Huscht ein Eichhörnchen über die Motorhaube, springen die meisten Alarmanlagen nicht an. Ist die Anlage in einem Auto aber überempfindlich, reagiert sie auf das kleine Tier. Beim Reizdarmsyndrom ist es ähnlich: „Leichte Reize werden schon als Bedrohung weitergeleitet“, sagt die Ernährungsberaterin Vera Hille. Ein erheblicher Teil der Besucher ihrer Praxis im hessischen Bad Soden kommt mit einem solchen Krankheitsbild. Sie haben Schmerzen im Bauch, der sich oft bläht. Durchfall. Oder Verstopfung. Oder beides im Wechsel. Oft handele es sich dabei um ein sich selbst verstärkendes System, sagt Hille. Die Betroffenen horchten, vom metaphorischen Eichhörnchen aufgerüttelt, in sich hinein, dächten viel über den Darm nach. Und das trainiere das Gehirn wiederum darauf, Reize aus dem Bauch noch stärker wahrzunehmen. In der Medizin heißt das: Störung der Darm-Hirn-Achse. Oder der Hirn-Darm-Achse, je nachdem, in welche Richtung die Reize stärker verarbeitet werden. Das erläutert der Gastroenterologe Stefan Schumann. Es lasse sich messen, dass Reizdarmpatienten eine andere Wahrnehmung der Darmdehnung hätten als nicht Betroffene. Der leitende Oberarzt arbeitet in der Fachabteilung Gastroenterologie und Hepatologie der Hochtaunus-Kliniken. Reizdarmpatienten werden in dem Krankenhaus in Bad Homburg ambulant behandelt. Millionen Deutsche sind betroffen Wenn etwa die Barrierefunktion des Darms gestört ist, wandert dieser Reiz in eine bestimmte Hirnregion und wird als Schmerz wahrgenommen. Bei anderen Patienten wäre es nur etwas, das vorbeihuscht. Wie ein Eichhörnchen eben. Hille und Schumann schauen aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Reizdarmsyndrom. Aber beide berichten, dass es sich um eine Volkskrankheit handle. Die Angaben, wie viele in Deutschland betroffen sind, schwanken laut dem Arzt zwischen vier und 17 Prozent. Das heißt: Mindestens drei Millionen, vielleicht sogar 14 Millionen Deutsche leiden an einem Reizdarm. Die Ernährungsberaterin, die außer einem Diplom in Ökotrophologie einen Bachelor in Erziehungswissenschaften hat, führt die Praxis seit 2016. Viele, die mit unklaren Darmbeschwerden zu ihr kämen, hätten noch keine Diagnose. Der Reizdarm lasse sich weder mit einer Darmspiegelung erkennen noch mit einem Atemtest. Aber nicht immer handele es sich am Ende tatsächlich um das Reizdarmsyndrom. Infrage komme auch eine Unverträglichkeit, etwa von Fruchtzucker oder Laktose. Relevanter Leidensdruck Oft hört Hille den Satz: Im Urlaub habe ich eigentlich nie was. „Das ist ganz typisch.“ Stress sei aber nur ein Trigger für das Syndrom. Ein Faktor also, der die Probleme verstärke, nicht die Ursache. Davon berichtet auch der Gastroenterologe, der ebenfalls beobachtet, dass Patienten nachts oft keine Beschwerden haben. Bis vor zehn, 15 Jahren seien Mediziner davon ausgegangen, dass es sich beim Reizdarm um etwas Psychosomatisches handele. Fast etwas abfällig hätten manche das Erkrankungsbild betrachtet. Das habe sich enorm gewandelt. „Der Reizdarm hat eine Karriere durchgemacht.“ Heute sagen Ärzte: „Die Krankheit kommt primär aus dem Darm.