsparte fokussiert sich immer mehr auf die Paketzustellung. Insgesamt steht das traditionelle Heimatgeschäft nur noch für rund ein Fünftel des Umsatzes. Wichtiger werden etwa Expresssendungen im Ausland, Pharmalogistik, Transporte für Rechenzentren oder Energieunternehmen. Rechtsstreitigkeiten mit Konkurrenten im Briefmarkt Das Briefgeschäft steht allerdings auch für juristischen Ärger. So hat der Wettbewerber Deutscher Versand Service (DVS) eine Kartellklage erhoben, er macht einen Schaden von rund einer Milliarde Euro geltend. Der Zwist dreht sich um die Frage, ob die Post fälschlicherweise Sendungen als Dialogpost (Werbung) deklariert, billig transportiert und so ihren Wettbewerbern geschadet hat. Am Landgericht Düsseldorf hatte zuletzt eine Kartellkammer in einem Beweisbeschluss dargelegt, dass sie die grundsätzliche Auffassung des Postkonkurrenten teilt. Die Investitionsgesellschaft 7Square Partners, die im Namen des DVS die Klage verfolgt, hatte zudem im Frühjahr in einem Brief an DHL-Aufsichtsratschefin Katrin Suder beklagt, dass die Post eine „breit angelegte und gezielte Gesamtverdrängungsstrategie“ im Briefmarkt betreibe. Das Schreiben liegt der F.A.Z. vor. Meyer: „Wir halten uns an Recht und Gesetz“ DHL halte „die Klage weiterhin sowohl in der Sache als auch in der Höhe für unbegründet“, ließ Meyer am Dienstag die Aktionäre wissen. Auch „prozessuale Zwischenbeschlüsse“ änderten daran nichts. Zu den Vorwürfen von 7Square sagte Meyer, es sei das gute Recht und zum Schutz des Aktionärsvermögens auch die Pflicht der Post, „mit unterschiedlichen wettbewerblichen Maßnahmen an Briefmärkten unser Geschäft zu verteidigen und auszubauen“. Das Marktgebaren der Post werde intensiv behördlich überprüft. „Wir halten uns an Recht und Gesetz.“ Dass es für Wettbewerber schwierig sei, am Markt zu bestehen, liege „in der Natur des Briefmarktes mit seinen starken Skaleneffekten“. Thomas Schweppe, der Geschäftsführer von 7Square Partners, sagte der F.A.Z., Postvorstandschef Meyer werde vom „lange Jahre tolerierten rechtswidrigen Geschäftsgebaren im Briefgeschäft mehr und mehr eingeholt“. Meyers Strategie scheine es zu sein, „Rechtsverstöße zu begehen, diese dann wegzudiskutieren oder den entstandenen Schaden kleinzureden“. Das sei auch aus Aktionärssicht „keine tolerierbare Strategie“. Aktionärsvertreter äußerten sich mit Blick auf die hohen Schadenersatzforderungen besorgt. „Geben Sie keinen einzigen Cent preis“, sagte DSW-Chef Tüngler mit Blick auf den Kartellprozess. DWS-Vertreter Schmidt sagte, eine Milliarde Euro sei „nicht gerade wenig“. Er forderte mehr Transparenz über den Fortgang des Verfahrens.
