Neulich traf es eine Freundin. Sie war mit dem Fahrrad auf dem Fahrradstreifen unterwegs. An ihrem Rad hing ein Anhänger für die Kinder. Das Fahrrad ist deshalb deutlich schwerer, die Radfahrerin langsamer. Da schrie jemand von hinten: „Hey, Mutter, mach mal Platz da!“ Im nächsten Moment fuhr ein Mann auf seinem Fahrrad an ihr vorbei. „Heutzutage“, sagte meine Freundin, als sie später bei einem Glas Wein von dem Erlebnis erzählt, „ist Mutter ein Schimpfwort.“ Im ersten Moment klingt das widersprüchlich. Natürlich ist Mutterschaft etwas Schönes. Die meisten Mütter identifizieren sich mit ihrer Rolle. Am Muttertag werden selbst gemalte Bilder, Blumen und eigenständig gedeckte Frühstückstische überwiegend als nette Gesten verstanden, trotz des bitteren Beigeschmacks, weil von Müttern an allen anderen Tagen des Jahres häufig der Vollservice erwartet wird. Selbst damit können sie es aber auch nicht allen recht machen. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte sprach man von Tigermüttern, Latte-Macchiato-Müttern, Fußballmüttern, Karrieremüttern. Davor gab es schon die Muttertiere, die Rabenmütter und die Übermütter – entweder waren sie zu engagiert oder zu abwesend. Die Begriffe laufen alle auf dasselbe hinaus: Die Mutter macht etwas falsch. So gesehen ist es nur konsequent, wenn man die Mutter der Einfachheit halber jetzt mit dem Wort „Mutter“ abkanzelt. Warum fühlen sich viele von Müttern so gestört? Aber wie konnte es dazu kommen? Warum fühlen sich viele von Müttern so gestört? Oder, wie es heute heißt: getriggert? Wie kamen die Kratzer in das doch durchweg positive Image der Mutter, die in der Regel das Kind auf die Welt bringt, es in der ersten Zeit üblicherweise ernährt und lange darüber hinaus umsorgt? Die damit, um es einmal pathetisch zu formulieren, ihren Teil zum Fortbestand der Menschheit beiträgt? Wie konnte es so weit kommen, dass Mütter auf der Straße degradiert werden? Und, bei allem Respekt für so viel Ungerechtigkeit: Tragen wir, die Mütter, eine Mitschuld daran? Kann man sich von uns zu Recht gestört fühlen? Ich rede manchmal auch über mich und meinesgleichen als „gestresste Muddis“. Halb im Witz, aber eben auch halb im Ernst. Weil Mütter häufig viel um die Ohren haben und vor lauter Stress manchmal ein wenig übertreiben. (Passiert allerdings auch Leuten, die wenig vorhaben.) Besonders auffällig ist die Mutter seit einer Weile im öffentlichen Raum. Im Straßenverkehr, insbesondere in größeren Städten, nimmt sie mehr Platz ein. Sie zieht einen Anhänger am Rad hinter sich her, wie meine Freundin, oder fährt Lastenrad, wie ich. Wir fallen auf, denn so ein Ding ist lang und sperrig, es sollen ja bis zu vier Personen mitfahren können. Selbst wenn Familien somit auf ein Auto verzichten, nehmen andere Autofahrer in solchen Situationen nicht wahr, dass sich durch weniger Autos eine Entlastung ergibt, sondern nur, dass die Lage insgesamt unübersichtlich wird. Bei Stau kann man mit einem Lastenrad meist nicht an allen vorbeifahren. Dann wird es manchmal eng. „Fahr doch, Mutter!“ So war es neulich, als ich Beifahrerin in einem Auto war. Am Steuer saß ein älterer Herr, nur eine Fahrspur war frei, und es war nicht ganz klar, ob die Dame in entgegengesetzter Fahrtrichtung mit ihrem Lastenrad Vorfahrt hat oder wir. Da entfuhr dem Herrn ein: „Fahr doch, Mutter!“ Da war sie wieder, die Mutter. Als das Lastenrad an uns vorbeizog, sahen wir allerdings, dass vorne in der Transportbox kein Kind saß, sondern ein Hund. Ein anderes Mal fuhr ich mit meinen Kindern im Lastenrad beim Italiener vor. Ich hatte den Tag freigenommen, wir wollten Pizza essen gehen. Beim Einparken bemerkte ich die zwei Gäste, die an einem Bartresen hinter dem Fenster saßen und in unsere Richtung schauten. „Mama“, sagte meine Tochter, während ich die schwere Last in die schmale Parklücke hievte, „warum schauen uns die zwei Männer die ganze Zeit an?