FAZ 08.05.2026
09:12 Uhr

Moderiese HLA in China: Konzernzentrale in Nazi-Optik


HLA ist einer der größten Modekonzerne Chinas. Für sein Hauptquartier hat sich das Unternehmen von den Nazis inspirieren lassen. Die F.A.Z. hat sich umgeschaut.

Moderiese HLA in China: Konzernzentrale in Nazi-Optik

Die Zentrale des chinesischen Modeunternehmens HLA ist eine lokale Touristenattraktion. Wer vor dem Tor des Geländes steht, die schwarz-weiß-roten Fahnen und die Sicherheitsleute in ihren grünen Militäruniformen sieht, weiß sofort, warum. Die ästhetische Inspiration war offensichtlich die Nazizeit. Es gibt einen neoklassizistischen Bau, an dem lauter schwarz-weiß-rote Fahnen wehen. Die Nazis nutzten diese Kombination zeitweise als Nationalflagge. Im Eingangsbereich, der mit Gold und Marmor überladen ist, als hätte Donald Trump ihn gestaltet, stehen sechs Flaggen in den Nazifarben. Wäre das Symbol in der Mitte kein Segelschiff, sondern ein Hakenkreuz, Adolf Hitler hätte hier in Jiangyin, einem Stadtteil der Großstadt Wuxi etwas mehr als hundert Kilometer nordwestlich von Shanghai, Staatsgäste empfangen können. Die HLA Group ist nicht irgendjemand, sondern eines der größten chinesischen Modeunternehmen überhaupt. Die Werbeslogans des Unternehmens haben sich in Chinas kollektives Gedächtnis eingebrannt, seit zwei Jahrzehnten sind es immer wieder die bekanntesten chinesischen Schauspieler, die für den Konzern werben. Nach eigenen Angaben hat HLA mehr als 60.000 Mitarbeiter und steht auf Rang 58 der 500 größten Privatunternehmen Chinas. Zum Vergleich: Hugo Boss hat rund 20.000 Mitarbeiter. An der Börse kommt HLA auf eine Bewertung von umgerechnet rund vier Milliarden Euro. Auf der Internetseite heißt es selbstbewusst, HLA sei die zweitgrößte Männermodemarke der Welt und die größte in Asien sowie der größte Hersteller von Unternehmensbekleidung in China. Es gibt sogar eine enge Kooperation mit Adidas für neuartige Filialkonzepte in der Volksrepublik. Die beiden Konzerne betreiben in kleineren chinesischen Städten insgesamt dreihundert bis fünfhundert Filialen. Die F.A.Z. hat dem deutschen Sportartikelkonzern Fotos der Konzernzentrale von HLA zukommen lassen und um eine Stellungnahme gebeten. Adidas wollte sich aber nicht äußern. Auf die Fragen nach der Motivation für die eigenwillige Gestaltung reagierte HLA nicht bis zum Redaktionsschluss. Damit bleibt vorerst ungeklärt, ob es sich etwa um einen stillosen Spleen des Eigentümers handelt oder um den Ausdruck einer politischen Überzeugung. Das Unternehmen hat sich, soweit ersichtlich, bisher nie zur Entstehungsgeschichte seiner Zentrale geäußert. Selbst das Datum des Baus ist nicht bekannt. Hinter dem Unternehmen steht die Familie Zhou. Gründer Zhou Jianping hat HLA in Chinas Wirtschaftswunderjahren aufgebaut. Nachdem er in einer Baumwollspinnerei gearbeitet hatte, machte sich Zhou Ende der Achtzigerjahre mit einem Modeunternehmen selbständig und setzte auf solide Herrenmode für die breite Masse. In chinesischen Berichten heißt es, sein Ladenkonzept – mit Kleidung nach Größen und Stilen sortiert – habe er sich einst in Japan abgeschaut. Er stieß damit in eine Lücke zwischen Chinas chaotischen Billigläden und teuren westlichen Luxusmarken. Von Anfang des Jahrtausends an expandierte er rasant und schuf einen der bekanntesten Moderiesen Chinas. Das brachte ihm so viel Einfluss ein, dass er es sogar zum Delegierten des Nationalen Volkskongresses brachte. Vor einigen Jahren gab er die Konzernführung