FAZ 20.05.2026
14:30 Uhr

Nachhaltige Textilien: Fair gehandelte Stoffe für Bett und Bad


Yumeko aus Amsterdam will sich von den Usancen der Textilindustrie absetzen – und nach Deutschland expandieren. Ziel ist eine etablierte Edelkette.

Nachhaltige Textilien: Fair gehandelte Stoffe für Bett und Bad

Erhebend radelt es sich zur Arbeit, wenn das Büro Weltkulturerbe ist. Wenn es zum Beispiel an der Herengracht liegt, einer der prächtigen Hauptkanäle in der Innenstadt Amsterdams. Sie bilden den Grachtengürtel, dem die UNESCO einen „herausragenden universellen Wert“ bescheinigt – und somit den Status des Weltkulturerbes. Es ist ein Werk des 17. Jahrhunderts, der kommerziellen Blütezeit der damaligen Weltmacht Niederlande. „Goldenes Jahrhundert“ wird es traditionell genannt - ein heute umstrittener Begriff, weil der Reichtum großenteils auf Kolonien und Sklaverei gründete. Zu Nummer 418 radelt, wer bei Yumeko arbeitet. Das Unternehmen vertreibt Wäsche für Bett und Bad, die nachhaltig und ethisch korrekt produziert sein soll. Vom Kissenbezug übers Handtuch bis zum Bademantel: Die Produkte sind aus „biologischer“ Baumwolle und Wolle, aus Leinen und recycelter Daune, mit transparenter Lieferkette. Ein Ansatz also, der konträr ist zur Denke der Kaufmänner, die vor 400 Jahren hier residierten.  Konträr allemal zu den Usancen der Textilbranche in der Gegenwart, so sieht es das Unternehmen. Yumeko bezeichnet sich in den Niederlanden als Pionier in seinem Segment und breitet sich auch im Ausland aus, Deutschland inklusive. Der Ehrgeiz: nicht weniger als „Marktführer für nachhaltige Bad- und Bettwaren in Europa werden“. In deutschen Läden sind die Textilien bisher nirgends erhältlich, nur im Onlinehandel. Aber das wird sich im Herbst ändern. Eine Treppe führt ins Souterrain mit dem Ausstellungsraum. Von dort geht der Weg weiter in die Zentrale im Haus an der Herengracht. Genauer gesagt: in den zwei Häusern, denn die Nummer 418 ist über einen Durchbruch mit einem Nachbarhaus verbunden. Yumeko-Gründer Rob van den Dool führt durch die verwinkelten Gänge, ein Treppchen hier, ein kleiner Absatz dort. Er präsentiert Stoffmuster und Kleidungsstücke, einen Bademantel zum Beispiel, gefertigt aus Stoffresten der Bettwäscheproduktion. Im Hinterbau arbeiten Beschäftigte im Kundendienst. Biologische Baumwolle? Eher selten Die Branche sei eine besonders problematische, sagt van den Dool. „Es ist erschreckend, wie die Textilindustrie tickt.“ Der 60 Jahre alte Unternehmer ist im Redefluss nicht leicht zu stoppen, sobald er mit diesem Thema beginnt. Ganze 1,7 Prozent der Baumwolle auf der Welt kämen aus biologischem Anbau, 0,07 Prozent trügen ein Fairtrade-Siegel. Yumeko mache es besser, lobt etwa die Triodos-Bank, die als Finanzier mithilft. „Das Unternehmen verschafft gerechte Einkommen für Leute zum Beispiel in Indien, wo Yumeko Baumwolle kauft“, heißt es in einer Fallstudie der Bank. „Die biologische Baumwolle kommt aus einer ethischen und transparenten Kette, in der Wasser gespart und kein Gift benutzt wird.“ Yumeko arbeitet mit Betrieben in 14 Ländern zusammen, die spinnen, weben, färben, schneiden und nähen. Yumeko prüft die Lage regelmäßig: „Wir wollen in jedem Fall einmal im Jahr alle Lieferanten besucht und gesprochen haben“, sagt van den Dool. Van den Dool studierte Völkerrecht in Amsterdam. In den Neunzigerjahren arbeitete er beim Chemiekonzern Akzo Nobel, der damals noch eine große Pharmasparte betrieb. Für sie arbeitete er in verschiedenen Funktionen, viel in Osteuropa; er merkte schnell, dass er kein Konzernmensch war. Der weitere Berufsweg ist gespickt mit unterschiedlichen Stationen. So rief der Jurist 1995 mit seiner damaligen Partnerin den niederländischen Zweig der Kriegskinderstiftung War Child ins Leben und betrieb in der frühen Zeit des Internets eine Multimediaagentur. 