“ Es ist nicht auszuschließen, dass in dem Gespräch der beiden ein paar Abschätzigkeiten vorkamen, Lastenräder haben ja ein gewisses Image. Sie sind schnell so teuer wie ein Kleinwagen (allerdings auch so praktisch). Damit stehen sie für die Gentrifizierung ehemals freigeistiger Stadtviertel, die auf einmal Familienparadiese sein sollen. Wo Kinder sind, da wird es zudem – vorsichtig formuliert – meistens ein bisschen lauter und wuseliger. „Man lässt die Kinder machen“, sagt auch Helga Kotthoff, die Professorin für Linguistik im Ruhestand ist. Kotthoff schickt voraus, dass ihr die abschätzige „Mutter“-Anrede noch nicht begegnet ist: „Ich bin nicht in dieser Altersgruppe und nicht mit Kindern unterwegs“, sagt sie. Dennoch ist sie aus zwei Gründen eine gute Gesprächspartnerin für die schimpfähnliche „Mutter“-Ansprache. Zunächst einmal, weil sie Soziolinguistin ist. Sie kann erklären, dass Beschimpfungen fast immer metaphorisch sind. „Falsche Schlange, dumme Kuh, blöder Affe“, zählt Kotthoff auf. „Das sind ritualisierte Begriffe, die im allgemeinen Sprachschatz verankert sind.“ So weit ist es mit dem schlichten Wort „Mutter“ sicher noch nicht gekommen, trotz des verbreiteten Mum-Bashings, der bewussten Abwertung von Müttern. „Entscheidend für die Beschimpfung ist die Prosodie“, sagt Kotthoff, also die Art, wie das Gesprochene rüberkommen soll, gesteuert durch Melodie, Betonung, Rhythmus und Tempo. Für die bewusst nicht nett gemeinte „Mutter“-Bemerkung ist die Prosodie elementar. Auch meine Freundin auf dem Fahrrad dürfte sich weniger von dem Wort „Mutter“ beschimpft gefühlt haben als von der eindringlichen Aufforderung. Und von dem Eindruck, dass sie in ihrer Rolle als Mutter offenbar stört. Mütter sind noch immer präsenter im Alltag von Kindern „Wenn die Mutter auffällt, dann muss das etwas damit zu tun haben, dass Mütter eine neue Sichtbarkeit haben“, sagt Kotthoff. Die Linguistin lebt in Freiburg, wo die Lastenraddichte hoch ist. Hier hat sie lange Zeit an der Universität gelehrt und geforscht. Auch in anderen sozialen Räumen sind der Beobachterin Kotthoff schon Mütter und Kinder aufgefallen. Auch deshalb passt sie als Expertin in diesen Text. „Die Uni-Gebäude verteilen sich über die ganze Stadt, und drumherum sind jeweils mehrere Cafés“, sagt Kotthoff. „Zwischen acht und zehn Uhr sind da sehr viele Mütter mit Kindern.“ An solchen Orten kann sich Kotthoff gut „Mutter“-Bemerkungen vorstellen. Vielleicht: „Hol doch mal deine Kinder zurück, Mutter“, überlegt sie. Und fügt hinzu: „Die Kinder nehmen sich durchaus einiges raus, was unsere Mütter uns früher verboten hätten.“ Ihre Buchhändlerin zum Beispiel habe ihr erzählt, dass sie eisschleckende Kinder darauf aufmerksam machen müsse, bitte nicht an die neuen Bücher zu gehen – während die Mütter nichts sagten. „Es scheint Eltern zu geben, die in solchen Momenten nicht eingreifen. Mütter bekommen es dann eher ab als Väter.“ Denn Mütter sind allen engagierten Vätern zum Trotz noch immer präsenter im Alltag von Kindern. Und sie erziehen ihre Kinder heute häufig auf Augenhöhe, insbesondere in jenem Milieu, in dem Lastenräder, Cafébesuche und Buchhandlungen zur Kindheit gehören. Dieses Erziehungsmodell kann für Kinder Vorteile bieten: Sie formulieren offen ihre Bedürfnisse und lernen früh Selbstwirksamkeit. Für die Umwelt, auch für die Eltern, hat das Konzept jedoch einen großen Nachteil: Viele Kinder meinen, sie könnten machen, was sie gerne wollen. Verbote werden häufig nicht direkt als solche verstanden. Kindern muss diese Welt aus Montessori-Regalen, Lerntürmen, Bilderbüchern zum Zugreifen und Lastenrädern zum selbständigen Ein- und Ausstieg manchmal vorkommen wie ein Buffet, an dem sie sich bedienen können. Eigeninitiative ist ja ausdrücklich erwünscht. Die Mutter kann die Anforderungen, die ihre Rolle an sie stellt, kaum erfüllen Allerdings: Dass das Kind freiheitlicher aufwächst, heißt nicht, dass die Mutter ihr Ding machen könnte. Auch Helga Kotthoff beobachtet, dass die Ansprüche an Mütter höher sind. „Die Rolle war immer überfrachtet, aber die Anforderungen sind trotzdem weiter gestiegen.