an seinen Sohn Zhou Lichen ab, der an der Pekinger Eliteuniversität Tsinghua Finanzwesen studierte. Danach war er bei einem Investmenthaus tätig, bevor er das Unternehmen Schritt für Schritt von innen kennenlernte und schließlich übernahm. Die Familie Zhou hält sich weitgehend aus der Öffentlichkeit raus, fällt dafür aber immer wieder mit ihren Leidenschaften auf. Einige Hundert Meter vom Hauptquartier entfernt hat HLA eines dieser in China gar nicht so seltenen eklektischen Ensembles aus europäisch anmutenden Gebäuden errichtet. Es gibt eine Sportarena in Kolosseum-Optik und mehrere riesige neobarocke Gebäude mit Kuppeldächern. Sie beherbergen Einkaufszentren, durch die wie in Las Vegas kleine Kanäle fließen, Hotels und eine riesige Nachbildung von Michelangelos „David“. An einer Ecke steigt gerade eine chinesische Familie in eine Kutsche ein und lässt sich von zwei Schimmeln über den riesigen Betonplatz ziehen. Das Gelände ist nach Pegasus benannt, Pferde sind die große Leidenschaft von HLA-Gründer Zhou Jianping. Auf dem Gelände steht eine Art Siegessäule, auf dem eine goldene Pegasus-Darstellung thront. Daneben findet sich ein eigenes Museum für Pferdekultur und eine riesige Kunsthalle, bei der es sich um die größte konzerneigene in ganz China handeln soll. Im Kolosseum am Eingang werden Pferdewettkämpfe abgehalten. All das sorgt in China für Aufsehen, doch das Hauptquartier in Nazi-Optik sorgt eher für Gesprächsstoff. In den sozialen Medien wird es indes eher als Kuriosum abgetan, denn als politische Meinungsäußerung. Es sehe aus wie „die Führerresidenz eines gescheiterten Kunststudenten“, kommentierte etwa ein Chinese. Ein anderer witzelte, man müsse den rechten Arm im 45-Grad-Winkel anheben, wenn man das Gelände betreten wolle. Die faschistische Symbolik im HLA-Reich beschränkt sich indes nicht auf die Architektur. Das Unternehmen heißt auf Chinesisch „Hailan“, so lautet auch die korrekte englische Umschrift. Das Schriftzeichen „Hai“ ist das gleiche wie in „Shanghai“ und steht für „Meer“ oder „Ozean“. Der Name des Unternehmens heißt so viel wie „das Meer umschließt alle Flüsse, gewaltig und majestätisch“ – deshalb das Schiff auf dem Logo. Auf einem Gebäude auf dem Gelände prangt aber groß „Heilan“. Immer wieder und ohne ersichtliches Muster nutzt der Konzern diese Umschrift. Ob das die Assoziation „Heil Hitler“ oder „Sieg Heil“ wecken soll? Eine Sportmarke des Konzerns heißt SSS und hat ein Logo, das nicht nur entfernt an das der Schutzstaffel der Nationalsozialisten erinnert. Die Cafés auf dem Campus heißen Aex. Es würde zu den anderen Symbolen passen, sollten diese eine Anspielung auf die Axt-Symbolik Benito Mussolinis sein. Vermutlich weil das Gelände zu einer Touristenattraktion geworden ist, kann es ohne Kontrolle betreten werden. Die Sicherheitsmänner auf dem Gelände tragen indes Uniformen, die stark an die des Afrikakorps der Wehrmacht erinnern. Diese seien vor einigen Monaten ausgetauscht worden, sagt einer der Aufseher, die auf dem Gelände patrouillieren. Tatsächlich finden sich in Chinas sozialen Netzwerken Fotos, auf denen die Uniformen eher den langen Mänteln der Sturmabteilung (SA) ähneln, stilecht mit rotem Logo auf dem Oberarm. Einige Beiträge legen nahe, dass der Uniformwechsel standesgemäß mit einer Militärparade gefeiert wurde. Auch das Eingangstor wurde wohl entschärft. Auf alten Fotos ist zu sehen, dass dort einst noch zwei große rote Bannerfahnen senkrecht den Eingang rahmten. Mitarbeit: Sun Yao