2010 tat er sich mit einem Freund zusammen und gründete Yumeko. Halb so viel Nettorendite wie im klassischen Handel Der Name steht für einen japanischen Mädchennamen, übersetzt „Traumkind“. Yumeko möge groß werden, „sodass sie den Traum, den sie symbolisiert, über die ganze Welt verbreiten kann“, säuselt die Lyrik der Unternehmenswerbung. Ansonsten präsentiert sich van den Dool geschäftlich als eher nüchterner Typ. Ideale allein reichen nicht, der Betrieb muss sich rechnen. Nach drei Jahren schon war er netto profitabel, wie der Manager sagt. Seitdem gab es nur ein Verlustjahr, und das war von Investitionen geprägt. Van den Dool spricht von verhältnismäßigem, von „gesundem“ Gewinn. Herkömmliche Textilanbieter erzielen nach seiner Kalkulation acht bis neun Prozent Nettorendite – „wir die Hälfte.“ Der Umsatz ist von 1,9 Millionen Euro im Jahr 2017 über vier Millionen Euro im Jahr 2020 auf mehr als elf Millionen Euro im vergangenen Jahr gestiegen. In Deutschland schrumpften die Erlöse nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs lange, bedingt durch gesunkenes Konsumentenvertrauen und Angst, wie van den Dool es einschätzt. Immerhin: Seit Oktober wachsen sie auch hier wieder. Größtenteils kommt der Umsatz aus der Heimat. Deutschland ist mit einer Million Euro wichtigster Auslandsmarkt. Hier plant van den Dool jetzt einen Schub über eine hiesige Edelkette: „Wir kommen in Kürze bei Manufactum in den Laden“, sagt er. „Als Erstes kommen Spannbetttücher, im Oktober.“ Die stationäre Präsenz ist eine Ausnahme. Früher lagen die Produkte noch in 200 Geschäften, aber die Verkäufer hätten zu wenig abgesetzt, weil sie mit herkömmlichen Waren höhere Margen verdienten, sagt van den Dool. Mit einem Ladenkonzept statt einer reinen Onlinestrategie hätte er die Preise um die Hälfte erhöhen müssen, argumentiert er. Die anstehende Präsenz in Manufactum dient weniger dem Umsatz als der Bekanntheit. „Wir nehmen eine viel niedrigere Marge in Kauf, um die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen.“ In den Niederlanden ist Yumeko viermal stationär zu finden und auch nur mit beschränktem Sortiment: in einem Designerladen in Eindhoven und in drei Filialen der Warenhauskette De Bijenkorf. In der Amsterdamer Innenstadt zum Beispiel, wie ein Besuch bestätigt: vom Bettwäscheset aus Baumwollsatin ab 129,95 Euro bis zur Ganzjahresdecke aus Baumwolle mit Daunenfüllung ab 429 Euro. Qualitäts- und designbewusste Großstädter seien die Kunden, sagt van den Dool, nicht unbedingt grün. „Das sind keine Müsli-Leute.“ Ein Bettwäscheset koste bei Temu sieben bis acht Euro und bei Ikea 35 bis 40 Euro, wenn überhaupt, rechnet van den Dool vor. „Ikea verkauft seine Bettwäschesets zu niedrigeren Verkaufspreisen, als ich sie einkaufe.“ Yumeko aber biete „ein Premiumprodukt, das auf Qualität setzt, auf emotionellen Wert, auf Stoffe und Haptik“. Zu den Wettbewerbern in Deutschland gehören Waschbär, Hess Natur und Grüne Erde. Van den Dool nennt sie lieber „Kollegen“, denn: „Ich habe keine Konkurrenten. Wenn wir die Welt verändern wollen, dann können wir das nur zusammen tun. Wir nehmen den herkömmlichen Anbietern Anteile ab.“ Und die CO₂-Bilanz? Kritik am Onlinehandel und an der CO₂-Bilanz weist van den Dool zurück. Vergleichsstudien zur Umweltbilanz stationärer und virtueller Läden kommen zu unterschiedlichen Resultaten, van den Dool zieht eine Analyse des Onlinehändlerverbandes Thuiswinkel heran, die ein für die Branche günstiges Resultat ergibt. Nicht die letzte Meile zum Kunden sei entscheidend für den Fußabdruck, sondern das Heizen des Ladens, argumentiert der Manager. Er hat noch viel vor. „Skalenvergrößerung“ in den Niederlanden und den anderen Kernmärkten Deutschland und Belgien, aber auch Investitionen in die kleineren Märkte Schweden, Österreich, Dänemark und Frankreich. „Die Akquisitionskosten für neue Kunden sind sehr hoch.“ Fremdfinanzierung, etwa durch Triodos, könnte an ihre Grenzen kommen. „Es muss irgendwann Eigenkapital rein. Unsere Marge ist qua Cashflow nicht ausreichend, um extremes Wachstum zu finanzieren.“ Private Equity ist ein Thema. „Damit beschäftige ich mich“, sagt van den Dool. Verhandlungen gebe es aber noch nicht. So oder so soll es eine längerfristig orientierte Beteiligungsgesellschaft sein. Eine, die Geduld hat – vielleicht auch ein Familienvermögensverwalter: „Wir brauchen Patient Money.“