“ Die aktuelle medizinische Leitlinie führt Anhaltspunkte für das Syndrom auf: mehr als drei Monate konstante Beschwerden im Bauch. Das erste dieser Probleme hat vor wenigstens einem halben Jahr begonnen. Und der Patient verspürt einen so relevanten Leidensdruck, dass er einen Arzt aufsucht. Die Symptome sind mannigfaltig, und etliche treten auch bei anderen Krankheiten auf. Deshalb ist es entscheidend, dass der Arzt den Patienten erst einmal gut untersucht, wie Schumann sagt. Es gibt keine Biomarker für Reizdarm. Also nähern sich Ärzte von der anderen Seite: Sie schließen andere Krankheiten aus. Alarmsymptome wie starker Gewichtsverlust, Blut im Stuhl oder Fieber deuten eher nicht auf Reizdarm. Nach einem negativen Labortest kann eine Zöliakie verneint werden, also eine Erkrankung, bei der Gluten eine Entzündung der Darmschleimhaut auslöst. Wenn auch Ultraschall und Spiegelungen von Darm und Magen nichts ergeben und die Kriterien der Leitlinie erfüllt sind, sagt Schumann dem Patienten: „Ich vermute ein Reizdarmsyndrom.“ Die gute Nachricht sei dann: Es ist zunächst einmal nicht von einer kürzeren Lebenserwartung auszugehen. Trotzdem stehe außer Zweifel, „dass diese Patienten relevant leiden“. Mikrobiom als Schlüssel An dieser Stelle hält der Klinikarzt die Kommunikation für extrem wichtig. Angesichts der Schmerzen erwarteten manche Patienten „etwas Gravierendes“, und dann löse die Diagnose Reizdarm das vermeintlich nicht ein. Manche gingen dann zum nächsten Gastroenterologen, weil sie damit rechneten, dass der etwas Greifbareres diagnostiziere. Vielleicht ändert sich das, wenn das Mikrobiom genauer erforscht ist, also die Gesamtheit der winzigen Organismen, die den Darm besiedeln. Manchmal kommen Patienten mit Ausdrucken von Mikrobiomanalysen privater Institute zu Schumann und seinen Kollegen. Aber die Papierstapel helfen den Ärzten nur bedingt weiter: Solange das Mikrobiom nicht entschlüsselt sei, lasse sich kaum sagen, von welchen Mikroorganismen jemand zu viel oder zu wenig habe. Immerhin werde das Feld „sehr beackert“: Forscher versuchen zu identifizieren, welche Bakterien in welcher Häufigkeit bei wem vermehrt oder vermindert auftreten. Und wie das mit Erkrankungen korreliert. Es ist aber schwierig, einen Standard zu bestimmen. Denn dabei spielen genetische Faktoren eine Rolle, aber auch die Ernährung. An dieser Stelle kann Vera Hille ansetzen. Zuallererst setzt die Beraterin auf Ausgewogenheit. Selbst zu kochen, ist am besten, aber wenigstens sollten Betroffene bei Tiefkühlprodukten nicht die hoch verarbeiteten kaufen. Die Fachfrau beschreibt den idealen Teller für Reizdarmpatienten: Maximal ein Viertel ist mit Kohlenhydraten gefüllt, ein weiteres Viertel mit einer Proteinbeilage, also Milchprodukten, Fisch, Fleisch, Tofu oder Hülsenfrüchten. Die andere Hälfte sollte aus Gemüse bestehen. Ballaststoffe und gesunde Fette helfen, die Verdauung zu verlangsamen. Permanent zu snacken, schadet „Ich sehe oft, dass die Ernährungsmuster nicht stimmen“, sagt Hille. Ein Problem sei „permanentes Snacking“. Pausen von drei, besser vier Stunden zwischen den Mahlzeiten seien wichtig. Denn etwa anderthalb bis zwei Stunden nach dem Essen beginne eine Reinigungswelle durch den Verdauungstrakt zu laufen. Aber die Abstände sollten auch nicht so lange sein wie beim Intervallfasten. Hille empfiehlt nämlich kleinere Portionen, mindestens drei am Tag. Auch auf den Fruchtzucker gelte es ein Auge haben. Beim Obst rät sie zu Bananen, Beeren und Kiwis. Birne und Mango, Kirschen und Pflaumen könnten dagegen schwierig sein. Auch