“ Und das, obwohl auch die Väter sich mehr einbringen, das Kind vielleicht auch mal mit dem Lastenrad zur Kita bringen – und damit etwas unheimlich Wertvolles tun. „Der Vater ist zu neu in dieser Rolle“, sagt Kotthoff. „Die Mutter hat zwar auch neue Anteile, unter anderem, dass sie sichtbarer geworden ist, aber sie hat in ihrer Rolle auch viele alte Anteile.“ Indem der Vater nur auf dem Lastenrad sitzt, und sei es im Anzug, übertrifft er schon die Erwartungen, die an Väter gestellt werden. Die Mutter hingegen, die über der Schulter die Laptoptasche trägt, bleibt unter den Anforderungen, die das über Jahrhunderte geformte Bild der aufopferungsvollen Mutter formuliert, selbst wenn über der anderen Schulter die Sporttasche des Kindes hängt. Zugleich muss allen klar sein, dass Mütter nicht nur aus dem Wunsch nach Selbstverwirklichung heraus berufstätig sind, sondern dass äußere Zwänge existieren. Die Bundesregierung denkt bei ihrem aktuellen Sparvorhaben die berufstätige Mutter gleich mit, etwa wenn sie beschließt, dass Ehepartner vom siebten Geburtstag des Kindes an nicht mehr beitragsfrei mit krankenversichert sein sollen. Auch ein Beamtengehalt muss nicht mehr eine ganze Familie ernähren; der andere Ehepartner verdient ja auch. Zuletzt wurde im Rahmen der Sparpläne auch wieder darüber diskutiert, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen, der zu diesem Sommer eigentlich in Kraft treten soll, zu verschieben. Der allerdings ist entscheidend, damit beide Eltern nach 12.30 Uhr noch arbeiten können. Was macht die gute Mutter von heute aus? Die Folgen von Berufstätigkeit bei gleichzeitiger Care-Arbeit sind bekannt: Mental Load. Für Mütter ist sie eine ständige Begleiterscheinung. Forscherinnen der Universität Wien haben untersucht, welche Ideale und Erwartungen das Bild einer „guten Mutter“ heute prägen. Die allgemeine Lage bringen sie gruselig treffend auf den Punkt. Die gute Mutter ist demnach präsent – also physisch und mental dem Kind zugewandt, zugewandter als der Vater. Sie ist zukunftsorientiert – das heißt, sie ist verantwortlich dafür, dass ihr Kind optimal ins Leben startet, zunächst indem sie sich während der Schwangerschaft richtig ernährt, das Kind anschließend stillt und ihm später passende Bewegungs- und Bildungsangebote macht. Die gute Mutter von heute ist außerdem erwerbstätig – was bedeutet, dass sie am Arbeitsmarkt partizipiert, aber zugleich die Erwerbstätigkeit auf ihre Mutterrolle abstimmt. Die Mutter ist zudem öffentlich – ihre Umwelt erwartet von ihr stets Souveränität, dazu gehört die Kontrolle über ihre Gefühle und ihren Körper, insbesondere nach der Schwangerschaft. Und zuletzt ist die gute Mutter: glücklich. Glücklich über ihre Rolle, glücklich über die Verbundenheit mit dem Kind. Mütter heute sollen also da sein und unsichtbar zugleich; höchstens durch Schönheit und dieses gewisse Strahlen dürfen sie auffallen. So die Vorstellung. Die Realität sieht anders aus. Sie zeigt sich unter anderem in fleckigen Büchern, Lastenrädern, die halbe Gehwege zuparken, und schreienden Kindern im Café. Wenn all jene, die sich über Mütter aufregen, ein wenig nachsichtiger wären und die Mütter ein bisschen rücksichtsvoller, gäbe es weniger Frust. Dann muss „Mutter“ kein Schimpfwort sein.