die Low-FODMAP-Diät reduziert den Fruchtzucker. Wie Schumann sagt, ist die Therapie eine Soll-Empfehlung bei Reizdarm mit Durchfall und eine Kann-Empfehlung beim Typ mit Verstopfung. Dabei verzichtet der Patient sechs bis acht Wochen auf bestimmte kurzkettige Kohlenhydrate, für die die Anfangsbuchstaben der aus Australien stammenden Diät stehen. Dazu zählen Obst mit viel Fruktose, Milchprodukte und Zuckeraustauschstoffe. Wenn sie beschränkt werden, kann das helfen. Dann führt der Patient die Lebensmittel schrittweise wieder ein, um zu sehen, welche genau er nicht verträgt. Der Arzt warnt davor, die Diät dauerhaft einzuhalten, weil dann Nährstoffe fehlten. So werden auch Hülsenfrüchte, Knoblauch und Zwiebeln weggelassen. Es handelt sich also um eine Art Schonkost. Hille hat sogar den Eindruck, dass manche sich schwertun, Lebensmittel nach ein paar beschwerdefreien Wochen wieder zu probieren. Sie entwickeln Angst vor vielleicht gar nicht schädlichem Essen. „Aber das Mikrobiom braucht ja auch Futter.“ Traumreise in den Verdauungstrakt Patienten können auch Medizin schlucken, Mittel gegen Durchfall etwa. Auch Pfefferminzöl kann Beschwerden lindern. Außerdem gibt es Medikamente, die nicht für das Syndrom zugelassen sind, aber womöglich trotzdem helfen. Das zahlt dann aber nicht die Krankenkasse. Viele Patienten probieren es mit Probiotika, etwa dem aus der Werbung bekannten Produkt Kijimea, von dem ein Päckchen allerdings an die 90 Euro kosten kann. Wer Schmerzmittel nehmen will, dem rät der Mediziner, auf Paracetamol und Ibuprofen zu verzichten. Diese Wirkstoffe funktionierten bei Reizdarm schlecht, besser seien krampflösende Tabletten wie Buscopan. Hille bietet zudem eine Darmhypnose an. Mediziner Schumann nennt diese Methode eine Behandlungsoption, die in Studien einen Effekt gezeigt habe. Die Ernährungsberaterin warnt aber vor der Hoffnung „Ich lasse mich hypnotisieren, und dann ist alles gut“. Wie beim autogenen Training und anderen Entspannungstechniken sei es wichtig, die Hypnose regelmäßig zu wiederholen, anfangs mindestens 20 Minuten dafür zu investieren. Dafür hat Hille eine App entwickelt. Das Zwölf-Wochen-Programm mit einer Audiodatei für zu Hause kostet 149 Euro. „Man hört sich das an, wird in eine Trance geführt, geht an Stellen, wo es hakt.“ Ähnlich wie eine Traumreise verwendet die Hypnose Bilder, bloß dass die Reiseroute durch den Verdauungstrakt führt. Der Patient soll sich etwa einen ruhig plätschernden Bach vorstellen. Oder einen Ballon, der langsam die Luft herauslässt. So könne Tiefenentspannung auch in den Organen erreicht werden, und es lasse sich in das vegetative Nervensystem eingreifen, um eine Selbstheilung zu erreichen. Die Krankenkassen übernehmen diese Leistung nicht. Zu einer Beratung, für die Hille je Stunde 129 Euro nimmt, zahlen sie nach ihren Angaben unterschiedlich viel dazu, sofern der Arzt den Patienten mit einer Reizdarmdiagnose geschickt hat. Der typische Patient ist übrigens eine Patientin. Laut Schumann eher eine, die jünger ist als 40 und selten älter als 50. Hille berichtet, dass Frauen generell eine höhere Sensibilität für die Eingeweide hätten, vor allem rund um die Periode. Vielen helfe es aber zu erfahren: „Das Ding hat einen Namen, es ist kein Hirngespinst.“ Das Gute sei, etwa im Gegensatz zu Krebs: „Ich darf es wegdrücken.“
